Hiam Abbass

Mit leiser Stimme

Lilias Mutter (Hiam Abbass, mi.) ahnt nichts von der lesbischen Beziehung ihrer Tochter Lilia (Eya Bouteraa, li). Foto: Neue Visionen
(Kinostart: 9.7.) Ein verborgenes Leben: Eine Beerdigung löst im Familiendrama der tunesischen Regisseurin Leyla Bouzid eine Krise im Doppelleben der lesbischen Protagonistin aus. Das Tabuthema Homosexualität ist aber nur eine Facette eines gelungenen Gesellschaftsporträts.

Hochzeiten und Beerdigungen sind oft die einzigen Gelegenheiten, an denen auch weit entfernt lebende Verwandte an einem Ort zusammenkommen. Selbst wenn alle aus Rücksicht versuchen, sich von ihrer besten Seite zu zeigen, geht das selten gut. Diese Konstellation ist im Kino sehr beliebt, da sich viele unterschiedliche Menschen auf engstem Raum befinden. Oft dient die Familienfeier als Katalysator für den Ausbruch lange unterdrückter Gefühle oder Animositäten.

 

Info

 

Mit leiser Stimme

 

Regie: Leyla Bouzid,

112 Min., Tunesien/ Frankreich 2026;

mit: Hiam Abbass, Eya Bouteraa, Karim Rmadi, Marion Barbeau

 

Weitere Informationen zum Film

 

So auch in Leyla Bouzids Drama „Mit leiser Stimme“: Eine Beerdigung ist der traurige Anlass für die Rückkehr von Lilia (Eya Bouteraa) in das schöne, alte Haus ihrer Großmutter (Salma Baccar) im tunesischen Sousse. Die junge Frau lebt schon lange in Paris und arbeitet erfolgreich als Ingenieurin. Sie ist gekommen, um ihrem Lieblingsonkel Daly (Karim Rmadi) die letzte Ehre zu erweisen. Von Lilias Partnerin Alice (Marion Barbeau), die sie nach Sousse begleitet hat, darf die Familie aber nichts wissen.

 

„Mitbewohnerin“ bleibt im Hotel

 

Sie wird offiziell als ihre Mitbewohnerin vorgestellt, denn in Tunesien wird Homosexualität immer noch mit Gefängnishaft bestraft. Zugleich wäre Lilia die Ächtung ihrer gutbürgerlichen Familie garantiert. Alice bleibt deswegen in einem der zahlreichen Touristenhotels, während Lilia gemeinsam mit ihrer Tante und ihrer Mutter die Beerdigung von Daly organisiert. Dessen mysteriöser Tod auf offener Straße interessiert indes die Polizei und weckt auch Lilias Neugier. Sie beginnt, selber nachzuforschen – und findet heraus, dass ihr Onkel schwul war.

Offizieller Filmtrailer OmU


 

Novum im arabischsprachigen Kino

 

Wie in ihren vorherigen Filmen „Kaum öffne ich die Augen“ (2015) und „Eine Geschichte von Liebe und Verlangen“ (2021) interessiert sich die tunesische Filmemacherin Leyla Bouzid für den Einfluss gesellschaftlichen Prägungen auf die Gefühle und das Verhalten von Menschen. Wobei sich wohl noch keine arabische Produktion so explizit mit weiblicher Homosexualität auseinandergesetzt hat; unter diesem Aspekt dürfte Bouzids Film ein Novum sein.

 

Das ist aber nur eine Facette ihrer komplexen Familiengeschichte, die zugleich auch ein Sittenbild der aktuellen tunesischen Gesellschaft darstellt. Von den demokratischen Hoffnungen des Arabischen Frühlings ist nichts übriggeblieben. Wer kann, wandert ins Ausland ab, auch um der strengen sozialen Kontrolle zu entfliehen. Lilias Onkel konnte nie sein wahres Ich zeigen; sie selbst tut das auch nur im entfernten Paris, wenngleich ihre Mutter etwas ahnt.

 

Geheime, queere Subkultur

 

Vieles bleibt in den Tagen vor und nach dem Begräbnis weiterhin ungesagt, auch weil die Großmutter als Patriarchin es vorzieht, den schönen Schein aufrecht zu erhalten. Die Neigung ihres Sohnes wollte sie nie wahrhaben; deswegen verjagt sie immer wieder dessen Geliebten Moncef (Lassaad Jamoussi). Durch ihn lernt Lilia auch Danys andere Bekannte in der geheimen, queeren Subkultur der Stadt kennen.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Sharayet – Eine Liebe in Teheran" – lesbisches Coming-Out im Mullah-Regime von Maryam Keshavarz

 

und hier eine Besprechung des Films "Auf der Couch in Tunis" – Sittenkomödie über Freiluft-Psychotherapie in Tunesien von Manele Labidi mit Golshifteh Farahani

 

und hier einen Bericht über den Film "Gaza Mon Amour"Liebesgeschichte aus Gaza von Tarzan und Arab Nasser mit Hiam Abbass

 

und hier einen Beitrag über den Film "Hedis Hochzeit" – prägnantes Porträt eines jungen Tunesiers in der Post-Arabellion-Depression von Mohamed Ben Attia, prämiert mit Silbernem Bären 2016.

 

Sie begegnet aber auch repressiven Polizisten und den Vorurteilen einheimischer Gleichaltriger, woraufhin sie allmählich gegen die omnipräsente Heimlichtuerei zu rebellieren beginnt. Lilia will nicht mehr akzeptieren, dass das eigentliche Leben nur im Verborgenen stattfinden darf. Ihr Abtauchen in das Doppelleben ihres Onkels, der in Rückblenden als schattenhafte Erinnerung auftaucht, hat eine schmerzhafte Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Identität in Gang gesetzt; das stellt auch ihre Beziehung zu Alice auf die Probe.

 

Gedreht im Haus der Großmutter

 

All das geschieht vor der malerischen Kulisse der alten Küstenstadt Sousse und im üppig umwucherten Haus der Oma; es gehört im wahren Leben Bouzids Großmutter und wurde für den Film nur wenig verändert. Dieser Schauplatz gibt den großartigen Schauspielern den richtigen, lichtdurchfluteten Rahmen; er scheint viele Geschichten und Geheimnisse zu bewahren und stellt eigentlich einen weiteren Akteur dar.

 

Einige Nebenrollen werden von Laien gespielt; vermutlich, weil das Thema manchen Profis wohl zu heikel erschien. Das sorgt aber auch für eine gewisse Wahrhaftigkeit vor allem in der Darstellung der Subkultur. Auch die zentrale Figur der Großmutter wurde nicht mit einer professionellen Schauspielerin besetzt, sondern einer bekannten tunesischen Regisseurin.

 

Oma wird es nie erfahren

 

Trotz der Brisanz und Ernsthaftigkeit des Themas schafft es Bouzid, auch unbeschwerte Momente zu kreieren; etwa die Partynacht in einer Schwulenbar oder losgelöste Momente am meist menschenleeren Strand. Am Ende wird Leila ihren Onkel und sich selbst ein bisschen besser kennen gelernt haben und sich irgendwie mit der Familie arrangieren. Dass Alice mehr als eine Mitbewohnerin ist, wird ihre Oma aber nie erfahren.