Berlin

Tor Seidel: Der Schmerz der Archivare

Installation "Der Schmerz der Archivare", Detail. Foto: Tor Seidel
Eine Symphonie von Düften in archaischer Hängung: Die Galerie «Berlin Weekly» zeigt zwei Wochen lang eine spektakuläre Installation aus Kernseifen – eingeschlossen im Schaufenster.

Wie ein seltsam skelettierter Weihnachtsbaum wirkt die Installation, oder wie das monströse Mobile eines Riesenbabys. Ein UFO, das keine Identifikation erlaubt; staunende Passanten hält das Schaufenster auf Distanz. Nur zur Ver- und Finissage öffnet die Galerie «Berlin Weekly» ihre Glaspforte. Dann hüllt eine Symphonie von Gerüchen die Besucher ein.

 

Info

Tor Seidel: Der Schmerz der Archivare

 

14.05.2011 – 29.05.2011
Vernissage: 14.05., 17 Uhr; Finissage: 29.05., 17 Uhr in der Galerie Berlin-Weekly, Linienstraße 160, Berlin

 

Weitere Informationen

In archaischen Kulturen ist es üblich, Habseligkeiten zum Schutz vor Schädlingen an Seilen und Haken aufzuhängen. Auf diese Art der Aufbewahrung traf Tor Seidel in Usbekistan, ebenso auf zahllose verschiedene Kernseifen, die er seither sammelt. In der Dritten Welt benutzt man sie ständig. Im Westen wurden sie völlig von parfümierten Seifen, Waschpulvern und –pasten aus Portions-Spendern verdrängt.

 

Seifen in Waschkaue-Hängung

 

Ein Stück Kernseife ist mittlerweile ein ähnlich exotischer Anblick wie ein Bündel Dinge, das von der Decke baumelt. Nur Bergleute ziehen noch ihre Sachen in Säcken an Seilen hoch. Wer aber außer den letzten Kohlekumpeln kommt noch in eine traditionelle Waschkaue?


Interview mit Galeristin Stefanie Seidl + Impressionen der Ausstellung


 

Düfte aus 1001 Waschküche

 

Insofern erweist sich das antiquierte Verfahren als ideale Präsentationsform für diese fast vergessenen Objekte. Zumal sie die Wahrnehmung auf unerwartete Weise reizen. In unserer optisch und akustisch übersättigten Lebenswelt haben Hygiene und Sterilisierung den Geruchssinn ausgehungert. Doch hier kitzeln Düfte aus tausendundeiner Waschküche die Nase – eine olfaktorische Orgie.

 

Zugleich zelebriert das Werk den Abschied von einst vertrauten Gegenständen – wie jede Sammlung. Etwa Ernst Jüngers Käfer-Kollektion, die lauter Spezies enthielt, die kaum noch aufzufinden sind. Die sorgsam aufgespießten Insekten werden von ihresgleichen verzehrt und zerfallen zu «buntem Staub», so der Titel eines Katalog-Textes von ihm. Das ist die Bestimmung von Sammlungen: wieder im amorphen Allgemeinen aufzugehen wie Seife im Schaum.

 

Abgeschlossene Galerie-Räume

 

Sammler wissen das. Ihr Bemühen, eine Sorte von Objekten zu klassifizieren, anzuordnen und zu komplettieren, ist letztlich zum Scheitern verurteilt. Darin liegt der Wert jeder Sammlung: für eine Weile den Prozess des Verlöschens aufzuhalten und vor Augen zu führen, was da alles verloren geht. Und ihr temporärer Nutzen wird desto größer, je stärker ihre Sammlerstücke vom Verschwinden bedroht sind. Das ist «der Schmerz der Archivare».

 

Dabei sind Inhalt und Form perfekt aufeinander abgestimmt. «Berlin Weekly» zeigt jeden Künstler nur eine oder zwei Wochen lang in – bis auf Ausstellungsbeginn und –ende – abgeschlossenen Räumen. Mit dieser künstlichen Verknappung gewinnt die Galerie in der überfüllten hauptstädtischen Szene rasch an Zuspruch.

 

Kunst mit Schnupper-Wert

 

So präsentierte hier während des «Gallery Weekend» das renommierte Magazin «Texte zur Kunst» seine Jubiläums-Edition zum 20-jährigen Bestehen. Tor Seidels Seifen-Installation ist noch spektakulärer: Kunst mit derartigem Schau- und Schnupperwert wird selten geboten.


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