
Clémence (Vicky Krieps) schreitet leichtfüßig durchs Leben. Sie schreibt an ihrem ersten Roman und hält sich beim regelmäßigen morgendlichen Schwimmtraining fit. Im Anschluss kann es passieren, dass sie sich in einer Umkleidekabine auf spontanen Sex mit einer Unbekannten einlässt. In ihrer Pariser Nachbarschaft ist sie als schlagfertige Nonkonformistin geachtet und beliebt. Dass das nicht so bleiben wird, deuten zunächst nur die dissonanten Streicher auf der Tonspur an.
Info
Love Me Tender
Regie: Anna Cazenave Cambet,
133 Min., Frankreich/ Luxemburg 2025;
mit: Vicky Krieps, Antoine Reinartz Antoine Reinartz, Monia Chokri
Weitere Informationen zum Film
Drei Jahre ging alles gut
Drei Jahre zuvor hat sie Laurent verlassen und sich seitdem das Sorgerecht für den gemeinsamen Sohn Paul (Viggo Ferreira-Redier) ganz unproblematisch mit ihm geteilt. Eine Woche ist Paul bei ihr, der coolen Mutter, eine bei seinem Vater mit dem Geld. Doch schon bei der ersten geplanten Übergabe nach der Offenbarung ihrer sexuellen Neuausrichtung hat der Achtjährige morgens keine Lust, seine Mutter überhaupt zu sehen.
Offizieller Filmtrailer OmU
Anschuldigungen und ihre Folgen
Das ist nur der erste Nadelstich in einem sich über Jahre hinziehenden Martyrium, das auf Clémence zukommt. Denn wenig später beantragt Laurent das alleinige Sorgerecht. Das begründet sein Anwalt mit dem homosexuellen, angeblich nicht kindgerechten Lebensstil von Clémence. Weiterhin behauptet er, sie sei als erfolglose Autorin gar nicht in der Lage, angemessen für ihren Sohn zu sorgen. Dass sie sich zudem weigere, in ihren früheren Beruf als Anwältin zurückzukehren, zeige, dass es ihr damit auch nicht ernst sei.
Zwar wird sich keine der Anschuldigungen als tauglich erweisen, um Clémence das Sorgerecht zu entziehen. Sie reichen jedoch aus, um die Erstellung eines psychologischen Gutachtens zu erwirken. Bis dessen Ergebnis vorliegt, so die Anordnung der Richterin, dürfen Mutter und Sohn sich nur begleitet in den Räumen eines dafür ausgerichteten Zentrums treffen.
Kampf um Selbstbestimmung
In ihrem zweiten Spielfilm, der auf dem gleichnamigen Roman von Constance Debré basiert, schildert Regisseurin Anna Cazenave Cambet den Kampf einer Frau um ihr Recht, für ihren Sohn da zu sein und mit ihm zu leben. Aber ebenso geht es Clémence darum, ihr Selbstbestimmungsrecht zu verteidigen – intellektuell, sexuell und beruflich.
Wie schwierig das bis heute auch in Frankreich – der Wiege der bürgerlichen égalité – sein kann, verdeutlicht die Regisseurin auf unterschiedlichen Ebenen, in dynamischen Bildern und mit pointierten, aber immer realistischen Dialogen. Selbst, wenn Clémence ihren pflegebedürftigen Vater auf dem Land besucht, kommt der immer wieder darauf zurück, wie sehr Laurent wohl unter ihren Eskapaden leiden muss.
Die Mühlen des Systems
Derweil mahlen die Mühlen von Rechtssystem und Betreuungs-Institutionen nervenaufreibend langsam. Zwar ist bald der Großteil des mit dem Fall betrauten Personals auf der Seite von Clémence. Doch das hilft ihr wenig, wenn Laurent Termine schlicht boykottiert oder Paul gegen seine Mutter aufbringt.
Bis zum Wiedersehen nach dem Beziehungsabbruch vergehen so anderthalb Jahre, in denen Clémence vom Aufwachsen ihres Sohnes ausgeschlossen bleibt. Ein bisschen Strafe muss nach dem patriarchal geprägten Recht wohl sein: Wenn es die Frau war, die bei Beendigung einer Beziehung gegangen ist, heißt es einmal, wird das immer noch als schwerwiegender angesehen als andersherum.
Bewegendes Spiel von Vicky Krieps
Hintergrund
Lesen Sie hier eine Rezension des Films "For Ellen" – Drama über Sorgerecht für gemeinsames Kind von So Yong Kim
und hier eine Besprechung des Films "Alles Fifty Fifty" – deutsche Komödie über geschiedene Eltern von Alireza Golafshan mit Moritz Bleibtreu
und hier einen Bericht über den Film "Was uns hält (Lacci)" – italienisches Drama über den Trennungsprozess eines langjährigen Ehepaares von Daniele Luchetti
und hier einen Beitrag über den Film "Bergman Island" – Beziehungschronik auf der Insel Fårö von Mia Hansen-Løve mit Vicky Krieps.
Getragen wird „Love Me Tender“ von seinen überragenden, nuanciert spielenden Darstellern, allen voran Vicky Krieps in einer ihrer bislang bewegendsten Rollen. Zurecht ist sie für diese beim Europäischen Filmpreis 2026 als beste Schauspielerin nominiert.
Absurdität + Schönheit
Clever ist auch, wie Cazenave Cambet Szenen eines rechtlich-bürokratischen Alptraums immer wieder mit solchen voller Liebe, Mut und Lebenswillen kontrastiert. Die großen und kleinen Dramen, die sich in Clémences Liebes- und Kreativleben parallel zum Kampf ums Kind abspielen, werden dabei immer wieder in Passagen aus ihren poetisch-autofiktionalen Texten reflektiert.
Zum Soundtrack, der zwischen stampfender Clubmusik und melancholischen Chansons pendelt, taucht das Licht der Île de France den Film in betörende Farben. Trotz der Absurdität der geschilderten Situation überlässt man sich angesichts der allgegenwärtigen Schönheit gern den Emotionen, die das hervorruft. Für ihre Protagonistin findet Cazenave Cambet dann auch noch ein adäquat federleichtes Ende.
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