Evi Kalogiropoulou

Gorgonà

Die ultimative Verkörperung weiblichen Zorns: Maria (Melissanthi Mahut) ist eine moderne Gorgone. Foto: © Neue Visionen Filmverleih
(Kinostart: 18.6.) Apokalypse der Männerwelt: In einem Genre-Mix aus antiker Mythologie und Endzeitfilm rechnen zwei rebellische Frauen mit dem Patriarchat ab. Leider kommt die griechische Regisseurin Evi Kalogiropoulou über reißerisches Action-Kino mit softpornografischem Schauwert nicht hinaus.

Wie in einem antiken Triumphzug wird Eleni (Aurora Marion) auf einem Floß stehend in die Stadt gezogen und den Einwohnern präsentiert. Der Blick der Fremden ist wild, das lange schwarze Haar trägt sie offen. Ihr aus goldenen Schnüren gefertigtes Kleid unterstreicht ihre Reize und glitzert im Licht der untergehenden Sonne.

 

Info

 

Gorgonà

 

Regie: Evi Kalogiropoulou,

95 Min., Griechenland/ Frankreich 2024;

mit: Aurora Marion, Christos Loulis, Kostas Nikouli

 

Weitere Informationen zum Film

 

Ihre Eltern haben sie für einen Kanister Benzin an Nikos (Christos Loulis) verkauft; der Anführer eines Stadtstaats kam durch Öl zu Reichtum. Nikos will sie seinen Männern schenken – einer Horde Ölarbeiter mit meist freien Oberkörpern, die nach Schichtende gemeinsam trainieren, sich Anabolika spritzen und bei Versammlungen kollektiv auf die Brust trommeln.

 

Letzte Stadt in sterbender Welt

 

Um sie herum hat die Apokalypse längst stattgefunden. Die ganze Gegend ist verseucht, doch durch den Verkauf von Öl haben sie noch Zugriff auf Lebensmittel und Frauen, die sie importieren. Anderswo soll es noch schlimmer sein. Ganze Stadtbevölkerungen haben bereits Selbstmord begangen, und bald wird auch ihr Ölreichtum den Leuten von Nikos kein Essen mehr garantieren, weil es keines mehr gibt. Eleni sagt, sie wäre auch hierhergekommen, wenn ihre Eltern sie nicht verkauft hätten.

Offizieller Filmtrailer


 

Die Konkubine + die Fremde

 

Da Nikos sterbenskrank ist, sucht er in einem Wettkampf einen geeigneten Nachfolger. Die einzige Frau, die dabei mitmischt, ist seine Geliebte Maria (Melissanthi Mahut). Dafür wird sie von ihren Konkurrenten offen angefeindet und bei jeder sich bietenden Gelegenheit beleidigt. Doch Nikos, der zu ihr steht, erschießt schon mal einen ihrer herumstänkernden Widersacher vor versammelter Mannschaft, um ein Exempel zu statuieren.

 

In Marias Vorgeschichte spielt zudem der Tod ihrer Mutter eine zentrale Rolle. So ist Rache ein weiteres starkes Motiv für sie, den Staat nach ihren Vorstellungen neu zu ordnen. Auch Eleni, die Fremde, ist nicht bereit, sich unterzuordnen und spielt von Beginn an nach eigenen Regeln. Sie gibt sich aufreizend und unnahbar, sucht sich ihre Liebhaber aus und stößt sie wieder von sich. Es ist nur eine Frage der der Zeit, bis die beiden Frauen sich in ein Spiel verstricken, in dem sie einander abwechselnd verführen und bekämpfen.

 

Sagenhafte Schwester in todgeweihter Männerwelt

 

Die Gorgonen sind in der griechischen Mythologie drei Schwestern, unter ihnen die berühmte Medusa: geflügelten Schreckgestalten, denen an Stelle von Haaren Schlangen aus dem Kopf wachsen und die mit Blicken töten können – eine Fähigkeit, die auch Maria mit der Zeit entwickelt. Durch die Anreicherung ihres wilden Genremixes um solche sagenhaften Elemente möchte Regisseurin Evi Kalogiropoulou ihre Protagonistinnen zu weiblicher Selbstermächtigung führen.

 

„Gorgonà“ ist ihr erster Spielfilm, zuvor hat die auch als bildende Künstlerin tätige Griechin bereits Kurzfilmen gedreht. Schauplatz ihrer Dystopie ist eine von Männern heruntergewirtschaftete Welt. Die Szenerie erinnert zuallererst an die „Mad Max“-Filme des australischen Regisseurs George Miller; seine Serie actionreicher Endzeit-Epen feiert seit 1979 Erfolge im Mainstream-Kino.

 

Homoerotik + Machismo

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Honey Don't" – gelungene queere Neo-Noir-Krimikomödie von Ethan Coen mit Margaret Qualley

 

und hier eine Besprechung des Films "Love Lies Bleeding" – raffinierter Neo-Noir-Thriller über lesbische Bodybuilderin von Rose Glass mit Kristen Stewart

 

und hier einen Beitrag über den Film "Promising Young Woman" – mitreißender Rachefeldzug einer jungen Frau von Emerald Fennell mit Carey Mulligan

 

und hier einen Bericht über den Film "Furiosa: A Mad Max Saga" – fünfter Teil der Endzeit-Action-Saga in der Wüste von George Miller.

 

Aber auch an die Inszenierung von Drill und Männlichkeit in Claire Denis‘ Kultfilm „Der Fremdenlegionär“ (1999), die in Homoerotik und Tanz übergehen, knüpft Kalogiropoulou in vielen Szenen an – es sind die besten des Films. Jedoch gelingt es ihrer Erzählung nicht, die simpel gestrickte Welt des Patriarchats in Richtung einer wie auch immer gearteten Emanzipation hinter sich zu lassen.

 

Selbst die aufkeimende Liebe zwischen ihren Protagonistinnen schildert sie kaum anders denn als Teil des herrschenden Spektakels. So sind auch Eleni und Maria viel stärker vom sie umgebenden Machismo geprägt, als sie sich eingestehen können. Statt um Solidarität bemühen sie sich, andere und einander durch aufreizende Gesten und Posen zu provozieren, die an Aufnahmen in alten Pirelli-Kalendern erinnern, bei denen sich hüllenlose Grazien lasziv auf chromblitzenden Boliden räkeln. Immer wieder geht es darum, die eigene Dominanz auszuspielen.  

 

Mehr Action als Kritik

 

Dazu passt der Blick der Kamera: Selbst die Erotik zwischen den Protagonistinnen ist größtenteils aus voyeuristisch männlicher Perspektive zu sehen. So wird, was eine drastische Kritik unbefriedigender Verhältnisse hätte werden können, ganz unsubtil zu gewöhnlicher Action-Ware mit einigem softpornografischen Schauwert.