Kassel

Danh Vo – JULY, IV, MDCCLXXVI

Vorderfuß-Fragment der Freiheitsstatue, Teil der Installation " JULY, IV, MDCCLXXVI" von Danh Vo; Foto: Nils Klinger/ Fridericianum
Die Freiheit liegt in Trümmern: Der vietnamesische Künstler Danh Vo füllt das Fridericianum mit abgekupferten Teilen der «Statue of Liberty». Seine funkelnde Materialschlacht hat außer Schau- auch hohen Rohstoff-Wert.

So sieht also die Freiheitsstatue in Fragmenten aus: Danh Vo hat die kupferne Außenhaut der «Statue of Liberty», die seit 1886 im Hafen von New York steht, in Einzelteilen maßstabsgetreu nachgeformt. Beziehungsweise nachformen lassen: Diese schwerindustrielle Tätigkeit verrichten billige Helfer in China. Sie biegen und vernieten Kupferplatten; anfangs gesetzte Schweißnähte erwiesen sich als brüchig.

 

Info

Danh Vo -
JULY, IV, MDCCLXXVI

 

01.10.2011 - 31.12.2011
mittwochs bis sonntags 11 - 18 Uhr in der Kunsthalle Fridericianum, Friedrichsplatz 18, Kassel

 

Weitere Informationen

Solch monumentale Entwürfe lässt der 36-jährige Künstler aus Vietnam wie sein chinesischer Kollege Ai Weiwei von ostasiatischen Arbeitsameisen ausführen und danach an Ausstellungs-Orte in Westeuropa verfrachten. Seine verlängerte Atelier-Werkbank in Fernost rechnet sich angesichts niedriger Löhne. Das schafft Gelegenheits-Jobs im globalisierten Kunst-Betrieb.

 

Manifest bringt Unabomber in Haft

 

Auch für Danhs Familie: Angehörige beschrieben Info-Blätter, die im Fridericianum verteilt werden, handschriftlich mit Auszügen aus dem «Unabomber-Manifest». 1995 schickte der Einzeltäter Theodore Kaczynski seinen fast 200 Seiten langen Text mit der Forderung nach Abdruck an US-Zeitungen. Ihr Presse-Echo fiel anders aus als erhofft. Die Polizei spürte Kaczynski auf und verhaftete ihn: Damit endete nach 18 Jahren seine Attentats-Serie.

Statements von Danh Vo + Fridericianums-Leiter Rein Wolfs und Impressionen der Ausstellung


 

Kopieren mit der Hand ist kein Problem für Danhs Verwandte: Vietnamesisch wird seit der französischen Kolonialzeit in lateinischen Lettern geschrieben. Ob sie Kaczynskis Schmähschrift auf Englisch gegen das «technoindustrial system» auch verstehen, darf bezweifelt werden. Das gilt ebenso für Ausstellungs-Besucher: Über dem Eingang des Fridericianums hängt ein Foto-Plakat aus dem Weltall. Die Aufnahme gehörte dem Astronauten Ed White, der 1967 beim Test-Start von Apollo 1 starb.

 

31 Tonnen Kupferblech

 

Im Erdgeschoss sind nur eine mechanische Schreibmaschine und eine Seite aus der «New York Times» zu sehen. Sie berichtete am 7. Januar 1945 über die Hochzeit von George Bush mit Barbara Pierce – dem späteren Präsidenten-Ehepaar. Die Original-Schreibmaschine, auf der das Unabomber-Manifest getippt wurde, ersteigerte Danh Vo bei einer Auktion des FBI.

 

Hintergrund

Lesen Sie hier einen Bericht samt Video-Interview über die Wiedereröffnung der Neuen Galerie in Kassel

 

und hier einen Beitrag mit Video-Interview über die Ausstellung "Produced by Migros" in der Kunsthalle Fridericianum

 

und hier eine Besprechung samt Video-Interview der Ausstellung "Frontera" von Teresa Margolles am selben Ort

 

und hier eine kultiversum-Rezension der Ausstellung "Pink Wave Hunter" von Andro Wekua im Fridericianum.

Im Obergeschoss blenden 31 Tonnen Kupferblech; gleichmäßig im Raum verteilt, damit die Zwischendecke diese Last aushält. Im Gegensatz zur echten Freiheitsstatue, deren Hülle längst Grünspan überzieht, schimmert ihre Nachbildung noch rotgolden. Die Teile leuchten und funkeln bei Sonnenlicht wie die Schatzhöhle von Ali Baba. Anfassen verboten, um den Glanz zu erhalten: Körperschweiß ließe Kupfer oxidieren und stumpf werden. Obwohl die Installation «WE THE PEOPLE» heißt – nach den ersten drei Worten der US-Verfassung.

 

230.000 Dollar Material-Wert

 

Man wird auf Details aufmerksam, die an der realen «Lady Liberty» meist unbemerkt bleiben: etwa zerbrochene Glieder einer Kette zu Füßen der Statue, die sonst kaum erkennbar sind. Oder das üppig klassizistische Dekor der Freiheits-Fackel mit Blumen-Ranken an Schaft und Kranz. Das Meiste wirkt aber befremdlich monströs: Riesen-Finger und -Zehen, Gewand-Falten wie Berg-Flanken.

 

Was diese Fragmente mit Weltraum-Bild, Terror-Typewriter und Staatschef-Ehe verbindet, bleibt diffus. Zwar hat Vietnam seit dem Krieg gegen die Vereinigten Staaten ein kritisch-spezielles Verhältnis zu ihrem Freiheitsversprechen, doch dazu äußert sich Danh Vo allenfalls mit dem Titel der Schau – dem Datum der US-Unabhängigkeits-Erklärung. So besitzt die Ausstellung außer dem Schauwert von Buntmetall-Massen vor allem hohen Material-Wert: Auf dem Weltmarkt kosten 31 Tonnen Kupfer zurzeit rund 230.000 US-Dollar.


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