Bi Gan

Resurrection

Tai Zhaomei (Gengxi Lee). Foto: © 2025Dangmai-CG Cinema-Arte France Cinema
(Kinostart: 25.6.) Reise ans Ende der Vorstellungskraft: Der chinesische Regisseur Bi Gan entfesselt einen faszinierenden Bilderbogen, der einen Träumer beim Eintauchen in Chinas Geschichte im 20. Jahrhundert begleitet. Doch diese Traumlogik entzieht sich rationalem Verständnis und lässt ratlos zurück.

Mit seinem epischen Drama „Resurrection“ will der chinesische Regisseur Bi Gan den Imaginationsraum des Kinos selbst ausloten. Eventuell noch mehr: Der Filmtitel, der sich mit „Wiederbelebung“ oder „Auferstehung“ übersetzen lässt, könnte auf seine Absicht hindeuten, das Medium Film an sich wiederbeleben zu wollen.

 

Info

 

Resurrection

 

Regie: Bi Gan,

160 Min., China/ Frankreich/ USA 2025;

mit: Shu Qi, Jackson Yee, Mark Chao

 

Weitere Informationen zum Film

 

Dazu schickt der Regisseur das Publikum auf eine zweieinhalbstündige, fantastische Reise durch markante Stationen der Filmgeschichte. Sechs Episoden sind zugleich verflochten mit verschiedenen Epochen der chinesischen Geschichte und inszenieren die Sinneswahrnehmungen. Nach buddhistischer Art: Dabei wird neben Sehen, Hören, Schmecken, Riechen und Ertasten auch das Verstehen als Sinneswahrnehmung verstanden.

 

Im Original „Wilde Zeiten“ betitelt

 

Viel intellektueller Überbau also für einen cineastischen Parforceritt. In der Tat ist „Resurrection“ durchgängig optisch überwältigend, hat aber auch erzählerische Schwachpunkte – und bleibt in seiner Gesamtheit so rätselhaft wie der bedeutungsschwangere Titel. Der chinesische Originaltitel, der übersetzt „Wilde Zeiten“ bedeutet, beschreibt den Charakter des Films möglicherweise stimmiger.

Offizieller Filmtrailer OmU


 

Wenn die Leinwand durchbrennt

 

Die Zuschauer müssen sich einlassen auf einen abenteuerlichen Bilder-Reigen und eine erzählerische Prämisse: In unbestimmter Zukunft hat die Menschheit das Träumen zugunsten der Langlebigkeit aufgegeben. Nur wenige Individuen wagen noch zu träumen, so genannte „Deliranten.“ Ein besonders hartnäckiger Delirant (Jackson Yee) versteckt sich in Filmen: Er sieht, was er träumt. Eine Agentin (Shu Qi) hat die Fähigkeit, den Träumer in Filmen aufzuspüren. Und so wird man konfrontiert mit einer durchbrennenden Leinwand, hinter der ein chinesisches Publikum sitzt, das skeptisch und neugierig zurückstarrt.

 

Nach diesem Durchbruch der so genannten vierten Wand, die den Bühnenraum begrenzt, entflieht der Deliriant in eine Opiumhöhle, wo er Schlafmohn isst. Zwischen expressionistischen Kulissen, die angelehnt sind an Schattengänger und Kabinette im Weimarer Kino, versteckt sich der Deliriant in einem Stummfilm. Die Agentin verfolgt ihn weiter in seinen ersten Traum: In einer ausgebombten Stadt wird ein Musiker, der sich und seinem Assistenten das Gehör raubt, für einen Spion gehalten. In klassischer film-noir-Manier entspinnt sich nun ein Thriller.

 

Einstündige 3D-Plansequenz

 

Für den zweiten Traum überspringt der Film Jahrzehnte; während der Kulturrevolution der 1960er Jahre geht es in einem verlassenen buddhistischen Kloster weiter. Da stellt sich die Frage, worauf das Geschehen hinauslaufen mag – oder ob der Weg durch diese windungsreiche Erzählung das eigentliche Ziel ist. Selten werden Filme mit derart vielen Themen und Aspekten be- und auch überfrachtet.

 

Der erst 35-jährige Regisseur Bi Gan wurde 2018 international bekannt durch sein zweites Werk „Long Day’s Journey into Night“ – einen knapp 140 Minuten langen Film, dessen letzte Stunde eine einzige Plansequenz in 3D ausmacht. Trotz solcher formalen Exzentrik versteht er sich durchaus als Erzähler. Die unterschiedlichen Phasen, Zeiten und sinnlichen Aspekte der Filmabschnitte seien keine Episoden innerhalb einer Rahmenhandlung, betont er: „Ich möchte, dass es sich losgelöst anfühlt – so, als würde die Figur durch ein ganzes Jahrhundert treiben.“

 

Nach Kloster zu Kleinkriminellen

 

Dass die Geschichte derart ausufert, tut ihr aber nicht immer gut. So sind die eigenständigen Abschnitte nicht gleichermaßen packend und weisen zudem keinen herkömmlichen Spannungsbogen auf, während sie visuell durchgängig beeindrucken. Zudem wären wohl umfassende Kenntnisse in chinesischer, philosophischer und cineastischer Geschichte nötig, um dieses bildertrunkene Werk völlig zu durchdringen.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "Druckfrisch aus den Zwanzigern – Einblicke in Chinas Moderne" – abwechslungsreich anschauliche Themenschau im MARKK Museum am Rothenbaum, Hamburg

 

und hier eine Besprechung des Films "Bis dann, mein Sohn (So long, my son)" – brillant vielschichtige Familien-Doppelchronik in China seit den 1980er Jahren von Wang Xiaoshuai

 

und hier einen Bericht über den Film "The Whispering Star" – wunderbar elegisches Sci-Fi-Kammerspiel über einen interstellaren Paketdienst von Sion Sono

 

und hier einen Beitrag über den Film "The Assassin" – raffinierter Meta-Martial-Arts-Historienfilm aus Taiwan von Hou Hsiao-Hsien mit Shu Qi.

 

Nach dem ehemaligen Kloster führt die Reise in die 1980er und frühen 1990er Jahre, als Parteiführer Deng Xiaoping Wirtschaft und Gesellschaft liberalisierte – was neben Privatunternehmen auch Kleinkriminalität und Gaunertum aller Art auf den Plan rief. Hier will ein Trickbetrüger den Boss einer Triade, der chinesischen Mafia, übers Ohr hauen: mit Hilfe eines Waisenmädchens, das Spielkarten angeblich am Geruch erkennen kann.

 

Vampirin küsst Apollo

 

Schließlich schwelgt der vierte Traum in einem synästhetischen Rausch am Vorabend des Jahrtausendwechsels – doch inhaltlich transportiert er kaum mehr als die Stimmung dieses Augenblicks und eine diffuse Symbolik. In der Nacht vor dem neuen Millenium taumelt ein Liebespaar der Morgendämmerung entgegen. Ein junger Mann namens Apollo ist noch nie geküsst worden; seine Liebste erweist sich aber leider als Vampirin, die für ihren Chef Kunden schanghaien soll.

 

Das ist kongenial eingefangen in einer ungeschnittenen Einstellung, die mehr als eine halbe Stunde dauert. Wobei die in unterschiedlichen Rottönen gehaltene Episode wohl für die Hinwendung Chinas zu seiner eigenen Spielart von Turbokapitalismus steht – mit der einsetzenden Morgendämmerung gehen die Bilder in ein blaues Farbspektrum über.

 

Überfordernde Augenweide

 

Abschließend bleibt noch die Entlarvung des sterbenden Träumers; dann schmilzt ein wächsernes Lichtspiel-Theater langsam dahin als Sinnbild für den Tod der Imagination. Was den Betrachter mit zwiespältigen Gefühlen zurücklässt: Einerseits sind etliche Passagen in „Resurrection“ hervorragend gelungen und eine wahre Augenweide. Andererseits überfordert der Film in Länge und Bilderfülle, so dass man ihn sich kaum ein zweites Mal zu Gemüte führen möchte.