Amine Adjina

Couscous und Geheimnisse

Souhila (Hiam Abbass) ist wie eine Mutter für Mehdi (Younès Boucif)i. Foto: © 2026 Ligthouse
(Kinostart: 25.6. Meine Freundin, unser Bistro, ihre Schwiegermutter und ich: Französische Lebensart trifft in der Komödie von Amine Adjine einmal mehr auf muslimische Werte, ohne jemandem wehzutun. Allein die darstellerische Leistung von Hiam Abbas gibt dem Film etwas von der Würze, die ihm sonst abgeht.

Eine Lüge fällt dem jungen Koch Mehdi (Younès Boucif) auf die Füße. Er wohnt in Lyon, wo er mit seiner Freundin Lea (Clara Bretheau) ein Bistro eröffnen will. Ihr hat er erzählt, seine Mutter würde in Algerien leben. Doch eines Tages steht unerwartet seine schwangere Schwester vor der Tür, die er Lea ebenfalls verschwiegen hat. Als das Gespräch auf seine Mutter kommt, will Lea diese endlich kennenlernen. Statt reinen Tisch zu machen, verstrickt sich Mehdi immer weiter in Notlügen.

 

Info

 

Couscous und Geheimnisse 

 

Regie: Amine Adjina,

104 Min., Frankreich 2025;

mit: Hiam Abbass, Younès Boucif, Clara Bretheau

 

Weitere Informationen zum Film

 

Der ebenfalls französisch-algerische Schauspieler und Theatermacher Amine Adjina erzählt in seiner Culture-Clash-Komödie „Couscous und Geheimnisse“ von den Problemen junger Menschen mit Migrationsgeschichte, die versuchen, sich bestmöglich zu integrieren und dabei ihre Tradition nicht zu verleugnen. Das ist beileibe kein neues Sujet. Adjina verpackt es in eine launige Familiengeschichte, der es allerdings an Würze fehlt.

 

Ein folgenreiches Angebot

 

Für den Pfeffer in Mehdis Lügengerüst sorgt die lebenslustige Souhila (Hiam Abbass), in deren Kneipe Mehdi Stammgast ist. Sie mag ihren „kleinen Algerier“ und bietet ihm aus einer Laune heraus an, für ein Treffen dessen Mutter zu spielen. Das erscheint dem überforderten Jungkoch zumindest als brauchbare Idee, und er lässt sich darauf ein.

Offizieller Filmtrailer


Culture Clash nach französischer Art

 

Dafür hat Mehdi seine Gründe, denn seine verwitwete Mutter Fatima (Malika Zerruki) zieht ihn und seine Schwestern nach traditionellen muslimischen Familienwerten groß. Seit dem Tod des Vaters ist Mehdi quasi der Mann im Haus und versucht, seine stets besorgte Mutter vor Leid zu schützen. Er hofft allerdings darauf, dass der Zustand nur vorübergehend ist, denn Fatimas Haus in Algerien ist fast fertig gebaut.

 

„Couscous und Geheimnisse“ ist insofern eine typisch französische Komödie, als dass die Problematik der Situation mit leichtem Ton und einer gewissen Lockerheit aufgebaut wird. Außerdem wird die französische Lebensweise, hier in Form der Bistro-Cuisine, der sich der junge Koch verschrieben hat, konterkariert von einer Lebenswelt, die sich davon erheblich unterscheidet.

 

Fatima und ihre Kinder

 

Das bringt auch einen ordentlichen Haufen Klischees mit sich, die sich mit viel Wohlwollen als Momente übersteigerter Realität wahrnehmen lassen. Da ist die muslimische Mutter, die für ihren Sohn eine Braut aussucht, die ebenfalls aus Algerien stammt. Derweil denkt ihre unverheiratete Tochter über einen Schwangerschaftsabbruch nach, während der Lebensgefährte der anderen Tochter es nicht übers Herz bringt, seinen Sohn in muslimischer Tradition beschneiden zu lassen.

 

Abstrus sind auch Fatimas inszenierte Schwächeanfälle, wenn es wieder eine „schlechte Nachricht“ gibt. So kommt der gutmeinende Sohn gar nicht dazu, seiner Mutter von der französischen Freundin und den Plänen vom eigenen Restaurant zu erzählen. Und er kommt auch nicht dazu, Lea und ihren Eltern, die immerhin das Bistro mitfinanzieren, die Wahrheit über seine Familie aufzutischen.

 

Die flamboyante Ersatzmutter

 

Das alles ist zwar recht nett inszeniert, aber die Drehung der Eskalationsschraube wird schnell absehbar, und gegen Ende gelingt es der Komödie nicht wirklich überzeugend, die Situation aufzulösen. Es werden Familienzusammenhalt und die Tugend der Vergebung beschworen, und das Leben geht weiter, als wäre nichts geschehen. War da was?

 

Ja, da war was: Schauspielerin Hiam Abbass, die ihre Rolle als lebenskluge und herzliche Souhila voll auskostet. Mehdis Wahlmutter ist ebenso flamboyant wie pfiffig, ebenso mitfühlend wie mutig und hat eindeutig die besten Szenen in „Couscous und Geheimnisse“. In ihrer Küche erfährt Mehdi, dass Frauen schon immer große Lügnerinnen waren, denn das sei überlebenswichtig.

 

Bauchtanz im Großraumabteil

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "La Cocina – Der Geschmack des Lebens" – turbulente Gastro-Tragikomödie von Alonso Ruizpalacios

 

und hier eine Besprechung des Films "Brasserie Romantiek – Das Valentins-Menü" – amüsante Sozialstudie aus Belgien über Liebe, die durch den Magen geht, von Joël Vanhoebrouck

 

und hier einen Beitrag über den Film "Gaza Mon Amour"realistische Liebesgeschichte aus Gaza von Tarzan und Arab Nasser mit Hiam Abass.

 

Von ihr muss er sich auch fragen lassen, wie er sich einen Koch schimpft, wenn er nicht einmal Couscous zubereiten kann. Souhilas Charme, Lebensfreude und Weltoffenheit sind es letztlich, die das Publikum für diese etwas fade Komödie einnehmen können. Wer wollte nicht schon immer an einem spontanen Bauchtanz-Kurs im Großraumabteil des Zuges teilnehmen?

 

In „Couscous und Geheimnisse“ gehen die Probleme einer multikulturellen Gesellschaft auch durch den Magen. Dabei wird kein Foodporn aufgetischt, der die Kulinarik ästhetisch überhöht. Vielmehr geht es um die Stimmung, die gemeinsames Tafeln und Genießen ausmachen.

 

Identität geht durch den Magen

 

Mehdi findet Geborgenheit in der französischen Bistro-Küche und vergisst dabei die Kochkultur, mit der er aufgewachsen ist. Als er seine Mutter fragt, warum die ihm nie gezeigt habe, wie man Couscous kocht, antwortet Fatima, Mehdi habe nie gefragt. So schlicht verschiebt sich die Verantwortung für die eigene Existenz.