
Wirtschaftlich eine Großmacht, politisch ein Zwerg: Taiwan hat durch den Hersteller TSMC quasi ein Monopol auf Hochleistungs-Siliziumchips, die weltweit für Computer gebraucht werden. Was eine Art Lebensversicherung für den Inselstaat ist, der von der Volksrepublik als abtrünnige Provinz betrachtet und regelmäßig militärisch bedroht wird. Denn die „Republik China“, wie sie offiziell heißt, wird zwar informell von den USA unterstützt, aber ansonsten kaum anerkannt: Nur eine Handvoll meist kleiner Länder unterhalten diplomatische Beziehungen mit Taipeh.
Info
Druckfrisch aus den Zwanzigern – Einblicke in Chinas Moderne
19.09.2025 - 12.07.2026
täglich außer montags 10 bis 18 Uhr,
donnerstags bis 21 Uhr
im MARKK Museum am Rothenbaum, Rothenbaumchaussee 64, Hamburg
Katalog 29 €
Weitere Informationen zur Ausstellung
Ab 1937 zwölf Jahre Krieg
Zwar konnte die von Sun Yat-sen (1866-1925) gegründete „Kuomintang“ („Nationale Volkspartei“) die warlords entmachten, das Festland vereinigen und ab 1927 von der neuen Hauptstadt Nanjing aus regieren. Doch unentwegt bedrohten äußere Mächte das Land. Ab 1937 führte die Regierung ununterbrochen Krieg: zuerst gegen die japanische Invasoren, ab 1945 gegen die Kommunisten. Als die „Kuomintang“ den Bürgerkrieg verloren hatte, mussten ihre Gefolgsleute nach Taiwan fliehen; dort besteht die „Republik China“ bis heute.
Impressionen der Ausstellung
Reger Objekte-Austausch Hamburg-Nanjing
Trotz der turbulenten und letztlich desaströsen Zwischenkriegszeit fand China in ihr auch Anschluss an die Moderne. Beschränkt auf bestimmte Regionen und Gesellschaftsschichten, aber durchaus nachhaltig. Wie dieser Prozess verlief, zeichnet nun eine faszinierende Ausstellung im Hamburger MARKK Museum am Rothenbaum nach: Sie beleuchtet einen fast unbekannten Aspekt des 20. Jahrhunderts. Dafür ist das MARKK so gut ausgestattet wie wohl kein zweites Haus in Deutschland, vielleicht in ganz Europa.
Der erste Bildungsminister der chinesischen Republik, Cai Yuanpei (1868-1940), hatte in Deutschland studiert; er vereinbarte mit dem damaligen Museumsdirektor einen Austausch. Auf diese Weise wurden Hunderte ethnologischer Stücke aus Hamburg an die in Nanjing neu gegründete „Academia Sinica“ verschickt. In umgekehrter Richtung kamen mehrere tausend Gegenstände aus China, meist Drucke, in das deutsche Museum – der seltene Fall eines kulturellen Transfers, bei dem die Einheimischen mitbestimmen, welche Objekte sie in der Fremde repräsentieren sollen.
Götter + Legenden-Gestalten wie eh und je
Die meisten von ihnen sind farbige Drucke, weil sie leicht und einfach zu transportieren waren. Doch sie bieten manche Überraschung. Bereits gegen Ende der Kaiserzeit gab es Zeitschriften wie „Dianshizhai huabao“ ab 1884 in Shanghai, die ihre Leser auf dem Laufenden hielten: Großformatige Lithographien von Kampf-Szenen werden von Marginalien in chinesischen Schriftzeichen zur jeweiligen Schlacht und den Kombattanten ergänzt. Bei Bedarf recyclete man einfach alte Schlacht-Bilder und versah sie mit neuen Randtexten – ballernde Truppen ähneln einander ja sehr.
Ohnehin fällt auf, wie viele Darstellungsformen beim Übergang vom alten zum neuen Regime nur sacht verändert wurden; die Kuomintang entfesselten eben keine ikonographische Kulturrevolution wie später die Kommunisten. Bunte Neujahrsbilder mit Glückwünschen, die man zum Jahreswechsel kaufte, oder Kalender-Poster mit Blickfang-Motiven blieben im Wesentlichen unverändert. Auf ihnen waren wie eh und je Götter oder Gestalten aus volkstümlichen Legenden zu sehen – gern auch zum Ausschneiden und Aufkleben auf Drehlaternen. Allerdings entdeckten Fabrikanten solche Poster und Bilderbögen zunehmend als Werbeträger für ihre Produkte.
Statt Kaiser nun Staatsflagge ehren
Dagegen wandelte sich der Inhalt von Sachliteratur etwa im Bildungssystem erwartbar deutlich, denn seine Neuorganisierung wurde entschieden vorangetrieben. Schul-Fibeln und Lernkarten-Sets für Schriftzeichen, die Kinder früher die Verehrung von Familie und Kaiser beigebracht hatten, hielten sie nun zur Loyalität gegenüber Staatsflagge und -symbolen an. Aber darin steckt auch Kontinuität: das konfuzianische Prinzip, Autoritäten zu achten.
Noch offensichtlicher war der Modernisierungsschub im Alltag, etwa bei Kleidung und Gebrauchsgegenständen. Das betraf zwar nur kleine Bevölkerungsgruppen in wenigen Metropolen wie Shanghai; Abermillionen von Chinesen in der Provinz waren viel zu arm, um nennenswert Güter zu kaufen. Doch diejenigen, die sich Neues leisten konnten, taten das umso begeisterter; die Ausstellung breitet dazu ein herrlich abwechslungsreiches Potpourri aus.
Schick im Stehkragen-Schlitzkleid
Angefangen mit der Mode: Gepflegte Han-Chinesinnen der späten Kaiserzeit trugen Wickelröcke mit breiten Mittelteilen vorn und hinten sowie schmalen Seitenteilen. Darüber schlüpften sie in kurze Jacken mit breiten Ärmeln; diese Tracht erlaubte ihnen, anmutig auf Pferden oder Eseln zu reiten. In der Republikszeit wurde jedoch bei Frauen der urbanen Eliten der „Qipao“ populär: ein langes und hochgeschlossenes Kleid, das eng anliegend die Konturen des Körpers betonte. Die Schau führt ein paar hinreißende Exemplare vor: Stehkragen, seitliche Öffnung und hoher Beinschlitz verstärkten den sex appeal.
Ihn wussten „Neue Frauen“ mit Kurzhaarfrisuren in Großstädten durch Make-up zu betonen. Etwa mit selbst angefertigtem Puder, das in schmetterlingsförmigen Dosen aus Zinn aufbewahrt wurde. Oder mit kosmetischem Melkfett, das der findige Unternehmer Chen Diexian in echten Muschelschalen vertrieb – als Verpackung mit hohem Wiedererkennungswert. Chen, der sein Startkapital übrigens mit Unterhaltungsliteratur verdient hatte, gründete die Firma „Household Industries“. Mit ihr trieb er die „Nationale Produktbewegung“ voran; sie sollte seine Landsleute überzeugen, anstelle von Importen heimische Waren zu erwerben.
Blockdruck wie in der frühen Neuzeit
Das berührte Chinas Achillesferse: Durch die so genannten „ungleichen Verträge“ hatten die Kolonialmächte im Lauf des 19. Jahrhunderts das Kaiserreich unter anderem dazu gezwungen, Einfuhren in großem Maßstab zu akzeptieren. Dadurch unterblieb die Industrialisierung des Landes; es hatte kaum Fabriken und war gegenüber dem Ausland hoch verschuldet. Daran änderte sich in der Republik wegen der andauernden politischen Wirren wenig.
Hintergrund
Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "Glanz der Kaiser von China" – hervorragendes Panorama von Kunst + Leben in der Verbotenen Stadt im Museum für Ostasiatische Kunst, Köln
und hier eine Besprechung der Ausstellung "Gesichter Chinas: Porträtmalerei der Ming- und Qing-Dynastie (1368-1912)" – umfassende erste Ausstellung in Europa zur chinesischen Porträtkunst im Kulturforum, Berlin
und hier einen Beitrag über die Ausstellung "Isaac Julien – Ten Thousand Waves" – beeindruckende Neun-Kanal-Videoinstallation über China in drei Epochen im Museum Brandthorst, München
und hier eine Kritik des Films "The 800" – neomaoistisches Monumental-Epos über die Schlacht um Shanghai 1937 von Hu Guan, weltweit kommerziell erfolgreichster Film 2020
und hier einen Bericht über den Film "Shanghai" – opulenter Spionage-Thriller in Shanghai 1941 von Mikael Hafström mit John Cusack + Gong Li.
Sino-Reklame für I.G. Farben + BASF
Nur drei Jahrzehnte später werden Farblithografien hergestellt, deren Präzision und nuancierte Farbverläufe den Vergleich mit westlicher Produktion nicht scheuen müssen. Sie eigneten sich insbesondere, um beliebte Filmstars wie Liang Caizhu aufs Papier zu bannen. Die warben seltener für Getränke und Zigaretten als ihre US-Pendants, sondern eher für den synthetischen Farbstoff Indantrhen, den die deutsche I.G. Farben nach China exportierte. Auch Mei Lanfang, der wohl berühmteste Star der Peking Oper, machte 1925 Reklame für einen Farbstoff von BASF.
Besonders farbenfroh waren Theater-Aufführungen; Stars wie Mei wurden durch die neu aufkommenden Massenmedien landesweit bekannt. Ebenso die klassischen Roman-Stoffe dafür wie „Die drei Reiche“ oder „Die Reise nach Westen“ – Bilderbögen aus hochwertigen Farblithografien machten sie jedermann zugänglich. Doch die wohl beeindruckendsten Exponate dieser Ausstellung sind älteren Datums; sie stammen aus dem 19. Jahrhundert und wurden 1907 angekauft.
Wandbehänge statt Opernaufführung
Es handel sich um zwei Wandbehänge; je dreieinhalb Meter lang, knapp 80 Zentimeter hoch und komplett vielfarbig bestickt. Darauf tummeln sich etliche Figuren aus dem Opern-Kosmos: auf dem einen offenbar Krieger, die über dem Wasser schweben, auf dem anderen ein erleuchteter Bodhisattva, der ein Kleinkind im Arm hält und von geisterhaften Soldaten flankiert wird. Jede dieser insgesamt 18 Gestalten ist ungemein expressiv schillernd abgebildet – da kann man sich die dazu passende Opernhandlung leicht vorstellen.
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