Bonn

Art and Design for All – The Victoria and Albert Museum

Gedenk-Teller für Prinz Albert als "Förderer der Künste", Foto: ohe
Pomp and Circumstances: Die Bundeskunsthalle stellt Geschichte und Sammlung des weltgrößten Kunstgewerbe-Museums «Victoria & Albert» vor. Nach dieser imperialen Ausstattungs-Orgie wünscht man sich die schmucklose Kühle der Moderne.

Reizüberflutung gilt gemeinhin als Krankheit des digitalen Zeitalters. Mediziner und Medienforscher rechnen vor, mit wie vielen Informationen und Signalen jeder Mensch täglich bombardiert wird: Keiner könne all diese Impulse aufnehmen, geschweige denn verarbeiten. Konzentrations-Schwäche und Abstumpfung seien die Folgen.

 

Info

Art and Design for All –
The Victoria and Albert Museum

 

18.11.2011 - 15.04.2012
dienstags und mittwochs 10 bis 21 Uhr, donnerstags bis sonntags 10 bis 19 Uhr in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Friedrich-Ebert-Allee 4, Bonn

 

Katalog 32 €


Website zur Ausstellung

Doch der information overkill ist keineswegs eine Konsequenz der elektronischen Revolution. Schon im 19. Jahrhundert setzte das Kunsthandwerk alles daran, die menschliche Wahrnehmung zu überfordern. Das demonstriert anschaulich die Bundeskunsthalle mit ihrer Ausstellung «Art and Design for All».

 

2,5 Millionen Objekte auf 15 Kilometern

 

Vermutlich unfreiwillig: Eigentlich soll die Schau das «Victoria and Albert Museum» (V&A) vorstellen und zugleich als «weltweit führendes Museum für Kunst und Design» feiern. Dieser Superlativ mag etwas übertrieben sein, aber unbestreitbar ist das V&A das weltgrößte Kunstgewerbemuseum: mit 2,5 Millionen Objekten in Hallen und Galerien von 15 Kilometern Länge, die jährlich 3 Millionen Besucher ablaufen. Ihnen rät Direktor Julius Bryant, «sich im V&A zu verlieren».


Impressionen der Ausstellung


 

Kunst-Förderung zum Ruhme des Empire

 

Dazu muss derzeit niemand nach London reisen – ein Tages-Ausflug nach Bonn reicht aus. Obwohl die Bundeskunsthalle mit rund 400 Objekte eher weniger Exponate zeigt als heutzutage bei Groß-Ausstellungen üblich, und sie wohltuend nüchtern und weiträumig präsentiert. Dennoch: Die schiere Fülle überwältigt.

 

Was ganz im Sinne von Prinz Albert von Sachsen-Coburg und Gotha gewesen wäre, dem geistigen Vater des V&A. Der deutsche Gemahl der britischen Königin Victoria kompensierte seine Machtlosigkeit mit engagierter Förderung der Künste und Wissenschaften. Zum Ruhme des Empire: Seine Untertanen sollten kultivierter, Gewerbe und Industrie in Großbritannien wettbewerbsfähiger werden.

 

Erste Weltausstellung zeigte 100.000 Objekte

 

Auf Alberts Initiative ging die erste Weltausstellung 1851 in London zurück. Ein noch nie gesehenes Spektakel: Dafür wurde der 600 Meter lange Crystal Palace aus Eisen und Glas errichtet, der 100.000 Ausstellungs-Stücken Platz bot. Sie wurden sechs Monate lang von 6 Millionen Menschen bestaunt.

 

Der Gewinn aus dieser Mammut-Schau floss in den Aufbau des South Kensington Museum. Aus dem Museum of Ornamental Art und der Government School of Design hervorgegangen, kaufte es ab 1857 in aller Welt beispielhaftes Kunstgewerbe zusammen. 1899 wurde seine provisorische Konstruktion durch einen massiven Neubau ersetzt, der es bis heute beherbergt. Seine Einweihung war Königin Victorias letzter öffentlicher Auftritt.

 

Nationale Schule des guten Geschmacks

 

Das Vermächtnis der viktorianischen Epoche bewahrt das V&A gewissermaßen bis heute: Eine unüberschaubare Masse an Objekten aus allen Kulturen und Materialien, deren Gestaltung als vorbildlich galt. Das Museum ist als nationale Schule des guten Geschmacks konzipiert: Es soll Herstellern und Verbrauchern Spitzen-Erzeugnisse aller Gewerbe vor Augen führen.

 

Das atmet den Geist des Kolonial-Imperiums im 19. Jahrhundert: Britannia rules the waves, und sein wohlhabendes Bürgertum eignet sich an, wonach ihm gerade der Sinn steht. Ob im gotischen, Renaissance- oder Barock-Stil, ob aus Japan, China, Indien oder Persien – gleichviel, solange es nur hochwertig und teuer wirkt. Alle Formen werden zum Fundus für bourgeoise Dekorations-Wut.

 

Kitsch as Kitsch can

 

Der Historismus feiert hier Ausstattungs-Orgien des Überladenen und Verspielten. Jeder Zentimeter wird mit Mustern und Ranken bedeckt: horror vacui. Jeder Gebrauchs-Gegenstand – ob Geschirr, Wäsche oder Möbel – verweist im Aussehen auf etwas anderes als seinen Zweck.

 

Hintergrund

Lesen Sie hier eine Besprechung der Ausstellung "Tschechischer Kubismus im Alltag" über Design der Artĕl-Kooperative 1908 bis 1935 im Grassi-Museum für angewandte Kunst, Leipzig.

Diese überall verzierten, ziselierten und applizierten Dinge brechen unter der Last der Repräsentation, die ihnen aufgebürdet wird, schier zusammen. Kitsch as Kitsch can – in höchster Qualität. Man schaudert bei dem Gedanken, wie plüschig und muffig gute Stuben gewesen sein mögen, die mit solch erlesenem Nippes vollgestopft waren.

 

Ornament ist Verbrechen

 

In seinem hemmungslosen Konsumismus ähnelte das bürgerliche Zeitalter sehr dem unsrigen; nur hatte damals die Industrie noch nicht den Rigorismus ihrer Massenfertigung durchgesetzt. Nach dem Besuch begrüßt man freudig das Diktum von Adolf Loos, mit dem er all dies wegfegte und der schmucklosen Kälte der Moderne Bahn brach: Ornament ist Verbrechen.


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