München

Creating Realities – Begegnungen zwischen Kunst und Kino

Yang Fudong: Lock Again (Still), 2004, Ein-Kanal-Videoprojektion; Sammlung Goetz, München. Fotoquelle: Pinakothek der Moderne

Neue Wirklichkeiten schaffen sollen 17 Video-Installationen in der Pinakothek der Moderne und dem Museum Brandhorst. Doch das Potpourri von Medienkunst-Werken aus der Sammlung Goetz bleibt so fragmentarisch wie die Realität selbst.

Medienkunst wird in Bayern seit Anfang 2014 groß geschrieben, als die Münchner Sammlerin Ingvild Goetz 375 Arbeiten aus ihrer umfangreichen Kollektion dem Land schenkte. Nun werden diese Werke nach und nach in den Staatsgemälde-Sammlungen gezeigt.

 

Info

 

Creating Realities – Begegnungen zwischen Kunst und Kino

 

05.02. – 31.05.2015

täglich außer montags

10 bis 18 Uhr,

donnerstags bis 20 Uhr

in der Pinakothek der Moderne, Barer Straße 40

 

Weitere Informationen

 

16.04. – 31.05.2015

im Museum Brandhorst, Theresienstraße 35 a, München

 

Weitere Informationen

 

Die Ausstellung von 16 Video-Installationen in der Pinakothek der Moderne mit einem Annex im benachbarten Museum Brandhorst wurde als Begleitschau zur zweiten Ausgabe des Festivals „Kino der Kunst“ Ende April konzipiert. Es ist Filmen von bildenden Künstlern gewidmet und konzentriert sich auf neue Erzählformen in der zeitgenössischen Medienkunst.

 

Sprachlos visuelle Erzählungen

 

Die Schau gliedert sich in vier Kapitel. Für die erste Staffel „A Question of Silence“ wählte Kurator Bernhart Schwenk Arbeiten von Sven Johne, Jesper Just, Ulla von Brandenburg und Sam Taylor-Wood aus. Alle Filme sind fiktional und kürzer als zehn Minuten; nie läuft Kommunikation über Sprache. Erzählt wird rein visuell: mit Gestik, Mimik, Schauplätzen und Requisiten.

Impressionen der Ausstellung: Ausschnitte der Beiträge von Yang Fudong, Sam Taylor-Wood, Jesper Just, Sven Johne, John Gerrard, Omer Fast, Pierre Huyghe, Keren Cytter, Brice Dellsperger, Bjørn Melhus und Camille Henrot


 

Frisch abgeschnittenes Bein

 

Etwa in Justs titelgebender, surreal angereicherter Szenerie von 2008: Ein älteres Paar verharrt bewegungslos in einem Wartesaal, in dem eine Puppe singt. Dabei liegt das rechte Bein der Frau – wie frisch abgeschnitten, aber doch sichtbar aus Plastik – auf dem Boden; mit dem linken stupst sie daran herum.

 

Ein junges Paar steht im Zentrum von Taylor-Woods Drei-Kanal-Installation „Atlantic“ von 1997. In einem voll besetzten Restaurants sieht man es in Nahaufnahme: Die Frau weint, die Hände des Mannes fummeln an seiner Zigarette. Hier findet Kommunikation nicht auf der Inhalts-, sondern auf der Beziehungsebene statt.

 

Gewehrsalve an früherer DDR-Grenze

 

Im Vater-Sohn-Drama „Elmenhorst“ (2006) von Sven Johne bleiben die Protagonisten in einer kargen Seelenlandschaft à la Caspar David Friedrich ebenfalls stumm. Beide wandern einen einsamen Strand entlang, der Ältere trägt ein Gewehr; plötzlich schießt der Jüngere damit in die Luft.

 

Nur der Titel deutet darauf hin, dass es sich bei diesem Küstenabschnitt um ein ehemaliges militärisches Sperrgebiet der DDR handelt: Tausende wagten hier die Flucht in den Westen, aber nur wenige kamen an den bewaffneten Grenzsoldaten vorbei. Auf der Ebene der Fakten stößt der Kurzfilm an seine Grenzen.

 

Wiedersehen mit Bruno Ganz

 

An ähnliche Grenzen gerät auch die Präsentation des zweiten Kapitels. In „L’Ellipse“ geht es um fragmentarische Formen des Erzählens durch Auslassung. Pierre Huyghes gleichnamiges Video von 1998 ergänzt „Der amerikanische Freund“ (1977) von Wim Wenders, die Verfilmung eines Krimis von Patricia Highsmith, 21 Jahre später um eine zusätzliche Szene.

 

Die Kamera von Pierre Huyghe folgt dem Schaupieler Bruno Ganz, bei Wenders ein todkranker Auftragskiller, auf einem Gang durch Paris – eine Sequenz, die es so im Original nicht gab. Schon in Wenders‘ Film ging es auch um die Wahrheit von Bildern; dazu steuert Huyghe seinen Kommentar bei.

 

Soldatenleichen im deutschen Wald

 

Clement Page konfrontiert in zwei Video-Kanälen den Alptraum eines „Schlafwandlers“ (2005) mit seinem tatsächlichen Handeln: Was ist Vorstellung, was Realität? Omer Fast behandelt in der 40-minütigen Arbeit „Continuity“ (2012) Deutschlands innere Sicherheit: Er zersetzt die Familie eines Afghanistan-Heimkehrers und drapiert Soldatenleichen mitten im Wald – ein verstörender Fast-Spielfilm.

 

„Neighbour’s Yard“ lautet das Motto des dritten Kapitels. Hier geht es um die Nachbarschaft unterschiedlicher Identitäten, was mitunter unheimlich laut und schrill ausfällt. Bjørn Melhus spielt in „Auto Center Drive“ (2003) in seiner für ihn typischen Manier aus inszeniertem Dilettantismus und Slapstick alle Protagonisten selbst.

 

Bildergewitter ermüdet fett

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier einen Bericht über das Festival „Kino der Kunst 2015“ mit Filmen von bildenden Künstlern in München

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung “Happy Birthday! 20 Jahre Sammlung Goetz” mit Medien- + Video-Kunst in der Sammlung Goetz, München

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung “High Performance – Die Julia Stoschek Collection zu Gast im ZKM” über “zeitbasierte Medienkunst seit 1996“ im ZKM, Karlsruhe.

 

Brice Dellsberger lässt seinen Hauptdarsteller das Geschlechter wechseln („Body Double X“, 2000). Digitale Sehnsuchts-Landschaften konterkariert Ed Atkins mit einer irritierenden Tonspur („Death Mask III“, 2011); Andro Wekua entfaltet ein verstörend einsames Kindheits-tableau („Neighbour’s Yard“, 2005).

 

Für sich selbst steht das vierte Kapitel „Grosse Fatigue“ im Museum Brandhorst: Camille Henrots gleichnamiger Beitrag wurde 2013 auf der Biennale in Venedig mit dem Silbernen Löwen prämiert. Der 13-minütige Film ist ein Bildergewitter aus zahllosen Monitor-Fenstern, die sich in rasendem Tempo übereinander schieben. Dazu wird eine eigenwillige Version der Weltentstehungs-Geschichte erzählt: Genesis 3.0.

 

Besser im Ex-Luftschutzbunker

 

Es mag an der verstreuten Präsentation in einzelnen Räumen der Pinakothek liegen, aber die Schau rundet sich weder insgesamt noch in den einzelnen Kapiteln zu einem überzeugenden Ganzen. Das stimmigste ist „A Question of Silence“; danach franst das Konzept aus, oder die Film-Installationen nehmen sich gegenseitig ihre Wirkung.

 

Auch angeblich ortsungebundene Medienkunst braucht eine passende Umgebung, um sich zu entfalten. Dafür ist die Raumflucht des Ex-Luftschutzbunkers unter dem Haus der Kunst, in dem ebenfalls Werke aus der Sammlung Goetz vorgeführt werden, eine besser geeignete location: Sie ist zwar anstrengend für Klaustrophobiker, steigert aber die Konzentration.


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