Mathias Mlekuz

Auf zwei Rädern

Philippe (Philippe Rebbot), Hund Lucky und Mathias (Mathias Mlekuz) im Cafe. Foto: © MES Production, F Comme Film/ Emmanuel Guimier)
(Kinostart: 9.7.) Selbsttherapie-Doku mit Drahtesel: Ein trauernder Vater durchquert Europa per Fahrrad mit seinem besten Freund, um den Tod seines Sohnes zu verarbeiten. Worum sich alles dreht – wo die beiden entlang radeln und was dort geschieht, kümmert Filmemacher Mathias Mlekuz wenig.

Vor einigen Jahren wurden plötzlich Dokus über Extremreisen populär: etwa Weltumrundungen mit Baby per Anhalter oder mit Motorrad – oder zumindest die Durchquerung von Afrika oder Asien mit einem Fahrrad. Offenbar lockte das digital versehrte Publikum das Versprechen real-exotischer Abenteuer. Doch dieses Genre verschwand so schnell, wie es aufgetaucht war: In den meisten dieser Filme erzählten ihre Macher vor allem von sich, nahmen aber fremde Regionen und Kulturen kaum wahr. Das langweilte bald.

 

Info

 

Auf zwei Rädern

 

Regie: Mathias Mlekuz,

89 Min., Frankreich 2024;

mit: Mathias Mlekuz, Philippe Rebbot, Josef Mlekuz, Adriane Grządziel

 

Weitere Informationen zum Film

 

„Auf zwei Rädern“ wirkt auf den ersten Blick wie ein Nachzügler dieses Genres mit sympathisch bescheidenem Anspruch. Es geht nur um eine Radtour von La Rochelle an der französischen Atlantikküste nach Istanbul. Nicht von Hochleistungssportlern mit high tech-Ausrüstung, sondern von zwei Normalos auf Allerwelts-Drahteseln mit Campingzelt und Schoßhund „Lucky“ auf dem Gepäckträger.

 

Schmerbauch + Schluckspecht

 

Ein skurriles Duo: Der eine ist ein gemütlicher Hütchenträger mit Schmerbauch – Filmemacher Mathias Mlekuz. Der andere ist sein engster Freund Philippe Rebbot: ein schlaksiger Schluckspecht mit Basecap überm Vokuhila, abgetragenem Sakko, Hemd und Krawatte. Allein der Umstand, dass hier zwei beste Kumpels unterwegs sind, dürfte allzu monomanische Fixierung auf eigene Befindlichkeiten verhindern, sollte man meinen.

Offizieller Filmtrailer


 

Gedenkreise als Pilgerfahrt

 

Allerdings trägt Mathias schwer an einem Verlust: Er kann nicht verwinden, dass vor einem Jahr sein an Depressionen erkrankter Sohn Juri Selbstmord begangen hat. Fünf Jahre zuvor war Juri mit dem Rad quer durch Europa gefahren und hatte darüber ein Fotoalbum angelegt. Anhand dessen als Wegweiser will sein Vater nun in Begleitung von Philippe dieselbe Strecke Station für Station nachfahren – gleichsam als Gedenkreise zu Ehren seines Filius. Weil der als Clown arbeitete, haben sich die beiden auch ein paar simple Gags zugelegt, die sie gern vorführen; darüber lachen aber nur Grundschüler.

 

Ansonsten ähnelt die Tour der beiden einer Art Pilgerfahrt. Wohin sie auch kommen: Ihre Gedanken und Gespräche kreisen meist um den vermissten Abwesenden, worüber sie sich tagsüber bei Rastpausen oder abends am Lagerfeuer wortreich austauschen. In weitschweifig mäandernden Überlegungen über Schuld und Versäumnisse, die Rolle von Eltern und Kindern, wechselseitige Erwartungen und derlei mehr. Es ist wie so häufig bei privaten, fast intimen Unterhaltungen unter Vertrauten: Was die Beteiligten als verständnisinnig empfinden mögen, wirkt auf Außenstehende eher trivial.

 

Kirchenbesuche + Rummel-Bummel

 

Dagegen erfährt man wenig über die Wechselfälle einer Langstrecken-Radtour. Mathias und Philippe sind unsportlich und starten ungeübt; doch außer über Schmerzen auf den Sätteln klagen sie über nichts. Auch ihre Radweg-Route verläuft windungsreich, aber unspektakulär: Einmal ärgert sich Philippe über eine knöcheltiefe Pfütze, einmal jagen ihm Scharen von Hunden in Rumänien Angst ein, worüber er mit Mathias streitet. Das war es auch schon: keine Plattfüße, gerissenen Ketten oder Erschöpfungsanfälle. Wenn es ihnen reicht, trampen sie eine Teilstrecke oder nehmen den Fernbus.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Auf dem Weg - 1300 Kilometer zu mir" – französisches Wanderungs-Epos von Denis Imbert

 

und hier eine Besprechung des Films "303" – mitreißend charmantes Wohnmobil-Roadmovie über Liebe auf Umwegen von Hans Weingartner

 

und hier einen Beitrag über den Film "Der grosse Trip – Wild" – beeindruckendes US-Fernwanderungs-Epos von Jean-Marc Vallée mit Reese Witherspoon

 

und hier einen Bericht über den Film "Egal was kommt" – Doku über eine Weltumrundung mit Motorrad von Christian Vogel.

 

Ebenso spärlich bleiben Hinweise auf die durchradelten Landschaften – immerhin 3000 Kilometer von Frankreich über Deutschland und Österreich nach Ungarn, Rumänien und Bulgarien bis in die Türkei. Außer Wiesen, Wäldern und Wasserstraßen wie der Loire oder Donau ist wenig zu sehen. Stattdessen setzt Filmemacher Mlekuz auf besinnliche bis skurrile Episoden von Kirchenbesuchen bis Bummel übern Rummel; unerlässliche Zutaten für jedes derartige road movie.

 

Trauerarbeit mit zweitem Sohn

 

In Wien geraten sie an die resolute Wohnungsvermieterin Adriane (Adriane Grzadziel), die ihnen genau vorschreibt, wie sie den Kühlschrank zu füllen und die Duschkabine zu putzen haben. In der rumänischen Provinz treffen sie auf einen Landsmann (Laurent Jouault), der dort als Fotograf arbeitet. Vor einem Jahr brannte der Anbau seines Gehöfts ab, was ausführlich begutachtet und bedauert wird.

 

In Istanbul stößt Mlekuz‘ zweiter Sohn Josef (Josef Mlekuz) zu ihnen, um ausführlich Trauerarbeit zu leisten. Dazu lädt das Trio zudem Marzi (Marzieh Rezaee) ein; die Exiliranerin war Juris letzte Freundin. Gemeinsames Schlendern über den Basar – wo Philippe ein Poster des türkischen Rockstars Cem Karaca kauft, weil er ihm ähnelt, ohne zu wissen, um wen es sich handelt – und ein neuer Radtour-Aufbruch von Mathias und Josef auf dem Tandem; das war’s.

 

Narzisstische Nabelschau

 

Wer ebenfalls in jüngster Zeit einen schweren persönlichen Verlust erlitten hat, den mag dieser Film eines Leidensgenossen trösten. Ansonsten bleibt die Einsicht: Dokus über Fernreisen zu zweit können genauso narzisstisch auf Nabelschau beschränkt bleiben wie die von Einzelgängern.