Wolfsburg

Julian Charrière: Midnight Zone

Julian Charrière: MidnightZone, 2024, Standbild. Copyright:TheArtist, VG BildKunst Bonn Germany
Wie Sie sehen, sehen Sie wenig: Der Land-Art-Künstler Julian Charrière will unbekannte Natur-Phänomene veranschaulichen, etwa Leben in der Tiefsee. Dafür treibt der Schüler von Olafur Eliasson enormen Aufwand – manche Resultate ähneln Dokus mit begrenztem Schauwert.

Alles Leben entspringt dem Wasser. Nur seine Allgegenwart hat ermöglicht, dass auf dem blauen Planeten erst einfache, später komplexe Organismen entstanden sind. Ozeane bedecken 65 Prozent der Erdoberfläche; rechnet man die dritte Dimension hinzu, dann machen sie 95 Prozent der Biosphäre aus. Dennoch: So bedeutsam die Tiefen der Meere auch sind, so wenig ist bekannt, was genau sich in ihnen abspielt.

 

Info

 

Julian Charrière: Midnight Zone

 

14.03.2026 - 12.07.2026

 

täglich außer montags 10 bis 18 Uhr, 

samstags + sonntags 11 bis 18 Uhr

im Kunstmuseum Wolfsburg, Hollerplatz 1, Wolfsburg

 

Katalog 45 €

 

Weitere Informationen zur Ausstellung

 

Was der französisch-schweizerische Künstler Julian Charrière ändern will. Ähnlich wie sein akademischer Lehrer Olafur Eliasson bewegt er sich im Grenzbereich von Naturwissenschaft und Kunst: Seine Werke sollen physikalische Phänomene oder ökologische Zusammenhänge veranschaulichen und begreifbar machen. Dafür nimmt der 39-Jährige häufig an Expeditionen teil, etwa in die Polargebiete oder zu Vulkanen. Was er von dort mitbringt, hat oft erstaunlichen Erkenntniswert – aber nicht unbedingt ebenso großen Schauwert.

 

1000 Meter tief ist es zappenduster

 

Das zeigt seine bislang größte Ausstellung: „Midnight Zone“ im Kunstmuseum Wolfsburg war zuvor im Museum Tinguely in Basel zu sehen. Der Titel der Schau leitet sich von der Bezeichnung der Zone zwischen 1000 und 3000 Metern in der Tiefsee ab: Dort gibt es keine Spur von Sonnenlicht mehr. Abgesehen von bioluminiszenten Lebewesen – also solchen, die selbst Lichtwellen ausstrahlen – ist es da unten stockdunkel.

Feature zur Ausstellung. © Kunstmuseum Wolfsburg


 

Negative Überwältigungs-Ästhetik

 

Nicht gerade die passende Umgebung für einen visuell arbeitenden Künstler; ein Paradox, gegen das Charrière mit enormem Aufwand angeht. Die Erstellung seiner Werke erfordert oft vielköpfige Teams und ist so umständlich und kostspielig wie Großexperimente der Grundlagenforschung. Was dabei herauskommt, klingt in der Beschreibung von Ansatz und Durchführung meist aufregend und spannend – doch die Ergebnisse fallen durchwachsen aus.

 

Wobei das Kunstmuseum keinen Aufwand scheut, um für die meist eher spröden Exponate einen eindrucksvollen Rahmen zu schaffen. Mit einer Art negativer Überwältigungs-Ästhetik: Der Rundgang ist fast durchweg dunkel gehalten, schwarze Böden und Wände schlucken das Licht – als tauche man selbst ins Meer hinab. Arbeiten, die nicht selbst leuchten, werden von Punktstrahlern schwach erhellt. Was optisch fehlt, wird akustisch übertrumpft. Eine unheimlich dräuende Geräuschkulisse füllt die Räume; es knackt, knirscht, pocht und dröhnt.

 

Nackte Taucher taumeln in Cenotes

 

Das ist die soundscape der Tiefsee, erfährt man: Geräusche von tektonischen Plattenverschiebungen, submarinen Vulkanausbrüchen und anderen geologischen Phänomenen mischen sich mit denen von Lebewesen, die sich eher mit dem Hör- als dem Sehsinn orientieren. Beeindruckend, aber auch befremdlich: Normalerweise hören menschliche Ohren unter Wasser nichts. Dagegen sind unsere Augen für manche aquatischen Reize sehr empfänglich.

 

Zu den attraktivsten Arbeiten zählt wohl die Fotoserie „When Waters Meet“ von 2019. Im Karstgestein der mexikanischen Halbinsel Yukatan gibt es unzählige Wasserlöcher, Cenotes genannt, die Dutzende von Metern tief sein können. Darin schwimmen nackte Taucher, die auf Sauerstoffgeräte oder andere Hilfsmittel verzichten. Ihre fragil wirkenden Leiber treiben in allen möglichen Verrenkungen taumelnd im endlosen Blau; der ergreifende Anblick erinnert an Seelen beim Höllensturz in der abendländischen Bildtradition.

 

Meeresboden-Müll + Sonnenlicht-Oberfläche

 

So ansprechend und selbsterklärend sind aber die wenigsten der gut 40 Exponate. Die meisten erfordern ausführliche Erläuterungen, damit man versteht, was man sieht – obwohl sie mit Aplomb inszeniert werden. Unmittelbar zugänglich ist „The Gods Must Be Crazy“: Auf 49 Monitoren ist zu sehen, welchen Müll Videokameras am Meeresboden aufgenommen haben. Durchaus Erwartbares: Plastiktüten, Metallschrott und ähnliches. Nicht wirklich schockierend, aber die Installation zerstört die Illusion von einer unberührten Unterwasserwelt.

 

Dagegen breitet „Silent World“ in einer ausgefeilten Inszenierung nur Wohlbekanntes aus. Auf dem Boden ist ein Wasserbecken von sechs Meter Durchmesser eingelassen, dem Dunstschwaden entsteigen. Darauf werden Aufnahmen einer Unterwasser-Kamera projiziert, die das Sonnenlicht an der Wasseroberfläche einfing. Man sieht also nach unten schauend, was man unter dem Wasserspiegel über sich sähe – lohnt sich dafür dieses aufwändige Arrangement?

 

Schicke Standbilder aus faden Filmen

 

Eine ähnliche Umkehrung der Blickrichtung prägt auch „Albedo“; darunter wird ein Maß für Reflexions-Strahlung verstanden, etwa von Sonnenlicht durch Schnee und Eis. Carrière hat 2025 das Polareis angebohrt, um Lichtquellen und Kameras ins Polarmeer hinunterzulassen. Dann filmte er die schmelzende Unterseite von Eisbergen. Nun werden die Aufnahmen im Großformat auf eine Leinwand an der Decke projiziert, während die Betrachter darunter auf Sitzsäcken liegen. Ist das nicht arg viel Tamtam für ein Memento der Klimaerwärmung? Da bieten die meisten Natur-Dokus mehr.

 

Zumal sich die Anschaulichkeit, die Carriére anstrebt, nur selten einstellt. Für Illustrations- und PR-Zwecke ausgewählte Standbilder sind zweifellos eindrucksvoll: elegant geschwungene, blaugrün schimmernde Mondlandschaften. Doch in situ sieht man meist nur dunkles Geflacker und schemenhafte Formen, die alles und nichts sein könnten. Ähnlich verhält es sich mit der Installation „Midnight Zone“ von 2024, die dieser Ausstellung ihren Namen gab.

 

Lärm-Schauer wie auf Autobahnbrücke

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Watermark" – spektakuläre Doku über die Wirkung von Wasser auf die Erde von Jennifer Baichwal + Edward Burtynsky

 

und hier eine Besprechung des Films "Aquarela" – Doku über alle Aggregatzustände des Wassers von Victor Kossakovsky

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung "Olafur Eliasson: Werke aus der Sammlung Boros 1994–2015" – Werkschau des isländischen Op-Art-Künstlers in der Langen Foundation, Neuss

 

und hier eine Kritik des Films "River" – Doku über den Lauf von Flüssen weltweit von Jennifer Peedom + Joseph Nizeti

 

und hier einen Beitrag über den Film "Chasing Ice" – großartige Doku über das Abschmelzen der Gletscher von Jeff Orlowski.

 

Dazu hat Carrière in die Tiefsee eine so genannte Fresnel-Linse hinabgelassen; solche Linsen wurden ursprünglich für Leuchttürme entwickelt. Wenn die Linse kreist, zieht sie mit ihrem rasch aufstrahlenden und verdämmernden Licht Fische und Kleingetier an, so wie nachts an Land Lampen Scharen von Faltern und Insekten. Standbilder dieser Aufnahmen wimmeln von Fischschwärmen, aus denen einige Großfische herausstechen. Aber die Projektion des dreiviertelstündigen Films im Kunstmuseum zeigt meist nur eine Wolke schwacher Lichtpunkte, als seien es Glühwürmchen.

 

Nicht sonderlich überzeugend fällt auch die Übertragung solcher Aufnahmen ins Akustische aus. Dafür wurde ein mehr als mannshohes Sechseck aus Spiegelfolie errichtet, in dem natürliche Unterwassergeräusche künstlich verstärkt zu hören sind. Fährt ein Ozeanriese vorbei, lässt dröhnender Lärm die Folien derart schwingen, dass die Spiegelbilder nicht mehr zu erkennen sind. Ein Effekt, der sich auch auf jeder Autobahnbrücke einstellt: much ado about very little.

 

Güldenes Antlitz voller Mikro-Risse

 

Es sind weniger solche raumgreifenden und teuren Installationen als vielmehr Objekte aus eher traditionellen Kunst-Sparten, mit denen Carrière seine Anliegen gelungen vermittelt. Etwa großformatige Drucke von Unterwasser-Korallenlandschaften oder kalifornischen Ölfeldern aus der Vogelschau; dass er dafür exotische Druckmaterialien wie Karbonat-Verbindungen oder Bitumen verwendet, schadet ihrem visuellen Reiz nicht.

 

Das im herkömmlichen Sinne schönste Exponat ist wohl „Coalface“(2024). Der Künstler hat einen wagenradgroßen Steinkohle-Brocken auf einer Seite so glatt geschliffen und poliert, dass seine wellige Oberfläche glänzt wie ein Spiegel. Eine davor gehängte, kleine Öllampe verleiht dem eigenen Antlitz einen güldenen Schimmer, wenn man hineinblickt – doch das hehre Abbild wird gebrochen durch unzählige kleine Risse in der Oberfläche. Da gelingt Carrière mit einfachen Mitteln ein vielschichtiges und -sinniges Werk; weniger ist manchmal mehr.