Wien

William Kentridge: Fünf Themen

William Kentridge: Bridge. Foto: Albertina, Wien

Altmodisch zur Aktualität: Handgezeichnete Trickfilme von William Kentridge zeigen die Gegenwart in neuem Licht – sogar Opern von Mozart und Schostakowitsch. Die Wiener Albertina widmet ihm eine großartig bewegte Werkschau.

Schwarz und Weiß sind nirgends auf der Welt so wichtig wie in Südafrika. Alles im früheren Apartheid-Staat war und ist an dieser Unterscheidung ausgerichtet. Schwarz und Weiß sind für keinen Künstler so wichtig wie für William Kentridge. Der Südafrikaner benutzt kaum andere Farben. Tauchen in seinen Werken doch ein paar Tropfen Blutrot auf, dann droht Unheil.

 

Info

 

William Kentridge: Fünf Themen

 

28.10.2010 – 30.01.2011
täglich 10 – 18 Uhr, mittwochs bis 21 Uhr

in der Albertina, Albertinaplatz 1, Wien

 

Weitere Informationen

 

Kentridge verwendet nur altmodische Techniken: Scherenschnitte und Zeichnungen mit Kohle auf Papier. Oft animiert er sie in Stop-Motion-Technik zu Trickfilmen, die er zu umfangreichen Zyklen ausbaut. Dabei verwendet er dutzendfach dieselbe Vorlage, radiert hier etwas aus und ergänzt dort neue Striche. So lässt das Ergebnis stets erkennen, wie es entstanden ist – das Gegenteil der perfekten Illusion heutiger Computersimulationen.

 

Schwarzweißes Welttheater

 

Mit dieser Rückbesinnung auf altehrwürdige Verfahren gelingt dem Künstler etwas Wundersames: Sie sind bestens geeignet, um aktuelle Fragestellungen und Themen zu behandeln. Gerade weil sie so antiquiert wirken, können sie alle zeitgenössischen Kategorien und Gattungen souverän ignorieren: Das schwarzweiße Welttheater des William Kentridge kennt keine Grenzen.


Impressionen der Ausstellung


 

Raumgreifende Video-Installationen

 

Das zeigt die großzügige und –artige Retrospektive in Wien – der ersten Station in Europa nach San Francisco, wo sie vom dortigen Museum of Modern Art konzipiert wurde. In der Albertina belegt die Ausstellung eine ganze Etage. Bei gedämpfter Beleuchtung kommen Kentridges raumgreifende Video-Installationen auf dunkelgrauen Wänden optimal zur Geltung.

 

Im ersten Saal zeigt der Künstler als Referenz an den Trickfilm-Pionier Georges Méliès gleichsam seinen Instrumentenkasten vor. Stopptrick, Überblendungen, Rücklauf – die ältesten Filmtricks zeitigen immer noch schönsten Effekte. Da entsteht ein Ganzkörper-Porträt aus herbeifliegenden Papierfetzen, eine Farblache wird mit dem Pinsel aufgewischt, ein Modell erscheint und verschwindet von Geisterhand.

 

Schostakowitschs Oper «Die Nase»

 

Das zweite Thema stellt zugleich den ersten Höhepunkt dar: Kentridges Vorarbeiten für seine Inszenierung von Schostakowitschs Oper «Die Nase», die im März 2010 an der Metropolitan Opera in New York Premiere hatte. In Nikolai Gogols berühmter Erzählung macht sich die Nase des Erzählers selbstständig und entzieht sich jeder Kontrolle. Kentridge nutzt sie als Chiffre für eine Reflexion über die russische Avantgarde und ihr klägliches Ende im Stalinismus.

 

Die Nase ist überall dabei: Sei es beim Konstruktivismus El Lissitzkys oder beim «Monument der Dritten Internationale» Vladimir Tatlins, beim Ballett im Bolshoi-Theater oder Massendemonstrationen auf dem Roten Platz. Und natürlich bei Stalins Großer Säuberung und den Erschießungskommandos des NKWD. So akzentuiert Gogols Groteske die Monströsität der sowjetischen Geschichte.

 

Animierte Miniatur-Theater

 

Wie gut Kentridges Methode zur Oper passt, zeigt aber auch seine Produktion von Mozarts «Zauberflöte» 2005 für das Brüsseler Théâtre Royal de la Monnaie. Zwei animierte Miniatur-Theater erweitern den Konflikt zwischen der Königin der Nacht und Sarastro, dem Hohepriester des Lichts, zum Dilemma der Aufklärung zwischen Emanzipation und Ausbeutung.

 

Die umfangreichste Sektion ist jedoch dem Filmzyklus «Johannesburg, zweitgrößte Stadt nach Paris» gewidmet. Dort wurde Kentridge 1955 geboren, dort lebt er bis heute. Der von schreienden Gegensätzen zwischen Schwarz und Weiß, Arm und Reich geprägten Metropole begegnet er mit einer Aufspaltung seines filmischen Alter Ego in zwei Charaktere: Soho Eckstein, despotischer Industriekapitän, und Felix Teitelbaum, sensibler Beobachter.

 

Expressionistischer Stummfilm

 

Mag die Gedanken- und Personenführung auch manchmal holzschnittartig wirken – das Pulsieren der Stadt fängt Kentridge in Sequenzen ein, die an die besten Beispiele des expressionistischen Stummfilms erinnern. So erweist sich seine Wiederbelebung fast vergessener Materialien als ideale Form für die verschiedensten Zusammenhänge.

 

Dafür erfuhr er im abgelaufenen Jahrzehnt hohe Anerkennung. Nach zwei Teilnahmen an der documenta 1997 und 2002 erhielt er 2003 den Goslarer Kaiserring und 2008 den Oskar-Kokoschka-Preis. In diesem November wird ihm der mit umgerechnet 450.000 Euro dotierte Kyoto-Preis verliehen. Ein Glücksfall, dass dieser bedeutende Gegenwartskünstler zugleich mit einer großen Einzelausstellung im deutschen Sprachraum geehrt wird.


Diesen Artikel drucken








© Kunst+Film

  • Impressum
  • Kontakt
  • Über uns

  • Bewertungen: 1 Stern: ärgerlich, 2 Sterne: uninteressant, 3 Sterne: zwiespältig, 4 Sterne: annehmbar, 5 Sterne: sehenswert, 6 Sterne: hervorragend