Karlsruhe

Lee Bontecue – Insights

Im Sog des Schwarzen Lochs - Lee Bontecou: Untitled, 1960; 
Stahl, Leinwand und Samt
, 124 x 243 x 35 cm, 
© Lee Bontecou, Foto: Archiv Museum Boijmans van Beuningen

Im Kunstbetrieb der 1960er Jahre war Lee Bontecou eine der wenigen anerkannten Frauen. Später wurde sie vergessen. Zum 80. Geburtstag zeigt nun das ZKM ihre einzigartigen dreidimensionalen Wandarbeiten.

Was sind das – Krater, Düsen oder gar monströse Körperöffnungen einer unbekannten Spezies? Von Lee Bontecous dreidimensionalen Wandarbeiten, die zwischen Relief und Raumskulptur changieren, geht eine unwiderstehliche Faszination aus: Wer sie einmal gesehen hat, dürfte sie nie wieder vergessen.

 

Info

Lee Bontecue – Insights

 

28.05.2011 – 25.09.2011
mittwochs bis freitags 10 – 18 Uhr, am Wochenende ab 11 Uhr im ZKM / Museum für Neue Kunst, Lorenzstraße 19, Karlsruhe

 

Weitere Informationen

Damit wurde Bontecou 1960 schlagartig bekannt: Der New Yorker Galerist Leo Castelli, der Künstlern wie Jasper Johns, Robert Rauschenberg und Donald Judd zu Weltruhm verhalf, nahm sie als einzige Frau unter Vertrag. Die mit maskulin besetzter Technik arbeitete: Bontecou hatte Schweißen gelernt, bevor sie Kunst studierte.

 

Blick ins schwarze Loch

 

Sie montierte Stahlrohre und –stangen zu Gebilden, die in den Raum wucherten. Die bespannte sie mit Leinen von Antriebsriemen oder Postsäcken und verband alles durch Kupferdraht. Meist blieb ein großes Loch ausgespart, das mit schwarzem Samt hinterfangen war. Der schluckte einfallendes Licht – als blicke man ins Nichts.


Impressionen der Ausstellung


 

Biomorphe Rauch-Zeichnungen

 

Die mehrere Meter langen Werke ohne Titel lösen mannigfaltige Assoziationen aus: Manche fühlen sich an Münder oder Vaginas erinnert, andere durch das grobe Material an Krieg und Zerstörung. In diese Richtung weist auch eine der wenigen Erläuterungen Bontecous: Radio-Nachrichten über Terror-Angriffe und Hungersnöte hätten ihre Arbeit beeinflusst. Der Raum hinter den Öffnungen sollte sich gleichsam in den Himmel weiten.

 

Mitte der 1960er Jahre verarbeitete sie zunehmend Fundstücke aus Metall, wodurch ihre Objekte roher und aggressiver wirkten. Zugleich fertigte sie delikate Rauch-Zeichnungen an, indem sie von verrußtem Papier die dunkle Schicht abtrug. So entstanden mysteriöse, biomorphe Formen. Zwei Jahrzehnte vor den Jugend- und Subkulturen der 1980er Jahre, die massenhaft mit Industrie-Schrott hantierten.

 

Meteor-Einschlag im Bewusstsein

 

Lee Bontecou war offenkundig ihrer Zeit voraus. Um 1970 schwenkte sie radikal um und fertigte Plastiken aus Kunststoff an, die Blumen-Formen nachempfunden waren. Ihre letzte Ausstellung 1971 bei Castelli fiel durch. Bontecou zog sich ins Familienleben zurück; außerdem lehrte sie bis 1991 als Professorin am Art Department des Brooklyn College.

 

Hintergrund

Lesen Sie hier eine Rezension der „Künstlerinnen-Räume“ mit einem Lee Bontecue gewidmeten Raum im K 21 Ständehaus, Düsseldorf

 

und hier eine Besprechung von „Der geteilte Himmel: Die Sammlung 1945 – 1968“ mit einer großformatigen Arbeit von Lee Bontecou in der Neuen Nationalgalerie, Berlin.

Zu Beginn dieses Jahrzehnts wurde sie wieder entdeckt: bei Retrospektiven in Los Angeles 2003 sowie in Chicago und New York 2004. Kurz nach Bontecous 80.Geburtstag richtet nun das ZKM ihre erste Einzelausstellung in Europa seit mehr als 30 Jahren aus; mit einem halben Dutzend Wandarbeiten, Rauch-Zeichnungen und Memorabilia aus den 1960ern.

 

Ihr völlig singulärer Stil hat seine verstörende Anziehungskraft bewahrt. Wie ein Meteor schlägt er im Bewusstsein des Betrachters ein: fremdartig, erratisch, unerklärlich. Als Auftakt zur Rehabilitation einer lange Vergessenen – eines ihrer Werk hat die Neue Nationalgalerie in ihre aktuelle Sammlungs-Präsentation von Kunst der Nachkriegszeit aufgenommen. Vielleicht wird Lee Bontecou einmal zu den kanonischen Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts zählen.


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