Renate Reinsve + Chiwetel Ejiofor

Backrooms

Der Therapeut Clark (Chiwetel Ejiofor) ist in einer alptraumhaften Parallelwelt gefangen. Constnatin Film
(Kinostart: 18.6.) Hinter jedem Raum lauert der nächste: Die Backrooms waren anfangs eine kollektive Internet-Fantasie. Dann drehte der junge Regisseur Kane Parsons darüber eine Videoclip-Serie – nun folgt sein Kinofilm: als schreckensreiche Bebilderung der Urangst, der Realität abhanden zu kommen.

Clark (Chiwetel Ejiofor) wollte eigentlich Architekt werden. Nun lebt er von seiner Frau getrennt und betreibt erfolglos einen Möbelladen. Vom Leben enttäuscht, neigt er zum Trunk und zum Jähzorn, was ihm seine Therapeutin Mary (Renate Reinsve) mit Rollenspielen bewusst machen will. Sie glaubt, dass jedes seelische Tief einen Ausweg bereithält, aber sie dringt damit nicht zum unglücklichen Möbelverkäufer durch.

 

Info

 

Backrooms

 

Regie: Kane Parsons,

110 Min., Kanada/ USA 2026;

mit: Chiwetel Ejiofor, Renate Reinsve, Mark Duplass 

 

Weitere Informationen zum Film

 

Eines Tages stürmt er aus der Therapie-Sitzung und lässt sich nicht wieder blicken. Denn im Erdgeschoss seines Lagers hat er durch Zufall etwas in der Wand gefunden, das ihn fasziniert: ein unsichtbares Portal in eine surreale Parallelwelt aus endlosen, gelb tapezierten Gängen, die an leerstehende Büroetagen erinnern. Wobei jeder neue Abschnitt neue bizarre Details enthält, welche die Realität als albtraumhaftes Echo nachäffen. Trotz seiner Beklemmung überredet er seine beiden Angestellten, ihn auf einer Exkursion in die Tiefen der „Backrooms“ zu begleiten.

 

Keine persönliche Erfindung

 

Die Backrooms sind keine Erfindung des erst 20-jährigen Regisseurs Kane Parsons bei seinem Kinodebüt; so wenig, wie die Brüder Grimm etwa Hänsel und Gretel erfunden haben. Wie jedes Märchen beruht es auf älteren Versionen; ebenso wurzelt Parsons grell ausgeleuchteter Gruselfilm auf einer zuvor existierenden, vergleichsweise jungen Modernen Sage, die 2016 im Internet entstanden ist.

Offizieller Filmtrailer


 

24 Videoclips bei Youtube

 

Auf einem message board kommentierte ein anonymer Benutzer das Foto eines leeren Verkaufsraums mit einer kurzen Gruselstory, die in etwa besagt: Wenn du nicht aufpasst, landest du in den Backrooms mit gelb tapezierten Wänden über Millionen Quadratmeilen samt alter Auslegware und Neonröhren. Zwei wichtige Details: Es keinen Ausgang, und: du bist nicht allein. Das entspricht der Raumerfahrung von Videospielen, gekreuzt mit Aspekten unmöglicher Architektur und des Films.

 

Andere user griffen die Idee eines endlosen Parallel-Universums auf und erweiterten sie: als Chiffre für totale Entfremdung in einem Raum, in dem man allein seinen Dämonen begegnet. Dann kam Regisseur Kane Parsons ins Spiel: Als damals 16-Jähriger veröffentlichte er 2022 ein Youtube-Video, das im amateurhaften found footage-Stil einen unfreiwilligen Sturz in einen dieser Backrooms „dokumentiert“. Die Resonanz war enorm. Also ließ Parsons dem Auftakt 24 weitere Clips folgen, in denen er einen narrativen Zusammenhang herstellte; wie eine Pseudo-Doku mit dem altmodischem look einer VHS-Videokamera.

 

Bedeutungs-Vielfalt wird eindeutig

 

Der Erfolg hielt an; deshalb darf Parsons nun auch in der Kinoversion Regie führen. Nach einem Anfang in VHS-Ästhetik werden in normalen Filmbildern die Personen eingeführt. Es sind nur wenige: Als Clark und seine Mitarbeiter von ihrer Expedition nicht zurückkehren, folgt ihm seine besorgte Therapeutin Mary in den Irrgarten der gelben Gänge. Diese halten in der Tat einigen Schrecken parat.

 

Eine der schwierigsten Herausforderungen hat sich der Regisseur selbst eingebrockt: Indem er die Herkunft und damit quasi das Wesen der Backrooms in seinen Youtube-Videoclips offengelegt hatte, hat er sie in gewisser Weise auch entzaubert. Zuvor taugten sie als Metapher für alles mögliche: Tod, Hölle, Depression, Paranoia, Burnout oder Wahnsinn. Bilder von wirtschaftlichem Niedergang und einer Arbeitswelt, die sich ausweglos ins Unendliche ausdehnt, können vielfältig interpretiert werden.

 

Surrealer Horror + deplatzierter Humor

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Heretic"Mystery-Katz-und-Maus-Spiel von Scott Beck und Bryan Woods mit Hugh Grant

 

und hier eine Besprechung des Films "Baby To Go" – faszinierende SciFi-Satire von Sophie Barthes mit Chiwetel Ejiofor

 

und hier einen Beitrag über den Film "A Cure for Wellness" – glänzend grusliger Mystery-Thriller in abgelegenem Sanatorium von Gore Verbinski.

 

Nachdem Parsons diese schillernde Formlosigkeit einem Narrativ geopfert hat, das für Horrorfilme typisch ist, gelingt es ihm nun, der Schauergeschichte wieder etwas von ihrem Schauer zurückzugeben. Während seine Youtube-Serie auf einige Gewissheiten hinauszulaufen schien, stehen sie nun wieder zur Disposition – und zwar weitgehend, ohne die Logik der Erzählung zu verletzen. Das ist das größte Kunststück des Films.

 

Die übrigen Kunststückchen sind mal besser, mal schlechter: Der erneute Einsatz einer Videokamera erweist sich als dramaturgischer Klotz am Bein. Und in den Kreaturen, die im Innern des Irrgartens leben, trifft sich surrealistischer Horror mit etwas deplatziertem Humor. Gelungen sind die Ausstattungsdetails und die Raumgestaltung in den Tiefen der Backrooms.

 

Fortsetzung könnte folgen

 

Da dürften wohl auch die Bilder des niederländischen Künstlers M.C. Escher (1898-1972) von unmöglichen Körpern und Räumen als Inspirationsquelle gedient haben. Das zutiefst beunruhigende Ende eröffnet Spielräume für Fortsetzungen, aber auch für Spekulationen über die Natur dieser Backrooms. Sie gründen in der Urangst, der Realität abhanden zu kommen.