
Saufen, koksen, protzen, kotzen: Tommy (Anson Boon) ist der „King“ in seiner Clique, ihm gehört die Stadt. Er ist ein vulgärer 19-Jähriger, der sich mit Drogen vollpumpt, hart feiert und mit seinen Kumpels gestohlene Autos zu Schrott fährt. Den „echt kranken Scheiß“, den er anstellt, verbreitet er anschließend in kurzen Reels auf Instagram und TikTok, und wird dafür mit zahlreichen Likes und neuen Followern belohnt.
Info
Good Boy –
Wir wollen nur dein Bestes
Regie: Jan Komasa,
110 Min., Großbritannien/ Polen 2025;
mit: Stephen Graham, Andrea Riseborough, Anson Boon, Kit Rakusen
Weitere Informationen zum Film
Geheimnisvolle Familie
Darüber wohnt Chris mit seiner Frau Kathryn (Andrea Riseborough), die er liebevoll „Prinzessin“ nennt und seinem 10-jährigen Sohn Jonathan, dessen Kosename „Sonnenschein“ ist. Warum Chris es sich zum Ziel gesetzt hat, aus Tommy einen anständigen Kerl zu machen, wird erst allmählich klar. Scheinbar gab es einmal einen zweiten Sohn, den Tommy nun ersetzen soll. Aber die Hintergründe bleiben offen. Was genau ist zuvor passiert? Wieso fällt Chris‘ Wahl ausgerechnet auf Tommy? All das interessiert den polnischen Regisseur Jan Komasa in „Good Boy – Wir wollen nur dein Bestes“ nicht.
Offizieller Filmtrailer
Schwarze Pädagogik trifft Vogelgezwitscher
Was genau ist zuvor passiert? Wieso fällt Chris‘ Wahl ausgerechnet auf Tommy? All das interessiert den polnischen Regisseur nicht. Klar ist immerhin: Ein schweres Trauma überschattet die Familie. Man sieht es Kathryn an: Bleich und verschreckt scheint sie wie ein Geist durch die hohen Räume zu schweben. Chris will nichts Böses, ganz im Gegenteil. Das beteuert er zumindest gegenüber der mazedonischen Putzfrau Rina (Monika Frajczyk), nachdem sie Tommy im Untergeschoss entdeckt hat.
Nur seine Erziehungsmaßnahmen sind eher ungewöhnlich: Sanfte Klaviermusik und Vogelgezwitscher im Wechsel mit Übungen zur Selbsthilfe bei Wutanfällen auf Audio-CD sollen Tommy durch seine rebellische Phase helfen. Zu Schlagstock und Elektroschocker greift Chris lediglich, wenn wieder der „bad boy“ in dem jungen Draufgänger durchkommt. Leider geschieht das ziemlich oft.
Tommy spielt mit
Aber es ist nicht immer alles grausam in Komasas Film. Bald erkennt Tommy, dass er seine Lage nur verbessern kann, wenn er das kranke Spiel mitspielt, sich entschuldigt und die Bücher von Jane Austen und Aldous Huxley liest, die Kathryn ihm anvertraut. Dann gibt es Torte zum Geburtstag und ein Familien-Picknick im Grünen. Mit zunehmender Annäherung zwischen Tommy und seinen Peinigern gerät tonal einiges in Schieflage.
Irgendwann darf Tommy im Obergeschoss sein eigenes Zimmer beziehen. Für die Halsfessel hat Chris eigens eine Vorrichtung gebaut, mit der sich der neue Sohn auch angekettet relativ frei durchs Haus bewegen kann. Die neuen Privilegien geben Tommy Handlungsspielraum. Komasa nutzt dies, um das Horror-Szenario mit starken Emotionen aufzuladen. Dabei gleitet der Film bisweilen ins Sentimentale ab.
Solides Genre-Kino mit Herz
Komasas Psycho-Thriller wirkt in dieser Hinsicht fast wie ein Versöhnungsangebot des Regisseurs. Nach dem Reinfall mit seinem ersten US-Film „The Change“ (2025) – einem misslungen überambitionierten Polit-Drama über extreme Ideologien und Machtmissbrauch – scheint er dem Publikum wieder entgegen kommen zu wollen. So bietet er nun solides Genre-Kino an: ein bisschen bissig, ein wenig brutal, aber auch mit Herz und einer Prise schwarzem Humor.
Das Ergebnis fällt trotzdem noch weit hinter Komas für einen Oscar nominierten Film „Corpus Christi“ (2019) zurück. Weder Tommy noch Chris sind als Figuren glaubwürdig genug, um einen ähnlich bleibenden Eindruck zu hinterlassen wie damals Bartosz Bielenias als jugendlicher Straftäter, der sich in einer kleinen Gemeinde als Priester ausgibt und darin einen neuen Lebenssinn findet.
Atmosphärischer Schauplatz Yorkshire
Hintergrund
Lesen Sie hier eine Rezension des Films "The Change" – Familien-Polit-Drama von Jan Komasa
und hier eine Besprechung des Films "Corpus Christi" – fesselndes Hochstapler-Drama in der polnischen Provinz von Jan Komasa
und hier einen Bericht über den Psychothriller "Heretic" von Scott Beck + Bryan Woods – Katz- und Maus-Spiel im Landhaus mit Hugh Grant
und hier einen Beitrag über den Film "Berlin-Syndrom" – Psychodrama von Cate Shortland über einen unberechenbaren Kidnapper und sein Opfer.
Komasas Versuch, sich mithilfe von Genre-Elementen in einer zunehmend unsittlichen Welt mit Ethik und Sittlichkeit auseinanderzusetzen, ist offensichtlich und aufrichtig. Gleichzeitig ist die Idee nicht sonderlich originell. Angesichts der Ausgangs-Konstellation zieht man automatisch Vergleiche mit der Literaturverfilmung „A Clockwork Orange“ (1971) von Stanley Kubrick.
Kein Vergleich zu Malcolm McDowell
Komasas jugendlichem Hauptdarsteller Anson Boon fehlt letztlich die raffinierte Doppelbödigkeit des charismatisch-sadistischen Alex DeLarge, die der britische Schauspieler Malcolm McDowell damals famos zum Ausdruck brachte. Die interessanteste Frage des Films ist die, wen Chris mit seiner grausamen Methode eigentlich wirklich erziehen will. Darüber hinaus bleibt der Sinn der Geschichte im Verborgenen.
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