Berlin

Ai Weiwei in New York – Fotografien 1983-1993

Ai Weiwei: Selbstporträt in Williamsburg, Brooklyn, 1983. Foto: © Ai Weiwei; Courtesy of Three Shadows Photography Art Center

Schnappschüsse eines Super-Stars: Chinas berühmtester Künstler lichtete als junger Emigrant in den USA Freunde und Alltags-Szenen ab. Eine Auswahl zeigt der Martin-Gropius-Bau – aussagekräftig, aber leblos inszeniert.

Aus dem Schuhkarton eines Spät-Studenten: Als Ai Weiwei diese Bilder knipste, war der zurzeit berühmteste zeitgenössische Künstler noch völlig unbekannt. Im Zuge von Chinas Öffnungspolitik in den 1980er Jahren durfte der damals 24-jährige Ai, der bereits in Konflikt mit den Behörden geraten war, 1981 in die USA ausreisen.

 

Info

Ai Weiwei in New York – Fotografien 1983-1993

 

15.10.2011 – 18.03.2012
täglich außer dienstags 10 bis 20 Uhr im Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstr. 7, Berlin

 

Katalog 28 €, im Handel 39,95 €

 

Weitere Informationen

Er zog nach New York, wo er an der Parsons School of Design studierte und fotografierte wie ein Besessener: 10.000 Aufnahmen in zehn Jahren. 220 vom Künstler selbst ausgewählte Abzüge sind nun im Martin-Gropius-Bau zu sehen – nach Stationen in Peking und New York.

 

Ermittlungen wegen Pornografie

 

Natürlich sind die Foto-Alben von Ai nur ausstellungswürdig, weil sich sein Status geändert hat. Mittlerweile verfolgt die Weltpresse jede Wendung in seinem Kampf mit der chinesischen Justiz. Sie inhaftierte ihn im April 2011 für 81 Tage wegen angeblicher Steuer-Schulden und ließ ihn nur unter strengen Auflagen frei.

 

Derzeit wird gegen Ai wegen angeblicher Verbreitung von Pornografie ermittelt. Im Westen gilt er als aufrechter Dissident, in China als umstrittener Polit-Aktivist. Da ist es gut, dass sich der Künstler mit eigenen Werken in Erinnerung ruft – auch wenn es etwas angestaubte Hobby-Arbeiten sind.


Interview mit Gropiusbau-Direktor Gereon Sievernich und Impressionen der Ausstellung


 

Mit Allen Ginsberg im Bild

 

Er habe sich in New York gelangweilt und deshalb zu fotografieren begonnen, bekennt Ai freimütig. Das sieht man den meisten Bildern an. Schnappschüsse, wie sie jeder Foto-Amateur macht: mehr oder weniger gelungene Aufnahmen von Freunden und Bekannten sowie Selbst-Porträts – mal sorgfältig inszeniert, mal aus dem Handgelenk geschüttelt.

 

Der Kunst-Student lernte Stars der New Yorker Szene kennen: den Dichter Allen Ginsberg oder den Fotograf und Filmemacher Robert Frank. Außerdem verkehrte er in Kreisen junger Exil-Chinesen, von denen mancher später berühmt wurde: etwa der Regisseur Cheng Kaige oder der Schriftsteller Bei Dao. Andere Namen dürften nur intimen Kennern der chinesischen Gegenwarts-Kultur etwas sagen.

 

Foto-Reportage von Straßen-Schlachten

 

Hintergrund

Lesen Sie hier eine Rezension des Dokumentarfilms „William S. Burroughs: A Man Within“ mit vielen Vertretern der US-Avantgarde in den 1970/80ern

 

einen Bericht über die TV-Doku „Bilder einer Ausstellung: China und die Aufklärung“ und eine Debatte zum PR-Desaster der deutschen Kulturpolitik im Martin-Gropius-Bau, Berlin

 

und hier einen Beitrag über die Diskussion „Ai Weiwei: art, dissidence and resistance“ am 27.07.2011 im Haus der Kunst, München

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung „JULY, IV, MDCCLXXVI“ von Danh Vo mit einer zerlegten Freiheits-Statue in der Kunsthalle Fridericianum, Kassel.

Während Ai jobbt, sich im Kulturbetrieb oder Nachtleben herumtreibt und allmählich fülliger und bärtiger wird, erweitert er sein Motiv-Spektrum. Auf den Straßen der Metropole fängt er Alltags-Beobachtungen ein: Passanten, fliegende Händler und Obdachlose oder einen Laien-Prediger, der einem Bettler aus der Bibel vorliest. Dabei entwickelt der künftige Künstler einen Blick für einprägsame Momente und aussagekräftige Bild-Kompositionen.

 

Beispielsweise in seinen Bildern aus dem Tompkins Square Park, einem Treffpunkt der Subkultur im East Village. Dort kam es Ende der 1980er Jahre mehrfach zu Protesten, die in Straßen-Schlachten mit der Polizei endeten. Ai war mit der Kamera dabei: Mitten im Getümmel machte er Nah-Aufnahmen, die fast physisch spüren lassen, wie heftig es zuging – seine Foto-Reportage ist ein Höhepunkt der Schau.

 

Hängung als Traueranzeigen-Rand

 

Wobei alle Fotos eine Atmosphäre von savoir-vivre und lässiger Freiheit vermitteln, die Ai zurück in Peking ab 1993 schmerzlich vermissen musste. Das Jahrzehnt im big apple hat ihm offenbar den unbeugsamen Widerspruchs-Geist eingeimpft, mit dem er seither agiert.

 

Leider ist die Ausstellung davon nicht infiziert: Kommentarlos werden dunkle Schwarzweiß-Abzüge so streng aneinander gereiht, als markierten sie den Rand einer Trauer-Anzeige. Ob diese leblose Inszenierung auch der Künstler selbst festgelegt hat? Dann wäre ihm die Leichtigkeit des US-Exils in seinem Kleinkrieg gegen die heimische Staatsmacht längst abhanden gekommen.


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