Annemarie Jacir

Palästina 36

Rebell Yusuf (Karim Daoud Anaya) ergibt sich vermeintlich seinen britischen Verfolgern. Foto: © Philistine Films
(Kinostart: 14.5.) Leben und Sterben in der Levante vor Israels Staatsgründung: Regisseurin Annemarie Jacir zeichnet den Verlauf des arabischen Aufstands in Palästina 1936 bis 1939 nach – als Guerillakrieg gegen britische Besatzer. Einseitig, aber anschaulich und berührend; ein erhellender Perspektivwechsel.

Es gab Leben im britischen Mandatsgebiet vor der Gründung Israels 1948: Die Fixierung auf diesen Urknall und seine Folgen im unentwirrbaren Nahost-Konflikt verdunkelt in der öffentlichen Wahrnehmung häufig die ähnlich verwickelte Vorgeschichte dieses Brandherds. Dem will die christlich-palästinensische Regisseurin Annemarie Jacir abhelfen, indem sie deren wichtigste Episode nachzeichnet.

 

Info

 

Palästina 36

 

Regie: Annemarie Jacir,

119 Min., Palästina/ Großbritannien/ Frankreich/ Katar/ Saudi-Arabien/ Jordanien 2025;

mit: Karim Daoud Anaya, Yasmine al Massri, Jeremy Irons, Hiam Abbas

 

Weitere Informationen zum Film

 

Der dreijährige arabische Aufstand wurde von den britischen Besatzungstruppen gewaltsam niedergeschlagen. Die Zahl der Todesopfer wird auf rund 3000 bis 4000 Araber, 2000 bis 2500 Juden und 600 Briten geschätzt. Auslöser der Revolte waren vor allem zwei Entwicklungen: die jüdisch-zionistische Einwanderung nach Palästina, die 1917 von Großbritannien in der Balfour-Deklaration gebilligt worden war, und die Verarmung der dort ansässigen Araber durch übermäßige Besteuerung und Verschuldung. Dagegen griffen sie 1936 zu den Waffen.

 

Vom Dorf nach Jerusalem und zurück

 

Die vielschichtige Ausgangslage skizziert Regisseurin Jacir mithilfe diverser Schauplätze und Personen, deren Handeln miteinander verknüpft ist. Das Geschehen wechselt zwischen Jerusalem, Sitz des britischen Hochkommissariats und Wohnort der arabischen Elite, und dem fiktiven Dorf Al-Bassma im Umland, das einer realen Gemeinde nachempfunden ist. Zwischen beiden Orten pendelt Yusuf (Karim Daoud Anaya). Daheim hilft er bei der Feldarbeit, in der Stadt chauffiert er den vermögenden Amir Atef (Dhafer L’Abidine); der will Bürgermeister werden und konspiriert dazu mit Zionisten.

Offizieller Filmtrailer


 

Teilung des Landes wird abgelehnt

 

Dagegen ficht seine Frau Khouloud (Yasmine Al Massri) als Journalistin vehement für die Unabhängigkeit Palästinas. Dabei hilft ihr Thomas Hopkins (Billy Howle); der Sekretär von Hochkommissar Sir Arthur Wauchope (Jeremy Irons) sympathisiert mit der arabischen Seite. Sein Chef bewegt nach einem halbjährigen Generalstreik und zahlreichen Anschlägen jedoch London, die so genannte Peel-Kommission zu entsenden. Die empfiehlt nach Anhörung von Vertretern beider Volksgruppen im Juli 1937, das Mandatsgebiet zu teilen.

 

Im Norden soll ein kleiner jüdischer Staat entstehen, südlich davon ein großer arabischer, dazwischen eine britische Zone von Jerusalem bis Tel Aviv. Das lehnen die Araber ab; die Kämpfe flammen wieder auf. Der Film verfolgt, wie sie im Lauf des Jahres 1937 eskalieren. Die Kolonialmacht schickt 20.000 Soldaten, die unbarmherzig jeden Widerstand ersticken; etwa mit der Sprengung von Häusern und ganzen Dörfern als Vergeltung für Rebellen-Aktivitäten. Vor dem Höhepunkt der Gefechte 1938 bricht Regisseurin Jacir jedoch ab.

 

Kaum Juden + kein Mufti von Jerusalem

 

Nicht die einzige künstlerische Freiheit, die sie sich erlaubt. Gerade weil Jacir Entstehung und Anfänge des Aufstands detailliert und anschaulich nachzeichnet, fallen Lücken und Einseitiges umso stärker auf. Vor allem die optische Abwesenheit jüdischer Einwanderer: Zwar ist oft von ihnen die Rede, aber man sieht sie kaum – abgesehen von ein paar Archiv- und Realbildern, wie Zionisten enthusiastisch neue Kibbuzim aufbauen. Indes fällt unter den Tisch, dass jüdische Untergrund-Organisationen wie Irgun und Hagana bei den Unruhen kräftig mitmischten.

 

Stattdessen zählen die meisten Akteure zur Minderheit der christlichen Palästinenser. Die machte damals noch 15 bis 20 Prozent der arabischen Bevölkerung aus; nichtsdestoweniger dominierten die Muslime. Sie waren in mehrere Fraktionen gespalten; tonangebend war jedoch das “Arabische Hohe Komitee” unter Mohammed Amin al-Husseini, den die Briten als Mufti von Jerusalem eingesetzt hatten. Er propagierte militanten Antisemitismus und setzte sich an die Spitze der Aufstandsbewegung; später kollaborierte er mit den Nazis. Im Film taucht er nirgends auf.

 

Wie antikolonialer Befreiungskrieg

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "To a Land Unknown" – eindringliches Palästinenser-Flüchtlingsporträt von Mahdi Fleifel

 

und hier eine Besprechung des Films "Der Affront" – Zwei-Personen-Streit als packende Parabel des Nahostkonflikts von Ziad Doueiri

 

und hier einen Bericht über den Film "Eine Geschichte von Liebe und Finsternis" – Roman-Verfilmung zur Staatsgründung Israels 1948 von + mit Natalie Portman

 

und hier einen Beitrag über den Film "Bethlehem" – beeindruckend nüchternes Drama über das Doppelleben eines palästinensischen Informanten von Yuval Adler

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung "This Place" – kontrovere Fotoschau über Israel + Palästina im Jüdischen Museum Berlin.

 

Keine jüdischen Gegenspieler, Christen als Sympathieträger, ein ausgeblendeter Scharfmacher – überhaupt spielt Religion praktisch keine Rolle: Fliegenbeinzähler auf beiden Seiten dürften noch zahlreiche weitere Einzelheiten finden, die vereinfacht oder verfälscht dargestellt werden. Doch das ist sekundär; ein Historienfilm muss keine unparteiische Geschichtslektion sein. Seine Qualitäten liegen woanders.

 

Zum ersten Mal führt – zumindest fürs westliche Publikum – eine ambitionierte Großproduktion mit viel Geschick bei Figurenkonstellation, Handlungsverlauf und Inszenierung die damaligen Ereignisse aus der Sicht der Einheimischen vor. Sie erleben die Einwanderer als Invasoren, die ihnen ihr Land wegnehmen und dabei von den Besatzern protegiert werden. Ihre Gegenwehr empfinden sie als legitimen Widerstand gegen eine Kolonialmacht, was den arabischen Aufstand in die Nähe antikolonialer Befreiungskriege in Afrika und Asien rückt.

 

Grausam gutes Timing

 

Dieser Perspektivwechsel ist überfällig: weil er die Wurzeln der Verbitterung heutiger Palästinenser vor Augen führt, weswegen sie hartnäckig an Schimären wie einem Rückkehrrecht nach Israel festhalten. Grausame Ironie: Dieser Film kommt wohl zur rechten Zeit ins Kino.

 

Wegen des Gaza-Kriegs, der mehrmals die Dreharbeiten in Palästina und Jordanien unterbrach und das ganze Unternehmen infrage stellte. Doch Israels grausame Kriegsführung hat den jüdischen Staat weltweit viel Unterstützung gekostet. Nun könnten auch Philosemiten eher bereit sein, in den Blick zu nehmen, was die andere Seite bewegt.