Ludovica Rampoldi

Eine Stürmische Affäre

Aus der Affäre zwischen Rocco (Adriano Giannini) und Lea (Pilar Fogliati) beginnt nach und nach, eine intensivere Beziehung zu werden. Foto: @ Busch Media Group
(Kinostart: 2.7.) Mit der schönen Unbekannten ins Stundenhotel: Zwei eigentlich Liierte fangen miteinander eine Affäre an. Wobei sie bald als Stalkerin erscheint – zu Unrecht, wie Regisseurin Ludovica Rampoldi am Ende enthüllt; in einem raffiniert konstruierten Psychodrama für starke Frauen.

Was für ein Zufall: Als sich Rocco (Adriano Giannini) nach seinem wöchentlichen Schachbox-Training – eine skurrile Randsportart, bei der man abwechselnd Schach spielt und boxt – noch einen Drink in einer Bar genehmigt, spricht ihn eine schöne Unbekannte an. Lea (Pilar Fogliati) lässt sich offenbar von seiner offenen Wunde im Gesicht nicht abschrecken, hat aber schon drei Gin Tonic intus und findet daher ihren geparkten Wagen nicht mehr – sagt sie. Rocco fährt sie nach Hause und bekommt zum Abschied einen feurigen Kuss, geht aber grußlos.

 

Info

 

Eine Stürmische Affäre

 

Regie: Ludovica Rampoldi,

98 Min., Italien 2024;

mit: Valeria Golino, Pilar Fogliati, Adriano Giannini, Giulia Maenza

 

Weitere Informationen zum Film

 

Doch Lea lässt sich nicht abschütteln. Am nächsten Tag kreuzt sie vor dem Bürogebäude auf, in dem Rocco als Seismologe arbeitet. Gegenüber befindet sich ein charmant altmodisches Stundenhotel – und prompt finden sich beide auf einem Zimmer wieder. Ein geteilter Wodka, und schon liegen sie sich in den Armen. Bei diesem ersten Mal wird es nicht bleiben.

 

Entfremdung + Eifersucht

 

Obwohl beide gebunden sind: Rocco ist seit 19 Jahren mit der Psychotherapeutin Cecilia (Valeria Golino) verheiratet. Ein eingespieltes Paar, doch jeder geht seiner Wege, wenn sie nicht gerade gemeinsam Freunde bewirten. Die Teilzeit-Journalistin Lea ist mit dem TV-Serienschauspieler Andrea (Andrea Carpenzano) liiert, mit dem sie ein kleines Kind hat. Oberflächlich scheint Harmonie zu herrschen, doch Lea wird von Eifersucht geplagt: Geht ihr Partner etwa mit einer Kollegin ins Bett, mit der er Liebesszenen so überzeugend spielt?

Offizieller Filmtrailer


 

Therapie bei gehörnter Ehefrau

 

Was Rocco, der sich in seiner Affäre Ugo nennt, und Lea, die dafür den Decknamen Alba wählt, voneinander wollen, wird rasch deutlich. Er sucht Momente der Leidenschaft, die er in seiner Ehe seit langem vermissen muss. Sie will Rache für die vermeintliche Untreue ihres Partners und sich erotisch schadlos halten. Doch so klar bleibt die Sache nicht. Nicht nur, weil beide bald zarte Gefühle füreinander entwickeln; sondern auch, weil Lea ein ziemlich übergriffiges Verhalten an den Tag legt.

 

Sie verlangt von Rocco, er solle ihr seine Wohnung zeigen, in der er mit Cecilia lebt; dabei zerstört sie versehentlich ein Terrarium mit einem Ameisenbau, so dass sich die Tierchen in allen Räumen ausbreiten. Dann taucht sie bei einer kirchlichen Hochzeitszeremonie auf, zu der Rocco und Cecilia als Gäste geladen sind: weil sie seine Frau mit eigenen Augen sehen möchte. Damit nicht genug: Unter einem Vorwand taucht sie in Cecilias Praxis auf und will von ihr therapiert werden. Später drängt sie ihr sogar einen Kuss auf.

 

Bürohengst mit Seehundsblick

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Tagebuch einer Pariser Affäre"prickelnde Liebeskomödie von Emmanuel Mouret

 

und hier eine Besprechung des Films "Wild wie das Meer" – stürmische Dreiecksgeschichte über eine Fischerin Mitte 40 von Héloïse Pelloquet mit Cécile de France

 

und hier einen Beitrag über den Film "Wo in Paris die Sonne aufgeht" – wunderbar leichthändig inszenierte Vierecksbeziehung von Jacques Audiard.

 

Eine pathologische Stalkerin? Der Schein trügt – wie so vieles in diesem raffiniert konstruierten Psychodrama. Für ihr erratisches Verhalten hat Lea ein absolut plausibles Motiv, das Regisseurin Ludovica Rampoldi aber erst am Ende mit Aplomb enthüllt. Zuvor hält sie das Geschehen kunstvoll in der Schwebe: Lea und Rocco stürzen sich nicht heißblütig in einen Rausch der Sinne, sondern nähern sich zögerlich einander an – voller Skrupel, ob und inwieweit sie damit ihren langjährigen Beziehungen schaden. Denn völlig neu anfangen wollen eigentlich beide nicht; sie noch weniger als er, wie sich herausstellt.

 

Dass ihr tastendes Duett so überzeugend wirkt, liegt nicht nur an geistreich-ironischen Dialogen und origineller Symbolik, sondern auch an den Hauptdarstellern. Als Seismologe arbeitet Rocco als Bürohengst, der abends seiner Frau mit waidwundem Seehundsblick begegnet. Dagegen hat Lea bei ihrem Partner Andrea die Hosen an, kommt aber mit ihrer Alpha-Rolle nicht wirklich zurecht – was Pilar Fogliati mit wunderbar nuanciertem Minenspiel zum Ausdruck bringt.

 

Midlife-Crisis-Bewältigung geht schief

 

Dennoch: Den Film dominieren starke Frauenfiguren – neben Lea und Cecilia auch deren Freundin. Ihr Mann, Roccos Kollege, hat sich jüngst das Motorrad-Modell seiner Jugend gekauft; doch bevor er losbrausen kann, streckt ihn ein Schlaganfall nieder. Diese Episode misslungener Midlife-Crisis-Bewältigung mag etwas plakativ wirken, wie auch Roccos Hingabe ans Schachboxen.

 

Doch das verzeiht man dem psychologisch durchdachten Kammerspiel ebenso gern wie seine überschaubare Zahl an Schauplätzen. Zum Schluss bleibt dem düpierten Seitensprung-Liebhaber nur noch eines: die Flucht aufs offene Meer.