
„Fuck the Queen!“ bricht es lautstark aus John Davidson (Robert Aramayo) heraus, und für einen Moment herrscht verstörte Stille im Saal. Die britische Monarchin ist anwesend, aber sie nimmt den Vorfall mit Gelassenheit. Sie weiß, dass der Schotte die Beleidigung nicht ernst gemeint hat. Seit seiner frühen Jugend lebt John mit dem Tourette-Syndrom. Die damit verbundenen motorischen und vokalen Tics kann er nicht steuern, auch nicht in Gegenwart der Königin.
Info
Verflucht Normal (I Swear)
Regie: Kirk Jones,
121 Min., Großbritannien 2025;
mit: Robert Aramayo, Maxine Peake, Peter Mullan
Weitere Informationen zum Film
Kindheit in grauer Landschaft
Auf den amüsanten Einstieg folgt ein Blick zurück in Davidsons Kindheit Mitte der 1980er Jahre: graue Landschaften, Sozialbauten und „Blue Monday“ von New Order auf der Tonspur. Für den 12-jährigen John, der im schottischen Galashiels aufwächst, sieht die Zukunft zunächst noch hoffnungsvoll aus. Die Schule liegt ihm, als Torwart hat er außergewöhnliches Talent, und sein Vater ist stolz auf ihn. So könnte es weitergehen. Doch dann beginnt John, Tics zu entwickeln.
Offizieller Filmtrailer
Schlüsselerlebnisse einer Jugend
Erst ist es ein Schulterzucken, dann kann er plötzlich auf dem Fußballplatz den Ball nicht mehr halten, und im Klassenraum stößt er Obszönitäten und Schimpfwörter aus. Sein Krankheitsbild ist in dieser Zeit noch kaum bekannt; so wissen weder Eltern noch Lehrer das Verhalten des Jungen einzuschätzen. Sämtliche Versuche, ihn zu disziplinieren, schlagen fehl. Als John Jahre später die Diagnose Tourette gestellt bekommt, ist seine Familie bereits zerbrochen. Auch alle Freunde hat der Teenager verloren, ebenso wie sein Selbstbewusstsein.
Die starken Medikamente, die sein unkontrolliertes Verhalten regeln sollen, betäuben lediglich die Symptome. Johns Scham und Verzweiflung bekämpfen sie nicht. Kirk Jones, der seit seinem Spielfilmdebüt „Lang lebe Ned Divine“ (1998) auf warmherzige Komödien spezialisiert ist, schlägt im ersten Teil seines Films über Davidsons Leben ungewohnt ernste Töne an. Einfühlsam und schonungslos arbeitet er die Schlüsselerlebnisse und Details ab, die eine so schwierige und bisweilen heute noch tabuisierte Erkrankung wir Tourette mit sich bringen: In seiner Jugend wird John gehänselt und verlacht, verhaftet und verprügelt. Der Film beschönigt nichts.
Emotionales Potential einer Erfolgsgeschichte
Johns Lage bessert sich erst mit Mitte Zwanzig, als er zufällig seinen alten Schulfreund Murray wiedertrifft. Murray stellt ihm seine an Krebs erkrankte Mutter Dottie (Maxine Peak) vor. Sie ist Krankenschwester und die Einzige, die in John keinen „Irren“ sieht. Ihre Unvoreingenommenheit nimmt John etwas von dem Druck, der auf ihm lastet – und auch aus dem Film, der nun langsam Kurs nimmt auf die Erfolgsgeschichte, die hier im Zentrum steht.
Der Regisseur nutzt das emotionale Potential von Davidsons Werdegang und spielt dabei unverhohlen mit den Gefühlen des Publikums. Aber das stört nicht. Bald ist man als Zuschauer emotional genug in die Figuren involviert, um über Klischees und Stereotype hinwegzusehen. „Verflucht Normal“ ist ein crowdpleaser: rund und weich, aber trotzdem frisch.
Kein Kitsch dank guter Darsteller
Dass die berührendsten Momente nicht in Kitsch abgleiten, verdankt Jones seinem hervorragenden Ensemble. Robert Aramayo bringt sichtlich viel Energie und Feingefühl für seine Darstellung auf; er lässt Johns irritierendes Verhalten vollkommen natürlich wirken. Maxine Peake überzeugt als offenherzige Dottie, die erkennt, dass John mehr als nur medizinische Hilfe braucht. Unschlagbar aber ist Peter Mullan als Hausmeister in einem Gemeindezentrum, der John einen Job gibt. Ihm überlässt Jones‘ Drehbuch einige der besten Pointen.
Hintergrund
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und hier einen Beitrag über den Film "Motherless Brooklyn" – mit Tourette-Syndrom durch Brooklyn der 1950er Jahre von + mit Edward Norton.
Skandal bei Preisverleihung
Die BAFTAs gelten als wichtigste Preise für die britische Filmbranche. „Verflucht Normal“ wurde bei der Gala im Februar mehrfach ausgezeichnet. Doch an dem Abend kam es zu einem unglücklichen Zwischenfall: Davidson rief während der Veranstaltung unwillkürlich eine rassistische Beleidigung. Obwohl die BBC die Veranstaltung zeitversetzt übertrug, war sie auch in der Aufzeichnung zu hören.
Den folgenden Skandal kommentierte Jones mit den Worten: „Die übergreifende Ironie ist, dass Vorfälle wie dieser der Grund sind, warum wir den Film überhaupt gedreht haben“. Die Queen sei mit einer vergleichbaren Situation eindeutig besser umgegangen, wie die Szene zu Beginn des Films zeige, so der Regisseur: „Aber für John macht es am Ende keinen Unterschied. Die Scham ist für ihn immer noch ein Faktor.“
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