Baden-Baden

Wettstreit mit der Wirklichkeit – 60 Jahre Fotorealismus

Richard McLean, Jack Magill’s Bourbon Jet, 1981, Öl auf Leinwand, 127 x 172,7 cm, Waddington Custot, London, Paris, Dubai © Richard McLean, courtesy Louis K. Meisel, New York, 2026
What you see is what you get: Fotorealistische Malerei verbirgt ihr anspruchsvolles Konzept hinter glänzenden Oberflächen. Anfangs als Verwirrspiel mit der Warenwelt; inzwischen ist sie zur gepinselten Produktreklame degeneriert. Das zeigt eine umfassende Überblicksschau im Museum Frieder Burda.

Die Älteren unter uns werden sich erinnern: Es gab eine Zeit, da wurde bereits ständig fotografiert und gefilmt; auch die Glotze lief pausenlos, zumindest von nachmittags bis Mitternacht. Doch die Aufnahmen, die dabei entstanden und gesendet wurden, waren nicht sonderlich scharf, sondern eher verwaschen und hatten kaum Tiefe. Von der heutigen Hochglanz-Ästhetik mit HD-Auflösung, 4K-Digitalisierung und Photoshop-Nachbesserung war die Bildproduktion weit entfernt.

 

Info

 

Wettstreit mit der Wirklichkeit
60 Jahre Fotorealismus

 

28.02.3026 - 02.08.2026

 

täglich außer montags 10 bis 18 Uhr

im Museum Frieder Burda, Lichtentaler Allee 8b, Baden-Baden

 

Katalog 38 €

 

Weitere Informationen zur Ausstellung

 

Dennoch kam seinerzeit eine Gruppe von US-Künstlern auf die Idee, solche Fotografien als Vorlagen für ihre Malerei zu verwenden. Ganz buchstäblich: Meist projizierten sie die Aufnahmen auf Leinwände, zeichneten Linien nach und füllten Flächen akribisch und präzise aus. Dabei ging es ihnen nicht um reine Reproduktion. Im Gegenteil: Wer genau hinschaute, bemerkte, dass er mehr sah, als Fotos bieten konnten – nicht nur damalige, sondern überhaupt.

 

Unwirkliche Überpräsenz durch Superschärfe

 

Jede Kameralinse, ebenso das menschliche Auge, fokussiert auf eine bestimmte Distanz; die übrigen Bereiche erscheinen unscharf bis verschwommen. Anders die Gemälde der Fotorealisten: Hier erscheint jede Zone, jedes Detail gleich scharf. Dadurch gewinnen diese Bilder eine unwirkliche Überpräsenz – und machen dem Betrachter die Eigenheiten visueller Wahrnehmung bewusst. Was auf den ersten Blick wie ein Schnappschuss wirkt, wie ein beliebiger Ausschnitt aus der Realität, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als hochartifizielle Konstruktion.

Feature über die Ausstellung; © Museum Frieder Burda


 

Sachlich, neutral + unpersönlich

 

Der Fotorealismus entstand Ende der 1960er Jahre als Reaktion auf Abstrakten Expressionismus und Pop Art – die beiden dominanten Kunstströmungen, die ihm vorausgingen. Während das action painting den Selbstausdruck des Künstlers zelebrierte, gingen die Fotorealisten betont sachlich und neutral vor; persönliche Handschrift war verpönt. Und während die Pop Art ironisch-spielerisch mit der Dingwelt der Konsumgesellschaft umging, wahrten die Fotorealisten kühle Distanz. Ihre Motive waren höchstens hintergründig als kritischer Kommentar zu verstehen.

 

Deshalb hat man den Fotorealismus in die Nähe von Minimalismus und Konzeptkunst gerückt. Nicht etwa, weil er zur selben Zeit aufkam, sondern vielmehr wegen seines unpersönlich-theoriegeleiteten Ansatzes. Die einzige subjektive Komponente war die Wahl des Bildinhalts; der durfte durchaus unscheinbar und trivial sein. Alles weitere – die Übertragung des Fotos auf die Leinwand und seine Nachahmung mit Pinsel und Farben – war zwar handwerklich anspruchsvoll und zeitaufwändig, aber gleichsam maschinell normiert. Heutzutage würde das ein KI-Programm erledigen.

 

Sich in multiplen optischen Ebenen verlieren

 

Wobei sich die meisten Fotorealisten wie Genre-Maler des 17. Jahrhunderts auf bestimmte Sujets spezialisierten. Chuck Close malte wandfüllende Frontal-Porträts, Richard McLean Rassepferde und ihre stolzen Besitzer, Robert Cottingham Neonreklame-Schriftzüge an Fassaden, Ralph Goings Fahrzeuge vor Fast-Food-Restaurants, Don Eddy Details von Auto-Karosserien, John Salt Innenräume von Autowracks und Richard Estes Laden-Schaufenster mit Spiegel-Effekten – was Eddy später ebenfalls aufgriff.

 

Insbesondere die Bilder von Estes und Eddy veranschaulichen gut, woran den Fotorealisten lag. Bereits der Ausschnitt ist häufig so gewählt, dass man ihn kaum verorten kann; zusätzlich verstört, wie sich im Fenster die Umgebung spiegelt. Gläserne Zwischenböden oder Raumteiler vervielfachen die Spiegelungen, bis ein Vexierbild entsteht, bei dem sich der Betrachter in multiplen optischen Ebenen verliert. Ähnliche Wirkungen erzielten Eddy und Goings mit Lichtreflexen auf chromblitzenden Radkappen, Stoßstangen und Verkleidungen von Straßenkreuzern.

 

Von Sehsinn-Manipulation zu Deko-Ware

 

Diese Auflösung der Welt in Oberflächen-Reize, die nichthierarchisch und damit ihrer Bedeutung entleert sind, kam am deutlichsten zum Ausdruck, solange die Motive nichtssagend und spröde waren: Es ging nicht um das Was, sondern um das Wie der Darstellung. Bereits in den 1970er Jahren traten aber auch Maler in Erscheinung, die gewisse Objekt-Gruppen quasi fetischisierten und damit die Nachfolge einer gefällig-marktgängigen Spielart der Pop Art antraten.

 

Wenn Tom Blackwell und David Parrish schwere Motorräder heranzoomten, dann funkelte da zwar auch viel Chrom – doch es wirkte wie von Bikern für ihre Stammkneipe bestellt. Dasselbe gilt für die schnittigen Formel-Eins-Wagen von Ron Kleemann und das historische Blechspielzeug oder die Flippergeräte von Charles Bell; sie bedienen Sehnsüchte von Rennsportfans und Sammlern. Der Grat zwischen virtuoser Sehsinn-Manipulation und schlichter Deko-Ware erweist sich als schmal.

 

Grenze zum Edelkitsch überschreiten

 

Man muss der Ausstellung im Museum Frieder Burda zugute halten, dass sie den Niedergang dieser Strömung nicht verschweigt. Sie dokumentiert nicht nur ihre kunsthistorisch geadelten Anfänge, sondern auch ihre Verflachung in jüngerer Zeit. Mit irritierenden Einsprengseln: Die verwischten Bilder von Gerhard Richter aus den frühen 1960er Jahren beruhen zwar auch auf Fotos, bedienen sich jedoch eines ganz anderen Verfahrens – Verunklarung durch Unschärfe. Und die falschfarbig überdimensionalen Stillleben von Karin Kneffel seit den 2000er Jahren verbreiten eher biedermeierliche Beschaulichkeit.

 

Richtig gruslig wird es aber im Obergeschoss, wo Gegenwartskunst zu sehen ist. Also Werke, deren Schöpfer im heutigen Umfeld von HD, 4K und Photoshop arbeiten – und offenkundig damit Schritt halten wollen. Während die Motive mit dem Glamour von Reklame-Fotografie konkurrieren und mühelos die Grenze zum Edelkitsch überschreiten. François Chartier und Don Jacot malen quietschbuntes Spielzeug, Pedro Campos reiht Getränkedosen aneinander, Alexandra Averbach stapelt Sammeltassen und krönt sie mit Früchten, Roberto Bernardi türmt Lollipops und Macarons auf, Raphaella Spence pinselt New-York-Ansichten, die an Postkarten erinnern.

 

Werbeposter in eigener Sache

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "Hyper Real – Die Passion des Realen in Malerei und Fotografie" mit zahlreichen fotorealistischen US-Künstlern in Wien + Aachen

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung "Gottfried Helnwein – Retrospektive" – umfassende Werkschau des hyperrealistischen Künstlers in der Albertina, Wien

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung "Gerhard Richter: Bilder einer Epoche" – große Werkschau seiner fotorealistischen Phase 1962 bis 1967 im Bucerius Kunst Forum, Hamburg

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung "Unscharf. Nach Gerhard Richter" – Überblicksschau mit fotorealistisch inspirierten Werken in der Hamburger Kunsthalle.

 

Alles technisch makellos, in glänzenden Farben, wie frisch ausgepackt – und von unüberbietbarer Banalität. Oder eher Vulgarität, denn jedes Bild scheint lauthals zu schreien: Kauf mich! Das Dezente und Verhaltene, das die erste Generation fotorealistischer Gemälde prägte, geht diesen Werbepostern in eigener Sache völlig ab. Kaum eines lässt auch nur den Ansatz einer eigenständigen Bildkonzeption erkennen – die streng symmetrischen Fluchtpunkt-Interieurs von Ben Johnson sind schon der Gipfel an Originalität.

 

Es macht eben einen großen Unterschied, ob Chuck Close 1969 meterhohe, monochrome Porträts von Freunden wie Richard Serra oder dem „Minimal Music“-Komponisten Phil Glass anfertigte, auf denen alle Poren und Härchen zu erkennen sind – was eine neue Perspektive aufs menschliche Antlitz eröffnet. Oder ob ihn 40 Jahre später Craig Wylie nachahmt, aber farbig und in banalen Posen – als blase er Profilbilder aus den Sozialen Medien ins Monströse auf.

 

Wie im Setzkasten oder Fotoalbum

 

In jeder Großstadt gibt es Galerien, die populäre Kaufhauskunst anbieten: stereotype Wasserfall- oder Sonnenuntergangs-Landschaften, Comicfiguren und Plüschtiere, Filmstars und Spitzensportler – alles von fleißigen Händen in Fernost gepinselt oder gedruckt. Für Käufer, die ihre Wohnungswände mit den gleichen Klischees schmücken wollen, die sie bereits im Setzkasten oder Fotoalbum einsortiert haben. Diese Klientel dürfte an der Auswahl von zeitgenössischem Fotorealismus im Obergeschoss ihre helle Freude haben.