
Steven Spielberg, der kommerziell erfolgreichste Regisseur der Filmgeschichte, glaubt an Aliens. Nicht nur an ihre Existenz, sondern auch, dass ein Kontakt mit ihnen vorteilhaft für die Menschheit wäre, wenn nicht sogar: ihre letzte Hoffnung. Dies war die Botschaft seines ersten Science-Fiction-Films „Unheimliche Begegnung der dritten Art“ von 1977; fünf Jahre später wiederholte er sie mit „E.T. – Der Außerirdische“ in kindgerechter Form.
Info
Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit
Regie: Steven Spielberg,
145 Min., USA 2026;
mit: Emily Blunt, Colin Firth, Josh O'Connor
Weitere Informationen zum Film
Der Whistleblower + die Wetterfee
Bei den Auserwählten handelt es sich um Daniel (Josh O’Connor), einen Ex-Mitarbeiter der supergeheimen WARDEX-Agentur, der zum whistleblower wurde, und die Journalistin Margaret (Emily Blunt), die für einen lokalen TV-Sender in Kansas City die Wettervorhersage präsentiert. Dabei steigt der Film in Daniels Geschichte mit vollem Karacho ein. Seine früheren Vorgesetzten haben seine Freundin Jane (Eve Hewson) gekidnappt und erpressen ihn nun, um geheimes Material zurück zu erhalten, das er aus seinem Büro entwendet hat.
Offizieller Filmtrailer
Singvogel lässt in Zungen reden
Es geht um Datenträger voller Dokumente und Filme, die unter Verschluss gehalten werden. Angeblich beweisen sie, dass an den Spekulationen über das militärische Sperrgebiet „Area 51“ etwas dran ist. Dort sollen unter anderem die Überreste eines Raumschiffs von Außerirdischen gelagert werden, das 1947 in der Nähe von Roswell, New Mexico, abgestürzt sein soll. Außerdem hat Daniel ein Stück veritabler Alien-Technologie mitgehen lassen. Bei der Übergabe trickst er den sinistren WARDEX-Chef Noah (Colin Frith) mit seinem Team aus und flieht mit Jane und der brisanten Beute.
Für Margaret nimmt sich Steven Spielberg etwas mehr Zeit: Sie wird als so unsteter wie liebenswerter Charakter eingeführt. Auf der Suche nach ihrem Platz im Leben zieht sie rastlos von Stadt zu Stadt und strapaziert das Verständnis ihres singer/songwriter-Partners. Doch nach der Begegnung mit einem feuerroten Singvogel fängt sie an, in Zungen zu reden: erst Russisch, dann Koreanisch und schließlich, ausgerechnet während einer Live-Sendung, im Klicklaute-Dialekt der Außerirdischen.
Viel Trubel um konventionellen Plot
Das bleibt dem WARDEX-Boss nicht verborgen; nun wird auch Margaret in die eskalierende Affäre mit hineingezogen. Ihrem Bauchgefühl folgend, findet sie zunächst Daniel. Dabei hilft ihr, dass die Aliens sie zu ihrem Sprachrohr auserkoren haben und sie mit allerlei mentalen Superkräften ausstatten. So schlagen sich die beiden Auserwählten zu Daniels Mentor Hugo (Coleman Domingo) durch; er ist so ziemlich der Einzige, der weiß, was hier gespielt wird.
Nach einem turbulenten und technisch makellosen Auftakt verheddert sich der Film nun in Personen-Zusammenführungen und -trennungen sowie magischen, aber allesamt durch die überlegene Technologie der Aliens ermöglichten Ereignissen, nachgereichten Erklärungen und diversen Verfolgungsjagden. Doch all dies kann kaum darüber hinwegtäuschen, wie konventionell der Plot gestrickt ist.
Erinnerung an Kubricks A.I.-Projekt
Die Außerirdischen, um die sich ja alles drehen soll, lassen derweil auf sich warten. Sie treten zunächst nur in Gestalt niedlicher Waldtiere auf und setzen damit dem von High-Tech und Tempo dominierten Produktdesign ein paar Disney-Momente entgegen. Im dritten Akt werden alle Handlungsstränge mit Ach und Krach zusammengeführt, wobei unseren Helden wundersamerweise alles gelingt, doch ihren Häschern rein gar nichts. Spannend ist das längst nicht mehr; mit dem unvermeidlichen Augenblick der Enthüllung endet auch der Film.
Das ist schade; nach all den Jahren hätte man sich von Spielbergs dritter Begegnung der dritten Art doch etwas mehr versprochen als eine Art Remix seiner ersten beiden Alien-Filme. An deren Charme und Originalität kommt „Disclosure Day“ kaum heran. Vielmehr erinnert es – vor allem in seiner dramaturgischen Unausgeglichenheit – an Spielbergs missglückten Versuch, 2001 das Filmprojekt „A.I. – Künstliche Intelligenz“ seines zwei Jahre zuvor verstorbenen Freundes Stanley Kubrick zu vollenden.
Katholikin bezweifelt Enthüllungs-Strategie
Hintergrund
Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Die Fabelmans" – gelungenes halbautobiographisches Kino-Familienporträt von Steven Spielberg
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und hier einen Beitrag über den Film "A Great Place to Call Home" – charmante Alien-Komödie von Marc Turtletaub
und hier einen Bericht über den Film "Arrival" – fesselnder Science-Fiction-Psychothriller von Denis Villeneuve
und hier eine Besprechung des Films "Asteroid City" – absurde 1950er-Jahre-Komödie mit Besuch eines Außerirdischen von Wes Anderson.
Im Gegenteil: Alle sind sich recht schnell einig, dass die Veröffentlichung der Beweise für die Existenz der Außerirdischen auf allen Kanälen weltweit der einzig richtige Weg ist – zumal aus ungenannten Gründen zugleich ein nuklearer Weltkrieg droht. Die Einzige, die Zweifel äußert, ist die katholische Jane. Doch ihre Frage, ob die Menschheit wirklich bereit ist, übermächtige Wesen aus dem All wie Götter zu verehren, verhallt im Getöse der nächsten Action-Sequenz.
Besser ein philosophisches Sprechdrama
Die beherrscht Spielberg wie gewohnt virtuos, im Großen wie im Kleinen: Spektakulärster Stunt ist ein Sprung von Daniel und Margaret aus einem eingekeilten Auto auf einen fahrenden Güterzug. In anderen Passagen darf Emily Blunt ihre Rolle als Sympathieträgerin voll ausspielen; wenn etwa die Kamera sich anfangs förmlich an ihr festsaugt, um ihren konfusen Gemütszustand aufs Publikum zu übertragen.
Dagegen spielt O’Connor eigentlich zu nuanciert für seinen eindimensionalen whistleblower-Charakter. Colin Frith bleibt als Bösewicht blass, sackt am Ende einfach kraftlos in sich zusammen und bringt damit seine eigene Leistung auf den Punkt. Vielleicht hätten die meisten Mitwirkenden eine bessere Figur gemacht, wenn Spielberg ein philosophisches Sprechdrama inszeniert hätte – sicher wäre der Film dann fokussierter und interessanter geworden.
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