Thorsten Schütte

Ensemble Modern – Why We Play

Das Ensemble Modern bei einer Probe mit einem Gast-Dirigenten. Foto: Arsenal
(Kinostart: 11.6.) Jedes Rascheln ist ernst zu nehmen: Das Frankfurter „Ensemble Modern“ zählt zu den führenden Interpreten Neuer Musik. In seinem Filmporträt verzichtet Regisseur Thorsten Schütte auf große Gesten und Erzählungen; stattdessen schaut er dem Klangkörper geduldig bei der Arbeit zu.

Eine Musikerin streicht mit der Rückseite ihres Bogens über eine Saite ihre Viola; das entstehende Kratzgeräusch hallt durch den Raum. Ein Saxofonist bläst in sein Instrument und erzeugt dabei keinen Ton, nur ein leises, sonores Rauschen. Er klingt wie ein künstlicher Wind, der aber so in der Natur nie vorkommen würde; dafür ist der Klang zu präzise.

 

Info

 

Ensemble Modern – Why We Play

 

Regie: Thorsten Schütte,

90 Min., Deutschland 2026;

mit: Rebecca Saunders, Brigitta Muntendorf, Heiner Goebbels

 

Weitere Informationen zum Film

 

Jetzt setzen die übrigen Streicher ein. Sie verdichten die einzelnen Geräusche zu einem Klanggebilde, das eher an das Knirschen eines Schiffsrumpfs erinnert, als an das, was die meisten Menschen Musik nennen würden. Dennoch ist es Musik, und die Momente, in denen man ihr bei der Entstehung zusehen kann, sind die besten in „Why We Play“.

 

Mehr als nur Interpretation

 

Thorsten Schüttes Dokumentarfilm begleitet die Musiker des „Ensemble Modern“ während Proben, Diskussionen und Aufführungen. Das 1980 in Frankfurt gegründete Solisten-Ensemble gilt heute als eine der weltweit wichtigsten Formationen für zeitgenössische Musik. Anders als viele Orchester versteht es sich nicht bloß als Interpret, sondern als Partner der Komponisten, deren Werke oft in enger Zusammenarbeit mit den Musikern und Musikerinnen entstehen.

Offizieller Filmtrailer


 

Die Suche nach einem Klang

 

Zu den Komponisten, die Stücke für das „Ensemble Modern“ schrieben, zählen Steve Reich und György Ligeti. Doch es ist nicht die Strahlkraft des Kammer-Orchesters, die den Regisseur interessiert, sondern seine Arbeitsweise: das Suchen nach einem Klang, das Ringen um eine Interpretation und die Frage, warum ein Geräusch genau so und nicht anders entstehen muss.

 

Der Film begegnet diesen lustvollen Diskussionen um Details mit viel Sympathie. Manchmal wirkt er wie ein einziges Dauer-Argument gegen das übliche Ressentiment gegenüber Neuer Musik, sie sei sperrig und abgehoben. Hier sind Menschen bei der Arbeit zu sehen: Sie forschen nach Klängen forschen, die sich vertrauten Melodien und eindeutigen Emotionen verweigern.

 

Sounds, die nur sich selbst bedeuten

 

Viele begegnen Neuer Musik ähnlich wie zeitgenössischer Lyrik: mit Abwehr. Zu groß scheint die Gefahr, etwas nicht zu verstehen. Doch ein Kratzen auf einer Saite oder ein Luftgeräusch im Saxofon können dieselbe Funktion erfüllen wie die Melodie in einem Popsong. Nur geht es hier nicht darum, etwas Bekanntes wiederzuerkennen – die Klänge repräsentieren oft nichts als sich selbst. Sie sind ihr eigener Gegenstand.

 

Neue Musik verhält sich oft wie ein Gedicht zum Roman: Sie erzählt selten Geschichten im klassischen Sinn. Stattdessen handelt sie von Zuständen, Atmosphären und Ahnungen von Gefühlen. So sagt ein Musiker im Gespräch, um gut zu spielen, müsse er Teil der Musik werden. Sie erschließe sich weniger über Bedeutung als über Aufmerksamkeit.

 

Unaufgeregter Blick auf musikalische Vielfalt

 

Wer sich darauf einlässt, entdeckt, wie unterschiedlich die jeweiligen Klangwelten des Ensembles sind. Mal erinnert seine Musik an Noise oder Heavy Metal, mal an spätromantische Orchesterstücke, die inmitten all der anderen, atonalen Klänge bemerkenswert brav wirken. Regisseur Schütte begegnet dieser Vielfalt angenehm unaufgeregt.

 

Er vertraut darauf, dass Menschen, die zwanzig Minuten über ein einzelnes Geräusch diskutieren, interessant genug sind. Dabei verzichtete er anders als etliche Musik-Dokus der letzten Jahre darauf, jede Probe zum Schlüsselmoment zu verklären. Die Kamera beobachtet geduldig das Geschehen; die Tonmischung nimmt, wie das Orchester selbst, jedes Rascheln und jeden Zuruf ernst.

 

Redundanz + Mythos

 

Die Vielfalt des Gehörten spiegelt sich nicht immer in der Dramaturgie. Bis zum Schluss wechseln die Szenen zwischen Proben und Musikern in Frontalaufnahmen, die interviewt werden. Dabei werden allerdings manche Gedanken öfter als nötig wiederholt. Natürlich, die Musiker haben unterschiedliche Persönlichkeiten; sicher, sie arbeiten dennoch gemeinsam auf ein Ziel hin. Das trifft alles zu, ließe sich aber ebenso über die lokale Müllabfuhr oder jedes Start-up sagen.

 

Gerade die unterschiedlichen Persönlichkeiten der Ensemble-Mitglieder hätten Anlass für mehr Reibung geboten, als der Film letztlich zeigt. Wenn die Älteren von den Anfängen in den 1980er Jahren erzählen, tendieren sie gelegentlich dazu, sich selbst zu mythologisieren. Doch gemessen an der Relevanz des „Ensemble Modern“ wirken diese wenigen Momente bescheiden. In einer rührenden Szene erinnert sich ein Musiker, wie er als Jugendlicher den argentinisch-deutschen Komponisten Mauricio Kagel im Fernsehen sah – eine Art Erweckungserlebnis.

 

18 Solisten, kein Dirigent

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Joana Mallwitz – Momentum" Dirigentinnen-Porträt von Günter Atteln

 

und hier einen Bericht über den Film "Saiten des Lebens" – feinsinnige Beziehungsstudie über ein Kammermusik-Ensemble von Yaron Zilberman

 

und hier einen Beitrag über den Film "Maestro" – feinfühliges Psychogramm von Leonard Bernsteins Ehe von und mit Bradley Cooper

 

und hier eine Besprechung des Films "Tar" – fesselndes Psychogramm einer Star-Dirigentin mit Cate Blanchett von Todd Field.

 

In einem Punkt sind sich die Mitglieder einig: Sie wollen nicht stehen bleiben, sie wollen die Gegenwart. Gespielt werden regelmäßig Werke noch lebender Komponisten und Komponistinnen wie Brigitta Muntendorf; sie steckt das Ensemble für eines ihrer Stücke in Perücken und verwischt somit die Grenzen zwischen Konzert, Performance und Theater. Aber auch Stücke von Kagel, Karlheinz Stockhausen und anderen Pionieren der Neuen Musik werden aufgeführt.

 

Was einst als radikaler Aufbruch begann, besitzt heute selbst eine Geschichte. Bemerkenswert ist dabei nicht nur das Repertoire, sondern auch die Struktur des Ensembles. Anders als die meisten Orchester arbeitet das aus derzeit 18 Solisten bestehende „Ensemble Modern“ ohne Chefdirigenten oder künstlerische Leitung. Entscheidungen werden gemeinschaftlich getroffen.

 

Demokratie als ästhetische Konsequenz

 

Die demokratische Struktur ist kein Verwaltungsdetail, sondern ästhetische Konsequenz. Weniger als um große Erzählungen der Musikgeschichte dreht sich dieser Film um Menschen, die bereit sind, immer wieder unbekanntes Terrain zu betreten. Das klingt bescheiden, doch für ein Ensemble, das seit mehr als 40 Jahren Neue Musik spielt, ist es vielleicht die radikalste Haltung überhaupt.