
Nicht gerade ein nahe liegender Berufswunsch: Im London des Jahres 1910 wünscht sich die junge Katharine Hilbery (Haley Bennett) nichts sehnlicher als eine Laufbahn als Astronomin. Doch abgesehen von ihrem Lieblingscousin Cyril (Misia Butler) unterstützt niemand ihre Ambitionen: nicht die mächtige „Astronomische Gesellschaft“, die keine Frauen zulässt, und erst recht nicht ihr brummiger Vater (Timothy Spall), der sie am liebsten bald verheiratet sähe.
Info
Virginia Woolf`s Night & Day
Regie: Tina Gharavi,
95 Min., Großbritannien/ Deutschland 2025;
mit: Elyas M'Barek, Timothy Spall, Haley Bennett, Lily Allen
Weitere Informationen zum Film
Pionierin des Non-binären
Das ist die Personenkonstellation in „Night & Day“, der Verfilmung eines frühen Romans von Virginia Woolf aus dem Jahr 1919. Die Überschreitung von Geschlechtergrenzen ist ein Leitmotiv der Schriftstellerin, die sich 1941 das Leben nahm und heute als literarische Pionierin non-binärer Sexualität gilt. Orlando, Titelheld/in ihres gleichnamigen, mehrfach verfilmten Romans von 1928, führt nacheinander erst ein Leben als Mann und danach eines als Frau. Katharine würde am liebsten ebenfalls ihr Geschlecht wechseln, um eine Chance zu bekommen, ihre astronomischen Thesen zu präsentieren.
Offizieller Filmtrailer
Eine Frau setzt sich durch
Aber diese Form von magischer Metamorphose existiert nicht in der naturalistischen Welt von „Night & Day“, in der die strengen Regeln des edwardischen Englands von 1900 bis 1914 gelten; da müssen Frauen einen gewissen Sinn für Improvisation mitbringen. So leiht sich Katherine von Cyril einen Herrenanzug, um sich in die Sitzungen der „Astronomischen Gesellschaft“ einzuschleichen.
Mit Beharrlichkeit und Humor gelingt es ihr, zahlreiche Hindernisse aus dem Weg zu räumen und sich bis in an die Universität von Cambridge vorzukämpfen. Aus der tragisch endenden Geschichte ihres homosexuellen Cousins lernt sie, dass die größten Ambitionen nichts wert sind, wenn sie nicht auf Liebe gründen. Soweit die erbauliche Botschaft der trotz eines Todesfalls überwiegend heiteren Literaturverfilmung von Regisseurin Tina Gharavi.
Freie Adaption des Romans
Dabei erweist sich das Drehbuch von Justine Waddell als sehr freie Adaption von Virginia Woolfs autobiografisch gefärbter Romanvorlage. Vom Setting im Londoner Bürgertum und der Figurenaufstellung abgesehen, schlägt die Verfilmung von Beginn an einen eigenen Kurs ein. Dabei konzentriert sie sich auf die Geschichte von Katharine, die im Buch eigentlich nur eine von vier Haupt-Charakteren ist.
So kommen die zu Nebenfiguren erklärten William, Mary und Ralph allesamt etwas zu kurz. Entsprechend blass bleiben ihre Darsteller, während Haley Bennett die schauspielerische Last leicht schultert. Zu ihrer Leistung gehört auch, dass Katharine nicht immer sympathisch wirkt; trotzdem liefert sie keinen Anlass, ihr nicht den verdienten Erfolg zu wünschen.
Vorwegnahmen späterer Werks-Aspekte
Gleichzeitig werden Katherines Selbstermächtigung alle anderen Themen untergeordnet, die im Roman viel Raum einnehmen; darunter die Klassenunterschiede und unterschiedlichen Wertvorstellungen zwischen den Hauptfiguren. Aus dem Gleichgewicht gerät der Film nur dann, wenn das Drehbuch versucht, die Vorlage intellektuell zu übertrumpfen.
Vermutlich um die Konflikte für die heutige Generation klarer auszuleuchten, werden die Ambitionen der im Roman recht ziellos durchs Leben treibenden Katharine enorm hochgeschraubt, indem sie bis in die Männerdomäne Cambridge vorstößt. Akzentuiert werden auch Aspekte des Woolfschen Werks, die in diesem frühen, stilistisch relativ konventionellen Gesellschaftsroman nicht oder nur unterschwellig auftauchen: Crossdressing, Homo- bzw. Bisexualität sowie die Figur der Autorin selbst, die im Film einen kurzen Cameo-Auftritt hat.
Flotte Inszenierung der britischen Art
Für diese mitunter belehrend wirkenden Unwuchten, begleitet von grauenhafter Popmusik, entschädigen eine flüssige Inszenierung und nicht zuletzt die Stadtansichten des historischen London. Gedreht in der ehemaligen Industriestadt Newcastle, vermitteln die Straßenszenen erfolgreich die Erschütterungen, welche die Technik des neuen Jahrhundert mit sich bringt: Lärmende Autos, ratternde Omnibusse, rauchende Fabrikschlote und stampfende Druckmaschinen erschüttern die spießige Gesellschaft, der Katharinas Eltern angehören.
Hintergrund
Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Suffragette – Taten statt Worten" – präzises Dokudrama über den Kampf britischer Frauen für ihr Wahlrecht von Sarah Gavron mit Carey Mulligan
und hier eine Besprechung des Historienfilms "Albert Nobbs" von Rodrigo García mit Glenn Close als Mann-Frau in der viktorianischen Ära
und hier einen Beitrag über den Film "Jane Eyre" von Cary Fukunaga nach dem Roman-Klassiker von Charlotte Brontë
sowie einen Bericht über den Film "In guten Händen – Hysteria" von Tanya Wexler über die britische Erfindung des Vibrators Ende des 19. Jahrhunderts.
Katharines Prophezeiung
Zu den besten Zugaben des Drehbuchs gehören die pointierten Dialoge und am Ende sogar ein kleines Meisterstück physischer Komik. In solchen Szenen herrscht perfekte Harmonie zwischen Originaltext und Interpretation: Zum Beispiel in der (hinzugedichteten) Szene, in der Katharine zur Aufnahmeprüfung vor die akademische Auswahl-Kommission in Cambridge tritt.
Von ihr muss sie sich sagen lassen, dass Frauen hier schon deswegen nicht studieren können, weil es im Observatorium keine Frauentoilette gibt. Daraufhin schleudert sie den verdutzen Herren eine ihre Vision der Zukunft entgegen. „Es wird hier Wissenschaftlerinnen geben. Und Toiletten!“ In solchen Momenten würdigt der Film Virginia Woolf als fröhliche Prophetin.
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