München

Louise Bourgeois – Strukturen des Daseins: Die Zellen

Louise Bourgeois: Spider, 1997 (Detail), Installationsansicht (Bordeaux), Collection The Easton Foundation © The Easton Foundation / VG Bild-Kunst, Bonn 2015, Foto Frédéric Delpech. Fotoquelle: Haus der Kunst, München

Zwischen Körper und Gefängnis: Als Spätwerk schuf die surrealistische Bildhauerin Louise Bourgeois eigenwillige Zell-Räume. 30 davon zeigt das Haus der Kunst in einer grandiosen Schau – nie war anschaulicher, dass Familie die Keimzelle der Gesellschaft ist.

Was für eine schrecklich nette Familie! Die Mutter im Werk „Maman“ ist eine Riesenspinne, der zerstückelte Vater schmort in „Die Zerstörung des Vaters“ auf dem glühenden Grill einer Rotlicht-Höhle. Derweil arbeitet sich die Tochter, lebenslang mit ihrer Angst und inneren Einsamkeit konfrontiert, an der Darstellung überdimensionierter Geschlechtsorgane ab; überhaupt zerlegt sie den menschlichen Körper gerne in seine Einzelteile.

 

Info

 

Louise Bourgeois – Strukturen des Daseins: Die Zellen

 

27.02.2015 – 02.08.2015

täglich 10 bis 20 Uhr,

donnerstags bis 22 Uhr

im Haus der Kunst, Prinzregentenstraße 1, München

 

Katalog 39 €,
Begleitheft gratis

 

Weitere Informationen

 

Diese leicht obsessiv wirkende, furchtlose Frau ist die große Installations-Künstlerin Louise Bourgeois. Sie wurde 1911 in Paris geboren, übersiedelte 1938 mit ihrem Mann nach New York, wo sie drei Söhne großzog, erfuhr für ihre Kunst ab 1980 eher späte Anerkennung und starb 2010 hoch geehrt im Alter von 98 Jahren. Die künstlerische Auseinandersetzung mit der Familien-Konstellation, in die sie einst hineingeboren wurde, scheint also tatsächlich eine „Gesundheits-Garantie“ gewesen zu ein, wie Bourgeois es selbst einmal formulierte.

 

Nach Atelier-Wechsel wachsen Formate

 

Die Ausstellung „Strukturen des Daseins: Die Zellen“ im Haus der Kunst ist quantitativ und inhaltlich überwältigend. Sie konzentriert sich auf das „Cell“-Motiv, das die Bildhauerin in den 1980er Jahren entwickelte. Als die Künstlerin Anfang des Jahrzehnts in ein geräumiges Atelier umzog,  wuchsen auch ihre bis dahin eher kleinteiligen Schöpfungen zu größeren Formaten heran.

Impressionen der Ausstellung


 

Kokon + Käfig, Nest + Gefängnis, Höhle + Hölle

 

Insgesamt existieren rund 60 dieser Zellen. So viele wie in dieser Schau wurden noch nie gemeinsam ausgestellt: insgesamt 30 aus den Jahren 1989 bis 2008 sowie zwei Vorläufer-Arbeiten. All das fordert dem Publikum einiges ab: Jede einzelne dieser Raum-Installationen ist starker Tobak durch die Intensität ihres Ausdrucks. Denjenigen, die unter Klaustrophobie oder Angst vor Spinnen leiden, sei der Besuch empfohlen – denn der Schmerz lässt nach.

 

Kokon und Käfig, Nest und Gefängnis, Höhle und Hölle: Bourgeois‘ „Strukturen des Daseins“ sind immer ambivalent. Sie bedeuten zugleich Isoliertheit und Konzentration, sie bergen ein Geheimnis und regen zum Voyeurismus an. Da sind die frühen Zellen I bis VI von 1991: runde Kammern, gefüllt mit medizinischem Gerät, Flakons, Spiegeln; mittendrin hier ein Ohr, da ein Bein, dort die Hände. Hier wird seziert mit allen Sinnen.

 

Psychotrip zu großen Lebens-Themen

 

Auch die große Spinne behütet eine Zelle. Das Tier ist bei Bourgeois positiv besetzt, denn es personifiziert für sie ihre eigene, innig geliebte Mutter. Die Eltern betrieben in einem Vorort von Paris eine Textil-Werkstatt; ihre Mutter restaurierte alte Teppiche, webte also wie eine Spinne ihr Netz. Während der Vater seine Gattin mit dem Kindermädchen betrog und die gemeinsame Tochter schikanierte, war die kluge und liebevolle Mutter ihre Rettung. Doch zuviel Liebe kann zum Käfig werden: Als die Mutter 1932 starb, unternahm Louise einen Selbstmordversuch.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung „Blicke ! Körper ! Sensationen !“ über ein „Anatomisches Wachskabinett und die Kunst“ mit Werken von Louise Bourgeois im Deutschen Hygiene-Museum, Dresden

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung „Queensize – Female Artists from the Olbricht Collection“ mit Werken von Louise Bourgeois im me Collectors Room, Berlin

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung „Happy Birthday! 20 Jahre Sammlung Goetz“ – mit zehn Werken von Louise Bourgeois in der Sammlung Goetz, München

 

und hier einen kultiversum-Beitrag über die Ausstellung „Double Sexus“ mit Werken von Louise Bourgeois + Hans Bellmer in der Sammlung Scharf-Gerstenberg, Berlin.

 

Die Präsentation der Zellen ist ein gewaltiger Psychotrip, der an alle großen Themen des Lebens rührt: Kindheit und Erwachsenwerden, Liebe, Angst, Sexualität und Tod. Bourgeois war selbst jahrelang in Psychoanalyse; Freud hätte seine Freude an den vielen organischen Formen gehabt, in denen weibliche und männliche Genitalien, für die zwei Kugeln stehen, immer wieder verschmelzen.

 

Abschied vom Wunsch-Paradies Kindheit

 

Das Eltern-Schlafzimmer von 1994 ist ganz in Rot gehalten; in Blutrot natürlich. Das Kinderzimmer nebenan enthält allerlei Spindeln, Nadeln und blutrote Fäden. Diese Kunst scheint auch Ausdruck des lebenslangen Abschiednehmens zu sein: vom Wunsch-Paradies einer glücklichen Kindheit.

 

Dabei ist die Bandbreite der verwendeten Materialien stupend. Bourgeois verarbeitet nicht nur alle Arten von Textilien, sondern auch Bronze, Marmor, Glas und allerlei Fundstücke; sogar einen ausrangierten Wassertank, der zur Installation „Kostbare Flüssigkeiten“ (1992) umgebaut wurde.

 

Himmelfahrt ins Nichts

 

Eines ihrer Lieblingsmotive ist die Spirale, weil sie nach ihren Worten „Ordnung ins Chaos“ bringt. So wie auch in Bourgeois‘ letzter Zelle mit dem Titel „Der letzte Aufstieg“ von 2008: Von blauen Glaskugeln umschwirrt, führt darin eine Wendeltreppe ins Nichts. An den Wänden rundum prangen die Papierarbeiten „I Give Everything Away“ („Ich gebe alles weg“) aus ihrem Todesjahr. Eine etwas andere Himmelfahrt – selige Louise, bete dort oben für uns!


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