
„Wir werden Freunde sein“, versichert Hermann Göring (Russel Crowe) dem Mann, der ihn gerade zum ersten Mal in der Haft besucht. Dr. Douglas M. Kelley (Rami Malek) zeigt sich geschmeichelt, aber er ist auf der Hut. Der US-amerikanische Armee-Psychiater – der erst mit dem bekannten Gefängnis-Psychologen Gustave M. Gilbert zusammenarbeitete und später mit ihm brach – wurde ins luxemburgische Bad Mondorf beordert. Dort muss er für die Alliierten die Verhandlungsfähigkeit der Hauptkriegsverbrecher untersuchen, die ab November 1945 in Nürnberg vor Gericht gestellt werden sollen.
Info
Nürnberg
Regie: James Vanderbilt,
148 Min., USA/ Ungarn 2025;
mit: Russell Crowe, Rami Malek, Michael Shannon
Weitere Informationen zum Film
Görings raffinierte Taktik
Als der NS-Funktionär nach der Kapitulation des Deutschen Reiches auf Kelley trifft, begegnet er seinem Gegenüber jovial, kooperativ und mit Respekt. Görings Taktik besteht in dem raffinierten Einsatz seines Charmes und Charismas. Russel Crowe beherrscht den Balanceakt: ein bisschen etwas von sich preisgeben, aber nur so viel, dass ein Rest von Überlegenheit und Geheimnis bleibt.
Offizieller Filmtrailer
Psycho-Duell ohne Spannung
Der Schauspieler wirkt in seiner Darstellung als Göring zwar nicht annähernd monströs genug – aber er verleiht seiner Figur das nötige Maß an Selbstbeherrschung, um sich mit Kelley jenes psychologische Katz-und-Maus-Spiel zu liefen, das im Zentrum von James Vanderbilts „Nürnberg“ steht. Mehr muss man über die Handlung kaum wissen.
Denn dem Regisseur geht es nicht um eine wahrheitsgetreue Rekonstruktion der Ereignisse um die legendären Prozesse: Im Kern ist sein Film ein Rede-Duell zwischen den beiden Hauptfiguren. Die dramatische Konstellation erinnert an die Zwiegespräche zwischen Hannibal Lecter und Clarice Starling in Jonathan Demmes Psychothriller-Klassiker „Das Schweigen der Lämmer“ von 1991. Doch gelingt es Vanderbilt nicht, mit seinem Drehbuch und seinen Darstellern eine vergleichbare Spannung zu erzeugen.
Kartentricks + Tintenkleckse
Insbesondere Malek erweist sich als Fehlbesetzung. Sein gewiefter Militärpsychologe wirkt eher wie eine lächerliche Karikatur. Allein schon sein affektiertes Auftreten macht ihn kaum vertrauenswürdig. Dazu kommt seine selbstgefällige Überheblichkeit gegenüber dem jungen Sergeant Howie Triest (Leo Woodall), der ihn als Übersetzer und Fahrer durch den Film begleitet.
Derweil wirkt Kelleys diagnostische Methode gegenüber Görings Intellekt nicht ebenbürtig: Erst versucht er, dem Inhaftierten mit Kartentricks und den Tintenklecksbildern von Rorschach-Tests auf die Schliche zu kommen. Doch je näher der Prozess rückt, desto selbstbewusster tritt Göring auf. Am Ende gelingt es dem Psychiater nur, über dessen Frau und Tochter eine emotionale Verbindung zu ihm aufzubauen.
Mundgerechte Aufbereitung eines Sachbuchs
Das Persönliche über das Politische zu stellen, ist offensichtlich auch Vanderbilts Ansatz. Der vielseitige Skript-Autor hat unter anderem die Drehbücher für „Zodiac“, Teile der „Scream“-Horror-Serie und den Action-Thriller „White House Down“ geliefert – und 2015 beim Polit-Medien-Thriller „Truth – Der Moment der Wahrheit“ Regie geführt. Nun liefert Vanderbilt einen Historienfilm über ein tristes Grusel-Thema ab, unterlegt mit einer Prise Humor.
Vanderbilts zweite Regiearbeit basiert auf dem Buch „Der Nazi und der Psychiater“ des US-Wissenschaftsjournalisten Jack El-Hai. Er inszeniert dieses Sachbuch vereinfacht und mundgerecht. Nach Nuancen und Reflexion sucht man in diesem Polit-Thriller vergeblich; ebenso nach Veranschaulichung der komplizierten Zusammenhänge rund um die Nürnberger Prozesse. Sie werden lediglich ansatzweise über die Nebenfiguren erläutert.
Weltgeschichte im Schnellverfahren
Hintergrund
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und hier einen Bericht über den Film "Elser" – Biopic über den wenig bekannten Hitler-Attentäter von Oliver Hirschbiegel mit Burghart Klaußner.
Wie der Prozess letztlich zustande kommt, wird in wenigen Szenen und bisweilen hölzern wirkenden Dialogen erklärt. Schlüsselpersonen und historische Hintergründe handelt der Film im Schnellverfahren mit Schnipseln von Archivmaterial und einem belehrenden Off-Kommentar ab. Während im Gerichtssaal endlich die Verhandlung beginnt, nimmt das psychologische Ringen zwischen Kelley und Göring allmählich an Fahrt auf.
Dem Grauen auf den Grund gehen
Dabei fällt es dem Arzt zunehmend schwerer, die notwendige Distanz zu wahren. Er verfolgt neben seinem offiziellen Auftrag eine eigene Recherche; in Wirklichkeit wurde Kelley bereits nach einem Monat abgelöst, während der Gefängnis-Psychologe Gustave M. Gilbert weiter in Nürnberg tätig war. Psychogramme der NS-Verbrecher zu erstellen, gelingt Kelley nicht: In dieser Hinsicht wird Hannah Arendt 1963 mit ihrem Prozessbericht „Eichmann in Jerusalem – Ein Bericht von der Banalität des Bösen“ mehr Verstand und Feingefühl beweisen.
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