
Vor einigen Jahren wurden plötzlich Dokus über Extremreisen populär: etwa Weltumrundungen mit Baby per Anhalter oder mit Motorrad – oder zumindest die Durchquerung von Afrika oder Asien mit einem Fahrrad. Offenbar lockte das digital versehrte Publikum das Versprechen real-exotischer Abenteuer. Doch dieses Genre verschwand so schnell, wie es aufgetaucht war: In den meisten dieser Filme erzählten ihre Macher vor allem von sich, nahmen aber fremde Regionen und Kulturen kaum wahr. Das langweilte bald.
Info
Auf zwei Rädern
Regie: Mathias Mlekuz,
89 Min., Frankreich 2024;
mit: Mathias Mlekuz, Philippe Rebbot, Josef Mlekuz, Adriane Grządziel
Weitere Informationen zum Film
Schmerbauch + Schluckspecht
Ein skurriles Duo: Der eine ist ein gemütlicher Hütchenträger mit Schmerbauch – Filmemacher Mathias Mlekuz. Der andere ist sein engster Freund Philippe Rebbot: ein schlaksiger Schluckspecht mit Basecap überm Vokuhila, abgetragenem Sakko, Hemd und Krawatte. Allein der Umstand, dass hier zwei beste Kumpels unterwegs sind, dürfte allzu monomanische Fixierung auf eigene Befindlichkeiten verhindern, sollte man meinen.
Offizieller Filmtrailer
Gedenkreise als Pilgerfahrt
Allerdings trägt Mathias schwer an einem Verlust: Er kann nicht verwinden, dass vor einem Jahr sein an Depressionen erkrankter Sohn Juri Selbstmord begangen hat. Fünf Jahre zuvor war Juri mit dem Rad quer durch Europa gefahren und hatte darüber ein Fotoalbum angelegt. Anhand dessen als Wegweiser will sein Vater nun in Begleitung von Philippe dieselbe Strecke Station für Station nachfahren – gleichsam als Gedenkreise zu Ehren seines Filius. Weil der als Clown arbeitete, haben sich die beiden auch ein paar simple Gags zugelegt, die sie gern vorführen; darüber lachen aber nur Grundschüler.
Ansonsten ähnelt die Tour der beiden einer Art Pilgerfahrt. Wohin sie auch kommen: Ihre Gedanken und Gespräche kreisen meist um den vermissten Abwesenden, worüber sie sich tagsüber bei Rastpausen oder abends am Lagerfeuer wortreich austauschen. In weitschweifig mäandernden Überlegungen über Schuld und Versäumnisse, die Rolle von Eltern und Kindern, wechselseitige Erwartungen und derlei mehr. Es ist wie so häufig bei privaten, fast intimen Unterhaltungen unter Vertrauten: Was die Beteiligten als verständnisinnig empfinden mögen, wirkt auf Außenstehende eher trivial.
Kirchenbesuche + Rummel-Bummel
Dagegen erfährt man wenig über die Wechselfälle einer Langstrecken-Radtour. Mathias und Philippe sind unsportlich und starten ungeübt; doch außer über Schmerzen auf den Sätteln klagen sie über nichts. Auch ihre Radweg-Route verläuft windungsreich, aber unspektakulär: Einmal ärgert sich Philippe über eine knöcheltiefe Pfütze, einmal jagen ihm Scharen von Hunden in Rumänien Angst ein, worüber er mit Mathias streitet. Das war es auch schon: keine Plattfüße, gerissenen Ketten oder Erschöpfungsanfälle. Wenn es ihnen reicht, trampen sie eine Teilstrecke oder nehmen den Fernbus.
Hintergrund
Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Auf dem Weg - 1300 Kilometer zu mir" – französisches Wanderungs-Epos von Denis Imbert
und hier eine Besprechung des Films "303" – mitreißend charmantes Wohnmobil-Roadmovie über Liebe auf Umwegen von Hans Weingartner
und hier einen Beitrag über den Film "Der grosse Trip – Wild" – beeindruckendes US-Fernwanderungs-Epos von Jean-Marc Vallée mit Reese Witherspoon
und hier einen Bericht über den Film "Egal was kommt" – Doku über eine Weltumrundung mit Motorrad von Christian Vogel.
Trauerarbeit mit zweitem Sohn
In Wien geraten sie an die resolute Wohnungsvermieterin Adriane (Adriane Grzadziel), die ihnen genau vorschreibt, wie sie den Kühlschrank zu füllen und die Duschkabine zu putzen haben. In der rumänischen Provinz treffen sie auf einen Landsmann (Laurent Jouault), der dort als Fotograf arbeitet. Vor einem Jahr brannte der Anbau seines Gehöfts ab, was ausführlich begutachtet und bedauert wird.
In Istanbul stößt Mlekuz‘ zweiter Sohn Josef (Josef Mlekuz) zu ihnen, um ausführlich Trauerarbeit zu leisten. Dazu lädt das Trio zudem Marzi (Marzieh Rezaee) ein; die Exiliranerin war Juris letzte Freundin. Gemeinsames Schlendern über den Basar – wo Philippe ein Poster des türkischen Rockstars Cem Karaca kauft, weil er ihm ähnelt, ohne zu wissen, um wen es sich handelt – und ein neuer Radtour-Aufbruch von Mathias und Josef auf dem Tandem; das war’s.
Narzisstische Nabelschau
Wer ebenfalls in jüngster Zeit einen schweren persönlichen Verlust erlitten hat, den mag dieser Film eines Leidensgenossen trösten. Ansonsten bleibt die Einsicht: Dokus über Fernreisen zu zweit können genauso narzisstisch auf Nabelschau beschränkt bleiben wie die von Einzelgängern.
.
Diesen Button „Leseansicht umschalten“ bitte drücken. Alternative: Zum Aktivieren der
Leseansicht drücken Sie die Taste F9.
. Diesen
Button „Plastischen Reader aktivieren“ bitte drücken. Alternative: Ist dieser Button nicht
vorhanden, geben sie in der Adresszeile vor der URL manuell das Wort „read:“ ein und drücken sie
die Return-Taste. Dann erscheint dort „read://https_kunstundfilm.de...“. Alternative: Zum
Aktivieren der Leseansicht drücken Sie die Taste F9.