
In Litauen engagiert sich der LGBTQ+-Aktivist Deividas (Elvinas Juodkazis) für den ersten Pride-Marsch in Kaunas; die Stadt ist die zweitgrößte des baltischen Staates nach der Kapitale Vilnius. Als Sprecher der Gruppe „Rainbow Kaunas“ tritt er gemeinsam mit der Innenministerin (Redita Dominaityte) vor die Kameras, um für Sichtbarkeit und Toleranz zu werben. Doch aus dem versammelten Publikum schlägt ihm Protest entgegen; auch Steine fliegen.
Info
The Activist
Regie: Romas Zabarauskas,
94 Min., Litauen 2025;
mit: Robertas Petraitis, Simas Kuliešius, Elvinas Juodkazis
Weitere Informationen zum Film
Fahndung mit rasiertem Schädel
Die übrigen Aktivisten von Deividas‘ Gruppe Rainbow Kaunas sind entsetzt und verängstigt über das vermeintliche Hassverbrechen, aber Behörden und Öffentlichkeit reagieren gleichgültig. Während die Pride-Gruppe beratschlagt, ob und wie der Marsch durch Kaunas trotz der Bedrohung durch Neonazi-Gruppen stattfinden kann, wächst in Andrius der Plan, Deividas‘ Mörder auf eigene Faust aufzuspüren. Er rasiert sich den Schädel und knüpft Kontakte zu Nationalisten und Neonazis.
Offizieller Filmtrailer OmU
Kontakte zu LGBTQ + Neonazis
Mit ruhiger Kamera und in gemessenem Tempo entwickelt Regisseur Romas Zabarauskas die Handlung seines fünften Spielfilms. Wie in seinem Drama „Advokatas“ (international: „The Lawyer“, 2020) oder dem Kammerspiel „Rašytojas“ („The Writer“, 2023) gibt er abermals Einblicke in spezifische Milieus seines Landes aus queerer Perspektive. Der offen schwul lebende Regisseur hat eigene Erfahrungen als Aktivist gemacht, die auch in seinen neuen Film einflossen.
Diesmal rückt die LGBTQ+-Bewegung selbst ins Zentrum, die offenkundig in Litauen auf ziemlich verlorenen Posten steht. Weitere Rollen spielen Politik, Medien und die politischen Gegner: Vermutlich haben Rechtsextremisten Deividas auf dem Gewissen. Tatsächlich gelingt es Andrius, bei seinen Nachforschungen Zugang zu einer solchen Gruppe zu finden. Gleichzeitig hält er Kontakt zu Mitgliedern von „Rainbow Kaunas“.
Privates vermischt sich mit Politischem
Etwa zu Jonas (Simas Kuliesius), der dem schmal gebauten Andrius im Fitnessstudio hilft, maskuliner auszusehen. Obwohl ihn eigene Sorgen quälen: Früher war er eine Frau in einer lesbischen Beziehung. Seine Ex-Freundin Laima (Tekle Baroti) hat nach seiner Geschlechtsumwandlung ihm, der queeren Bewegung und Kaunas den Rücken gekehrt. Nun taucht sie wieder auf und äußert Interesse an einem Neuanfang – Jonas ist perplex. Mit dieser Nebenhandlung zeigt Regisseur Zabarauskas, dass auch die kleine schwullesbische Gruppe mit Widersprüchen zu kämpfen hat; das Private vermischt sich mit dem Politischen.
Trotz wenig Personal und überschaubarem Budget ist der Film komplex aufgebaut und hält bis zum Ende die Spannung aufrecht. Gedreht an Original-Schauplätzen in Kaunas und Vilnius, meidet die Kamera touristische Ansichten zugunsten der immer noch von Sowjet-Architektur dominierten Stadtteile mit Veränderungen aus jüngerer Zeit: Anbauten, Underground-Clubs, Bildungsbürger-Wohnungen – jede Raumgestaltung verrät etwas über die Träume ihrer Bewohner und Benutzer.
Doppelte Protagonisten-Verwandlung
Hintergrund
Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Parada" – originelle serbische Komödie über die Gay-Pride-Parade in Belgrad von Srdjan Dragojević
und hier eine Besprechung des Films "Der Kreis" – gelungenes Doku-Drama über Zürich als Schwulen-Mekka Europas in den 1950/60er Jahren von Stefan Haupt
und hier einen Beitrag über den Film "Kriegerin" – ein beeindruckender Einblick in die Neonazi-Szene von David Wnendt
und hier einen Bericht über die Ausstellung "Homosexualität_en" – umfassende LGBTQ+-Themenschau im Deutschen Historischen Museum + Schwulen Museum, Berlin.
Den dramatischen Mittelpunkt bildet Andrius‘ zweifache Verwandlung. Einerseits muss er aus einem sanften Typen zu einem überzeugenden Neonazi werden. Andererseits wird er im Verlauf der Handlung selbst zum Pride-Aktivisten, was er zu Deividas‘ Lebzeiten nicht sein wollte. Hauptdarsteller Robertas Petraitis gelingt das Spiel mit der doppelten Identität – trotz der insgesamt ruhigen Tonlage des Films. Selbst wenn die Charaktere streiten, klingen sie ruhig und nachdenklich, was an skandinavische Krimis erinnert.
Dialoge mit dem Verstorbenen
Durchbrochen wird dieser gemächliche Stil nur durch seltene Gewaltausbrüche und abrupte Lichtwechsel – für Sex-Szenen oder Geistererscheinungen: Andrius führt mit dem toten Deividas manchmal imaginäre Dialoge. Auch wenn der Film damit handwerklich recht durchsichtig wirkt, ist Zabrauskas ein stilsicheres Drama gelungen – und zugleich eine hervorragende Einführung in die jüngere Geschichte Litauens, die nicht nur für die queere Szene interessant ist.
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