Tina Gharavi

Virginia Woolf`s Night & Day

Katharine Hilbery (Haley Bennett), Enkelin eines angesehenen Dichters, beobachtet mit ihrer Familie den Halleyschen Kometen. Foto: Wild Bunch
(Kinostart: 9.7.) Eine fröhliche Prophezeiung: In einem ihrer ersten Romane schilderte Virginia Woolf den Aufbruch ihrer Generation in ein neues Jahrhundert. Regisseurin Tina Gharavi macht daraus ein Fanal für eine emanzipierte Wissenschaft. Für Schräglagen in der Story entschädigen vor allem die Dialoge.

Nicht gerade ein nahe liegender Berufswunsch: Im London des Jahres 1910 wünscht sich die junge Katharine Hilbery (Haley Bennett) nichts sehnlicher als eine Laufbahn als Astronomin. Doch abgesehen von ihrem Lieblingscousin Cyril (Misia Butler) unterstützt niemand ihre Ambitionen: nicht die mächtige „Astronomische Gesellschaft“, die keine Frauen zulässt, und erst recht nicht ihr brummiger Vater (Timothy Spall), der sie am liebsten bald verheiratet sähe.

 

Info

 

Virginia Woolf`s Night & Day

 

Regie: Tina Gharavi,

95 Min., Großbritannien/ Deutschland 2025;

mit: Elyas M'Barek, Timothy Spall, Haley Bennett, Lily Allen 

 

Weitere Informationen zum Film

 

Ein Kandidat steht schon fest: Katharines Freund seit Kindestagen, der wohlmeinende aber ungeschickte William (Jack Whitehall). Durch ihn lernt sie in einem literarischen Salon die energische Frauenrechtlerin Mary (Lily Allen) kennen, die mit anderen Suffragetten eine Druckerei betreibt und zugleich das Auge auf einen Mann geworfen hat, der auch Katharine fasziniert: den deutschen Lektor Ralph (Elyas M’Barek).

 

Pionierin des Non-binären

 

Das ist die Personenkonstellation in „Night & Day“, der Verfilmung eines frühen Romans von Virginia Woolf aus dem Jahr 1919. Die Überschreitung von Geschlechtergrenzen ist ein Leitmotiv der Schriftstellerin, die sich 1941 das Leben nahm und heute als literarische Pionierin non-binärer Sexualität gilt. Orlando, Titelheld/in ihres gleichnamigen, mehrfach verfilmten Romans von 1928, führt nacheinander erst ein Leben als Mann und danach eines als Frau. Katharine würde am liebsten ebenfalls ihr Geschlecht wechseln, um eine Chance zu bekommen, ihre astronomischen Thesen zu präsentieren.

Offizieller Filmtrailer


 

Eine Frau setzt sich durch

 

Aber diese Form von magischer Metamorphose existiert nicht in der naturalistischen Welt von „Night & Day“, in der die strengen Regeln des edwardischen Englands von 1900 bis 1914 gelten; da müssen Frauen einen gewissen Sinn für Improvisation mitbringen. So leiht sich Katherine von Cyril einen Herrenanzug, um sich in die Sitzungen der „Astronomischen Gesellschaft“ einzuschleichen.

 

Mit Beharrlichkeit und Humor gelingt es ihr, zahlreiche Hindernisse aus dem Weg zu räumen und sich bis in an die Universität von Cambridge vorzukämpfen. Aus der tragisch endenden Geschichte ihres homosexuellen Cousins lernt sie, dass die größten Ambitionen nichts wert sind, wenn sie nicht auf Liebe gründen. Soweit die erbauliche Botschaft der trotz eines Todesfalls überwiegend heiteren Literaturverfilmung von Regisseurin Tina Gharavi.

 

Freie Adaption des Romans

 

Dabei erweist sich das Drehbuch von Justine Waddell als sehr freie Adaption von Virginia Woolfs autobiografisch gefärbter Romanvorlage. Vom Setting im Londoner Bürgertum und der Figurenaufstellung abgesehen, schlägt die Verfilmung von Beginn an einen eigenen Kurs ein. Dabei konzentriert sie sich auf die Geschichte von Katharine, die im Buch eigentlich nur eine von vier Haupt-Charakteren ist. 

 

So kommen die zu Nebenfiguren erklärten William, Mary und Ralph allesamt etwas zu kurz. Entsprechend blass bleiben ihre Darsteller, während Haley Bennett die schauspielerische Last leicht schultert. Zu ihrer Leistung gehört auch, dass Katharine nicht immer sympathisch wirkt; trotzdem liefert sie keinen Anlass, ihr nicht den verdienten Erfolg zu wünschen.

 

Vorwegnahmen späterer Werks-Aspekte

 

Gleichzeitig werden Katherines Selbstermächtigung alle anderen Themen untergeordnet, die im Roman viel Raum einnehmen; darunter die Klassenunterschiede und unterschiedlichen Wertvorstellungen zwischen den Hauptfiguren. Aus dem Gleichgewicht gerät der Film nur dann, wenn das Drehbuch versucht, die Vorlage intellektuell zu übertrumpfen. 

 

Vermutlich um die Konflikte für die heutige Generation klarer auszuleuchten, werden die Ambitionen der im Roman recht ziellos durchs Leben treibenden Katharine enorm hochgeschraubt, indem sie bis in die Männerdomäne Cambridge vorstößt. Akzentuiert werden auch Aspekte des Woolfschen Werks, die in diesem frühen, stilistisch relativ konventionellen Gesellschaftsroman nicht oder nur unterschwellig auftauchen: Crossdressing, Homo- bzw. Bisexualität sowie die Figur der Autorin selbst, die im Film einen kurzen Cameo-Auftritt hat.  

 

Flotte Inszenierung der britischen Art

 

Für diese mitunter belehrend wirkenden Unwuchten, begleitet von grauenhafter Popmusik, entschädigen eine flüssige Inszenierung und nicht zuletzt die Stadtansichten des historischen London. Gedreht in der ehemaligen Industriestadt Newcastle, vermitteln die Straßenszenen erfolgreich die Erschütterungen, welche die Technik des neuen Jahrhundert mit sich bringt: Lärmende Autos, ratternde Omnibusse, rauchende Fabrikschlote und stampfende Druckmaschinen erschüttern die spießige Gesellschaft, der Katharinas Eltern angehören.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Suffragette – Taten statt Worten" – präzises Dokudrama über den Kampf britischer Frauen für ihr Wahlrecht von Sarah Gavron mit Carey Mulligan

 

und hier eine Besprechung des Historienfilms "Albert Nobbs" von Rodrigo García mit Glenn Close als Mann-Frau in der viktorianischen Ära

 

und hier einen Beitrag über den Film "Jane Eyre" von Cary Fukunaga nach dem Roman-Klassiker von Charlotte Brontë

 

sowie einen Bericht über den Film "In guten Händen – Hysteria" von Tanya Wexler über die britische Erfindung des Vibrators Ende des 19. Jahrhunderts.

 

Die britischen Film-Haudegen Timothy Spall und Jennifer Saunderson spielen diese Elternrollen nuanciert und mit sichtlichem Vergnügen. Sie beherrschen den Balanceakt zwischen Engstirnigkeit und Zärtlichkeit. So fühlt sich „Night & Day“ in seinen besten Strecken an wie eine Mischung aus schlagfertiger Komödie à la „Notting Hill“ und den zahlreichen Literaturverfilmungen der BBC. 

 

Katharines Prophezeiung

 

Zu den besten Zugaben des Drehbuchs gehören die pointierten Dialoge und am Ende sogar ein kleines Meisterstück physischer Komik. In solchen Szenen herrscht perfekte Harmonie zwischen Originaltext und Interpretation: Zum Beispiel in der (hinzugedichteten) Szene, in der Katharine zur Aufnahmeprüfung vor die akademische Auswahl-Kommission in Cambridge tritt.

 

Von ihr muss sie sich sagen lassen, dass Frauen hier schon deswegen nicht studieren können, weil es im Observatorium keine Frauentoilette gibt. Daraufhin schleudert sie den verdutzen Herren eine ihre Vision der Zukunft entgegen. „Es wird hier Wissenschaftlerinnen geben. Und Toiletten!“ In solchen Momenten würdigt der Film Virginia Woolf als fröhliche Prophetin.