
Ein wiederkehrender Vorwurf an den deutschen Film ist, dass er die Arbeit, die im Leben der meisten Menschen viel Zeit einnimmt, sträflich vernachlässigt. Ausnahmen wie İlker Çataks „Das Lehrerzimmer“ (2023) oder Petra Volpes „Heldin“ (2025), die beide dank ihrer Hauptdarstellerin Leonie Benesch auch beim Publikum erfolgreich waren, bestätigen die Regel.
Info
Ich verstehe Ihren Unmut
Regie: Kilian Armando Friedrich,
93 Min., Deutschland 2026;
mit: Sabine Thalau, Nada Kosturin, Werner Posselt
Weitere Informationen zum Film
Kein Rückzugsraum für Auszeiten
Der lässt dem Betrachter wenig Raum, sich vom Geschehen zurückzuziehen und kontemplative Auszeiten zu nehmen. Statt zum Voyeur im stressigen Arbeitsalltag der Anderen wird man zum Mitfühlenden. Unweigerlich bückt man sich mit den von Laiendarstellern gespielten Reinigungskräften unter Tische, wischt in den letzten Ecken und hetzt von einem Raum zum nächsten.
Offizieller Filmtrailer
Der Alltag der Objektleiterin
Hauptfigur Heike (Sabine Thalau) ist 59 Jahre alt und Objektleiterin in der Gebäudereinigung. Ihr Job ist es, die Putzkolonnen einzuteilen, sie anzuleiten und zu kontrollieren. Wenn nötig, putzt sie selbst nach; außerdem bereitet sie jeden Einsatz vor. Sie schleppt Reinigungsmittel in großen Kanistern durch die Gegend, entsorgt Müll und sieht zu, dass Putzlappen und sonstige Utensilien nach ihrem Einsatz wieder gewaschen werden.
Darüber hinaus muss sie aber vor allem zwischen den Ansprüchen der Kundinnen, der Firmenleitung, Subunternehmern und den Beschäftigten vermitteln. In einem System, in dem die Auftraggeber ständig damit drohen, zu günstigeren Konkurrenten zu wechseln, aber dennoch auf äußerster Effizienz und Sauberkeit bestehen, ist das kaum zu bewerkstelligen; insbesondere, wenn Heike dabei auch das Wohl ihrer Putzkräfte berücksichtigt.
Angestaute Wut
Während ein Teil ihrer Anspannung sich in routinierte Bewegungen und Abläufe kanalisieren lässt, staut sich in ihr doch ein stetig größer werdender Rest an. Zunächst entlädt der sich in Kundengesprächen, die sie führt. Auf einer Autofahrt zwischen zwei Einsatzorten kommt sie nicht umhin, ihr Gegenüber niederzubrüllen, um ihren Standpunkt begreiflich zu machen.
Zwar kann sie den titelgebenden Unmut der Auftraggeberseite ein Stück weit verstehen. Was ihr hingegen weder einleuchtet noch gefällt, ist, dass die Kundinnen am anderen Ende der Leitung sie beschimpfen, als wäre es ihre persönliche Schuld, dass es zu wenig Zeit und Mitarbeiter gibt, die sie einsetzen kann.
Verzweifelte Entscheidungen
Zum Dauerstress aus Anpacken, Taktieren, Bitten und Tricksen kommt schließlich noch hinzu, dass Heike sich mit ihrem ehemaligen Lebensgefährten Detlev (Werner Posselt) eine Wohnung teilt. Der hat große Ideen von einem solidarischen Leben, ist aber langzeitarbeitslos und bekommt keinen Fuß auf den Boden. Um sich kleine Wünsche zu erfüllen, bedient er sich schon einmal heimlich an Heikes Barem.
Als die sich gezwungen sieht, Putzmittel zu strecken und bei einem Subunternehmer Arbeitskräfte abzuwerben, um das Soll zu erfüllen, eskaliert die Situation. Sie zerstreitet sich mit ihrem Chef und ihrer besten Freundin. Erst bei ihrem Ausstieg kommt sie dazu, über ein System nachzudenken, in dem sie sich bis ans Limit verausgabt hat.
Heldin mit Stärken + Schwächen
Auf sich allein gestellt überlegt sie, ob es nicht für alle Beteiligten besser wäre, in einer großen Kooperative zusammenzuarbeiten. Voller neuem Elan macht sie sich daran, für ihre Idee zu werben. Verständlicherweise erscheint diese Kehrtwende einigen, die unter ihrem Regime durchaus zu leiden hatten, etwas überraschend.
Hintergrund
Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Wie im echten Leben" – sensibles Doku-Drama über eine Reinigungskolonne von Emmanuel Carrère mit Juliette Binoche
und hier eine Besprechung des Films "Sorry we missed you" – eindrucksvolles Sozialdrama über Ausbeutung eines Paketzustellers von Ken Loach
und hier einen Beitrag über den Film "In den Gängen" – poetische Kleine-Leute-Studie in Ostdeutschland von Thomas Stuber mit Franz Rogowsk.
Ein Urteil, das ein Leben prägt
Eigentlich, erfährt man kurz vorm Ende beiläufig, hatte sie als Kind von ihren Lehrern eine Gymnasialempfehlung erhalten. Der Vater war aber der Meinung, ein Hauptschulabschluss täte es für das Mädchen auch. Wie sich zeigt, hat dieses Urteil ihr gesamtes Arbeitsleben geprägt.
So wird auch im Gespräch mit der Arbeitsagentur über Heikes neue Ideen, wie Arbeit solidarischer gestaltet werden könnte, unbesehen hinweggegangen. Lieber solle sie noch die letzten fünf Jahre bis zur Absicherung ihrer Grundrente durchhalten und weiterfunktionieren. Damit die Arbeit bleibt, was sie immer war: möglichst unsichtbar – und das nicht nur im deutschen Film.
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