Damiano Michieletto

Vivaldi und ich

Cecilia (Tecla Insolia) bleibt stets hinter einer Maske verborgen. Foto: X Verleih
(Kinostart: 21.5.) Erst musizieren, dann heiraten: Der Lebensweg junger Waisenhaus-Bewohnerinnen im Venedig des 18. Jahrhunderts war festgelegt. Eine wagt jedoch, gefördert vom Barock-Komponisten Vivaldi, sich zu widersetzen – das inszeniert Regisseur Damiano Michieletto so geradlinig wie sinnlich.

Die Ospedali Grandi waren der musikalische Stolz der Republik Venedig, die bis 1797 bestand. In diesen Waisenhäusern wurden junge Mädchen an Instrumenten ausgebildet; sie musizierten, hinter einem Gitter verborgen, zu liturgischen wie weltlichen Anlässen. So trugen sie zum Prestige der Institutionen und ihrer Förderer bei.

 

Info

 

Vivaldi und ich 

 

Regie: Damiano Michieletto,

111 Min., Italien/ Frankreich 2025;

mit: Tecla Insolia, Michelle Riondino, Andrea Pennacchi

 

Weitere Informationen zum Film

 

Dieses Geschäftsmodell verband dabei geschickt karitatives und wirtschaftliches Kalkül: Wenn sie das entsprechende Alter erreichten, wurden die zu Kultiviertheit und Gehorsam erzogenen Mädchen gegen hohe Summen an betuchte Bürgern verheiratet. Mit ihrer Musik-Karriere war es dann allerdings vorbei.

 

Hochzeit mit dem Kriegsheimkehrer

 

Dieses Schicksal steht auch Cecilia (Tecla Insolia) bevor. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts spielt sie Violine im Orchester des Ospedale de la Pietà, einem der vier größten und angesehensten Häusern der Stadt. Sie ist bereits einem Offizier versprochen; sobald er aus dem Krieg gegen das Osmanische Reich zurückkehrt, wird sie ihn heiraten.

Offizieller Filmtrailer


 

Vivaldi kommt krank + erfolglos

 

Wie viele der hier lebenden Mädchen wurde sie anonym im Ospedale abgegeben – die Häuser hatten eine Babyklappe und ein simples System zur Identifikation. Allerdings hat Cecilia die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass ihre Mutter sie einst wieder hier abholen werde. So schreibt sie ihr, die sie nie kennengelernt hat, in nächtlichen Sitzungen in der verlassenen Kirche tagebuchartige Briefe.

 

Dann beruft die Leitung des Hauses Antonio Vivaldi (Michele Riondino) als musikalischen Leiter. Der neue Maestro wird von Erfolglosigkeit und Krankheit geplagt; er wirkt mürrisch und geistesabwesend. Als er sich nachts zum Komponieren an die Kirchenorgel setzt, trifft er auf die schreibende Cecilia, und zwischen den beiden entwickelt sich eine musikalische Freundschaft. Er erkennt ihr Talent und befördert sie zur ersten Geigerin des Orchesters.

 

Historiendrama ohne Reizüberflutung

 

In gemessenem Tempo entwickelt Damiano Michelotto seine geradlinig erzählte Geschichte, die auf einem Roman des venezianischen Autoren Tiziano Scarpa basiert. Als Filmregisseur ist Michelotto ein Quereinsteiger; nach etlichen Opern- und Theater-Inszenierungen bildet „Vivaldi und ich“ seine erste Kinoarbeit. Doch von theatralischer Überzeichnung, Pomp und großen Gesten ist seine Inszenierung weit entfernt.

 

Vielmehr hat er an Originalschauplätzen ein realistisches Historiendrama gedreht; detailreich ausgestattet, aber frei von Reizüberflutung. Es gibt Einstellungen bei warmem Kerzenlicht, Gondelfahrten durch Venedigs Kanäle und bebende Brüste in Korsetten, wie es sich gehört, aber nichts davon drängt sich in den Vordergrund. Der ist allein der Hauptfigur Cecilia und ihrem Erwachen vorbehalten.

 

Neuer Job tut Vivaldi gut

 

Ihr Mentor und Förderer Vivaldi hat etwas von einer Karikatur an sich: Zunächst ist er unwirsch, depressiv, und mit häufigen Hustenanfällen scheinbar dem Tode nah. Später erscheint er, möglicherweise erfrischt durch seine neue Stelle, zunehmend gesünder und milder. Eine romantische Beziehung zwischen den beiden – oder anderen – entspinnt sich jedoch nicht. Liebe und Sex sind in diesem Film reine Handelsware.

 

Vivaldi fungiert in Cecilias Leben als Mentor und Geburtshelfer ihrer Eigenständigkeit. Am Ende vermerkt eine Texttafel, dass er jahrzehntelang als Maestro am Ospedale de la Pietà wirkte und 1741 unbeachtet in Wien starb. Dabei feierte Vivaldi am Anfang des 18. Jahrhunderts große Erfolge. Später geriet seine Musik in Vergessenheit; sein Werk wurde erst in den 1930er Jahren wieder entdeckt.

 

Artist branding am Knöchel

 

Cecilia dagegen, überzeugend verkörpert von der musisch ausgebildeten Schauspielerin Tecla Insolia, lernt durch seine Ermunterung, ihre eigene Begabung zu schätzen. Sie beginnt, mit dem Herzen zu musizieren und gleichzeitig, ihren vorgezeichneten Weg zu hinterfragen. Diese Entwicklung vollzieht sich nicht allein in Dialogen, sondern auch wortlos, im klug austarierten Zusammenspiel von Inszenierung und Filmmusik.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Gloria!" – herrlich beschwingter Historienfilm über Musikerinnen im venezianischen Waisenhaus von Margherita Vicario

 

und hier eine Besprechung des Films "Licht" – bildgewaltiges Historien-Drama über eine blinde Pianistin im 18. Jahrhundert von Barbara Albert

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung "Venezia 500<< – Die sanfte Revolution der venezianischen Malerei" – umfassender Epochen-Überblick in der Alten Pinakothek, München

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung "Tiepolo – Der beste Maler Venedigs" – große Werkschau des bedeutendsten Künstlers des 18. Jahrhunderts in der Staatsgalerie Stuttgart.

 

Das Orchester wird unter Vivaldis Leitung zunehmend zu privaten Anlässen in der Stadt eingeladen, zu denen die jungen Frauen maskiert anreisen und auftreten – eine frühe Form von artist branding, das Keuschheit suggeriert, zugleich ihr Mysterium steigert, und damit ihren Marktwert. Ein buchstäbliches branding haben die Musikerinnen schon zuvor erfahren: Sie alle tragen das Brandzeichen des Ospedale am Knöchel. Bei den Gastspielen bekommen sie, die ihre Heimstatt nie verlassen haben, einen Vorgeschmack auf ihr Leben nach der Heirat.

 

Besser fliehen als heiraten

 

Als Cecilia vor dem dänischen König spielt, lobt er ihre Spielkunst und demütigt sie zugleich, indem er das Vorrecht erkauft, ihre Maske abzunehmen. Es ist eine der unbehaglichsten Szenen des Films; daraus zieht Cecilia ihre Konsequenzen. Nachdem sie durch heimliche Nachforschungen erfahren hat, dass ihre Mutter wohl eine Prostituierte war, beschließt sie, ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen. Anstatt Ehefrau eines Offiziers zu werden, will sie als Musikerin im Ospedale bleiben.

 

Dafür zahlt sie einen hohen Preis; anstelle einer beschiedenen Karriere bleibt ihr schließlich nur die Flucht – ein zwiespältiges Ende. Dass Cecilia im Waisenhaus genug Erfahrung gesammelt hat, um sich allein durchzuschlagen, mag man nach dem bisher Gesehenen kaum glauben. Wahrscheinlicher scheint, dass sie nolens volens den Weg ihrer Mutter gehen wird.

 

Positiv offenes Ende

 

Das Publikum mit solchen Fragen allein zu lassen, spricht jedoch eher für als gegen den Film und passt zu seinem nüchternen, aber sinnlichen Charakter. Mit seiner weitgehend authentischen Darstellung des Musiklebens im Ospedale identifiziert der Regisseur die jungen Frauen elegant als Vorläuferinnen moderner Profi-Musikerinnen.