Daniel Roher

The Piano Tuner

Niki White (Leo Woodall) ein Klavierstimmer erkennt eine unerwartete Begabung zum Knacken von Tresoren. Foto: © Black Bear Pictures
(Kinostart: 2.7.) Eine rare Begabung: Ein junger Klavierstimmer in New York hat ein derart sensibles Gehör, dass er aufs Knacken von Tresoren umsattelt. Regisseur Daniel Roher findet dagegen in seiner Mischung aus Krimi, Romanze und Tragikomödie nur in den leisen Passagen die richtige Tonlage.

„Es geht nicht ums Hören, es geht um ein Gefühl“, erklärt der Klavierstimmer Harry (Dustin Hoffman) seiner Frau beim Abendessen. Marla (Tovah Feldshuh) versteht nicht, wie ihr Mann ohne seine Hörgeräte überhaupt noch arbeiten kann. Der alte Kauz wird auch immer wunderlicher. Nachdem er die Zahlenkombination für den Heimtresor geändert hat, fällt ihm jetzt der Code nicht mehr ein.

 

Info

 

The Piano Tuner

 

Regie: Daniel Roher,

107 Min., Kanada/ USA 2025;

mit: Leo Woodall, Dustin Hoffman, Havana Rose Liu, Lior Raz

 

Weitere Informationen zum Film

 

Zum Glück hat er seinen Assistenten Niki (Leo Woodall), der anbietet, sich darum zu kümmern. Harry und seinen jungen Mitarbeiter verbindet ein besonderes Gespür für feine Töne. Niki verfügt dabei über eine außergewöhnliche Fähigkeit: Er hat ein absolutes Gehör und kann jeden Ton auf der Klaviatur auch ohne Referenzton genau zuordnen.

 

Gescheiterter Pianist mit seltenem Leiden

 

Mit seinem Talent hätte es Niki als Klavierspieler einmal weit bringen können, aber er hat das Musizieren schon lange aufgegeben. Als ihn die angehende Pianistin Ruthie (Havana Rose Liu) einmal nach dem Grund fragt, trifft sie damit sichtlich einen wunden Punkt bei ihm. Tatsächlich wurde Nikis Karriere von einer seltenen Diagnose beendet: Er leidet an Hyperakusis – einer seltenen Überempfindlichkeit, die ihn geradezu allergisch auf laute Geräusche reagieren lässt.

Offizieller Filmtrailer


 

Drei parallele Handlungen

 

Seitdem trägt Niki zum Schutz Kopfhörer im Alltag. Der Großstadt-Sound von New York irritiert und quält ihn sonst zu sehr. Bei Harry dagegen fühlt er sich aufgehoben, auch wenn sein Mentor ihn manchmal nervt. Als der nach einem Herzinfarkt im Krankenhaus landet, droht dem eingespielten Klavierstimmer-Duo das Aus. Marla erzählt Niki von den Schulden, die Harry heimlich angehäuft hat, und der junge Mann beschließt, Geld zu beschaffen.  

 

Von diesem Moment an laufen in Daniel Rohers „The Piano Tuner“ drei Handlungen parallel: Zum einen schließt sich Niki einer kriminellen Truppe von Tresorknackern an, die er vor kurzem bei einem seiner Klavierstimmer-Jobs in der Villa eines reichen Kunden überrascht hat. Gleichzeitig beginnt er eine Romanze mit Ruthie. Gemeinsam besuchen die Frischverliebten Harry, der immer seniler wird, an seinem Krankenbett.

 

Genre-Mix ohne Feingefühl

 

Roher hat jedoch Mühe, aus den tonalen Schwingungen der verschiedenen Genres – Krimi, Liebesgeschichte, Tragikomödie – eine in sich harmonische Symphonie zu komponieren. Ihm selbst fehlt das nötige Feingefühl für einen gelungenen Mix aus Thriller-Momenten und gezielt gesetzten Pointen. So erweist sich vor allem der Plot um die Ganovenbande als Schwäche im Drehbuch.

 

Anfangs schaut man Niki noch fasziniert und amüsiert dabei zu, wie er sich mit Hilfe von Tutorials aus dem Internet das Knacken von Tresorschlössern antrainiert. Seine Technik: Er kann den richtigen Code am feinen Klicken der einzelnen Rädchen im Mechanismus entschlüsseln. Dagegen wirkt die Inszenierung der Raubüberfälle allzu vorhersehbar und einfallslos. Insbesondere die blassen Profile der tölpelhaften Gangster bremsen in den zunehmend düsteren Action-Passagen die Spannung komplett aus.

 

Die leisen Szenen sind die besten

 

Was besser gelingt, sind die leiseren Szenen zwischen Niki und Ruthie. Ihre aufkeimende Beziehung wird überschattet von der Enttäuschung, die sein Leben durchzieht. Es fällt Niki schwer, seine Freundin in ihren Ambitionen zu unterstützen. Sie kann erreichen, wovon er immer geträumt hat.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "15 Jahre" – gelungene Rachedrama-Fortsetzung über eine Außenseiter-Pianistin durch Chris Kraus

 

und hier eine Besprechung des Films "Der letzte Takt" – isländische Tragikomödie über den Klassik-Betrieb von Sigurjón Kjartansson

 

und hier einen Beitrag über den Film "Lara" – einfühlsam-komplexes Mutter-Sohn-Drama im Musikbetrieb von Jan-Ole Gerster mit Corinna Harfouch + Tom Schilling.

 

Auch die charmanten Unterhaltungen zwischen Niki und Harry machen es zunächst einfach, sich von der Geschichte einnehmen zu lassen. Gerne schaut man den beiden am Anfang bei der Arbeit zu, wie sie hingebungsvoll teure Steinway-Flügel stimmen, auf denen selten jemand spielt – oder gegen einen angemessenen Aufpreis auch mal Klempner-Jobs in Erwägung ziehen.

 

Erster Spielfilm nach „Nawalny“-Doku

 

In diesen Momenten stimmen die Dialoge, das Tempo und der Rhythmus, denn Roher vertraut ganz auf die gegenseitige Chemie seiner Schauspieler. Die Referenz an Dustin Hoffmans legendäre Rolle als autistischer „Rain Man“ (1988) wird nur in einem unnötig holprigen Moment ausgeschlachtet. Sonst schwingt sie eher wie eine zarte Melodie im Hintergrund mit.

 

Mit „Nawalny“, seiner Polit-Dokumentation über den russischen Oppositionsführer, der in der Haft starb, hat der Regisseur 2022 einen Oscar gewonnen. Sein Spielfilmdebüt kann da trotz Hoffmans Superstar-Status nicht mithalten. Zu vieles geht hier durcheinander. „Wenn man ein Klavier stimmt“, sagt Niki einmal, „gilt es Harmonie zu schaffen, wo Chaos war. Dazu muss man mit dem Unperfekten leben können.“ Dafür ist Rohers Film ein gutes Beispiel.