Muriel d'Ansembourg

Truly Naked

Lizzie (Alessa Savage) posiert für Alecs (Caolán O’Gorman) Kamera. Foto: Capelight Pictures
(Kinostart: 11.6.) XXX-Filme als Familiensache: Vater agiert, Sohn dreht und schneidet. Was ihn erst stört, als er sich in seine Mitschülerin verliebt. Ihre Coming-of-Age-Story im Zeitalter von Internet-Pornos legt Regisseurin Muriel d'Ansembourg sehr differenziert an – bis zum finalen Absturz.

„Truely Naked“ beginnt mit einem Filmzitat: Wie einst um Bondgirl Shirley Eaton im Actionkrimi-Klassiker „James Bond 007 – Goldfinger“ (1965) kreist die Kamera um eine komplett vergoldete junge Frau. Hier handelt es sich allerdings um die Hardcore-Variante. Bald verschränkt die Schöne ihre Beine um den Nacken eines Mannes; die Pose erweist sich als Szene eines im privaten Wohnzimmer produzierten Pornos.

 

Info

 

Truly Naked

 

Regie: Muriel d'Ansembourg,

102 Min., Belgien/ Frankreich 2026;

mit: Caolán O'Gorman, Andrew Howard, Alessa Savage, Safiya Benaddi

 

Weitere Informationen zum Film

 

Dessen männlicher Hauptdarsteller ist Dylan (Andrew Howard). Für seinen Einsatz wird er beklatscht, obwohl dabei eher seine Partnerin Lizzy (Alessa Savage) geglänzt hat. Der Kameramann – sowie Cutter, Grafiker und manches mehr – ist Dylans 17-jähriger Sohn Alec (Caolán O’Gorman). Seit dem Tod der Ehefrau und Mutter bilden Vater und Sohn zu zweit ein Familien-Unternehmen.

 

Umzug wegen Geschäfts-Flaute

 

Dessen Produkt ist expliziter hardcore stuff. Dylan erklärt es später einer neuen Darstellerin, die zwischendurch gern ein paar Streicheleinheiten hätte: „Wir machen Pornos, wir machen keine Filme über Liebe.“ Der Haken daran ist – abgesehen von der Frage, ob Alec als Minderjähriger überhaupt mitwirken darf –, dass ihr Geschäft nicht mehr richtig floriert. Weshalb Dylan und Alec aus London in einen Küstenort umziehen, wo das Leben günstiger ist.

Offizieller Filmtrailer


 

Schulprojekt über Internet-Porno-Sucht

 

Nun hat der eher introvertierte Alec ein weiteres Problem. Zwar geht es zuhause durchaus liebevoll zu, und Nacktheit stört ihn ebenso wenig wie der ständige Sex anderer Personen um ihn herum. Was aber Intimität bedeuten könnte, die nicht auf Oberflächenreize, Penetration und Profit ausgerichtet ist, muss der Teenager erst lernen. Gelegenheit dazu bietet ihm ein Schulprojekt über Abhängigkeit, für das Alec das Thema Internet-Pornografie-Sucht bearbeiten will.

 

Seine Lehrerin verlangt, dass er seine männliche um eine weibliche Sicht ergänzt. Sie weist ihm kurzerhand als Referats-Partnerin Nina (Safiya Benaddi) zu, deren familiäres Umfeld deutlich feministisch geprägt ist. Nach der Schule, an der ein rau-jungmännliches Klima herrscht, suchen beide ihre Lieblingsorte an der ebenfalls rauen Küste auf, um sich in Ruhe auszutauschen.

 

Beeindruckend leichtes Anbändeln

 

Wobei sie sich gewitzt darüber unterhalten, wie nötig es wäre, frauenfreundliche Pornos zu drehen; oder ihre Wünsche, sexuelle Erfahrungen anders zu machen als über Zuschaustellung durch andere. Was gar nicht so leicht ist angesichts der Allgegenwart von Nacktbildern und Pornografie im Netz.

 

Hierfür findet der Film starke Szenen; insbesondere, wenn die beiden Jugendlichen tatsächlich zum ersten Mal nackt sind. Das führt auf eindrucksvolle Weise zum erwartbaren Ende und dann schnell darüber hinaus. Denn ihr Verhältnis geht weiter, trotz Ninas begründetem Unmut. Die Annäherung aneinander und ans jeweils fremde Milieu gelingt den Film-Debütanten Caolán O’Gorman und Safiya Benaddi mit beeindruckender Leichtigkeit.

 

Facettenreiche Figuren verflachen

 

Dann kann sich Regisseurin Muriel d’Ansembourg jedoch nicht entscheiden, wohin sie mit all den Ideen und Ansätzen, die sie verfolgt, ohne sie zu vertiefen, eigentlich hin will. Die anfangs erfreulich facettenreich gestalteten Figuren und die Gemeinschaften, die sie bilden, verflachen im Verlauf der Handlung zusehends.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Pleasure" – facettenreiches Dokudrama über die US-Porno-Branche von Ninja Thyberg

 

und hier das Interview "Sex-Athleten bei Kampfsportarten" mit Regisseurin Ninja Thyberg + Hauptdarstellerin Sofia Kappel über den Film "Pleasure"

 

und hier eine Besprechung des Films "Fierce: A Porn Revolution" – Doku über queeres Porno-Kollektiv in der Schweiz von Patrick Muroni

 

und hier einen Bericht über den Film "Pornfluencer" – aufschlussreiche Dokumentation über Amateur-Pornofilmer von Joschka Bongard

 

und hier einen Beitrag über den Film "Bad Luck Banging or Loony Porn" – Sittendrama über Folgen eines Privatpornos in Rumänien von Radu Jude, prämiert mit Goldenem Bären 2021.

 

Insbesondere Dylan darf zunächst unterschiedliche Seiten seiner Persönlichkeit zeigen; er ist nicht nur Pornoproduzent, sondern auch ein liebender Vater, der sich zudem um Lizzy (Alessa Savage) kümmert. Diese ist wiederum ist nicht nur eine Art große Schwester für Alec; zwischen ihr und Nina entsteht auch eine interessante Nähe. Doch als Alec wegen seiner Beziehung zu Nina beginnt, eigene Ansprüche zu stellen, wird das Miteinander zusehends schwieriger und eindimensionaler.

 

Letzte Geschäftsidee Sodomie

 

Eine Ursache ist die Misere der Familien-Firma; daher heckt Dylan immer abwegigere Ideen für seine Filme aus. Bis er seiner Hauptdarstellerin Gewalt antut; ein harscher Bruch mit dem zuvor Gezeigten. Gegen ihren erklärten Willen zwingt er sie zu sodomitischen Praktiken, vor denen sie sich verständlicherweise ekelt und bei denen sie verletzt wird.

 

Davon erholt sich auch der Film nicht. Während er vorher angenehm differenziert den Einfluss von Pornografie auf Jugendliche darstellte, die nach ihrem eigenen Zugang zu Intimität suchen, bricht diese vielschichtige Konstruktion nun zusammen. Unter der Wucht einer wirklich schwer verdaulichen Darstellung; immerhin habe die dabei mitspielende Krake überlebt, heißt es.

 

Überbietungslogik der Porno-Branche

 

So fällt Regisseurin d’Ansembourg am Ende selbst auf die Logik der Porno-Branche herein, ständig krassere Bilder liefern zu müssen, um das Publikum bei der Stange zu halten. Anstelle der Sensibilität, die ihr Coming-of-Age-Film fordert und schildert, treten zum Schluss überdeutliche Didaktik und ein recht plumpes Gut-und-Böse-Schema.