Bremen

Vodou – Kunst und Kult aus Haiti

Geister-Gipfeltreffen, links: Keptèn Bizango (Bizango-Hauptmann), rechts: Jal Twa Letan (General „Drei Teiche“). Foto: Johnathan Watts, MEG; © Sammlung Marianne Lehmann, FPVPOCH
Mit Zombies und schwarzer Magie hat die geheimnisvolle Vodou-Religion wenig gemein. Dagegen kennt sie eine überbordende Vielfalt bizarrer Riten. Schätze aus der größten Sammlung weltweit zeigt nun das Übersee-Museum.

Spiegel-Scherben schauen uns an: Die lebensgroßen Bizango-Figuren tragen sie anstelle der Augen, an Armen und Beinen, am ganzen Körper. Auch andere Objekte in der Ausstellung «Vodou – Kunst und Kult aus Haiti» sind reich mit Spiegeln und glänzenden Metallplatten besetzt. Etwa die pake Congo, verschnürte Gefäße in Kalebassen-Form, die magische Substanzen enthalten: Die blinkenden Partikel sollen Geister, lwa, anziehen, die dem Inhalt Wirksamkeit verleihen.

 

Info

Vodou - Kunst und Kult aus Haiti

 

08.10.2011 - 29.04.2012
täglich außer montags 9 bis 18 Uhr, am Wochenende ab 10 Uhr im Übersee-Museum, Bahnhofsplatz 13, Bremen

 

Katalog 19,80 €

 

Weitere Informationen

Vodou kennt genau 401 lwa; sie sind Mittler zwischen den Menschen und dem höchsten Wesen, Le Bon Dieu, das selbst als unerreichbar gilt. Die lwa sind ungemein mächtig, doch das verheerende Erdbeben in Haiti am 12. Januar 2010 konnten auch sie nicht verhindern.

 

Wenigstens haben sie es überlebt: Die Sammlung von Marianne Lehmann, zu der alle rund 350 gezeigten Objekte gehören, überstand die Naturkatastrophe praktisch unbeschadet in ihrem Haus in der Hauptstadt Port-au-Prince.

 

3000 Vodou-Objekte in 25 Jahren

 

Die Entstehungsgeschichte dieser Kollektion ist so eigentümlich wie die geheimnisumwitterte Vodou-Religion selbst. Lehmann wanderte 1957 mit ihrem haitianischen Mann in seine Heimat aus. 1971 zerbrach ihre Ehe, aber die Schweizerin blieb mit ihren vier Kindern in Port-au-Prince und arbeitete für ihre Botschaft.

 

1985 bot ihr ein Mann erstmals eine Vodou-Figur an – eigentlich ein Sakrileg, aber der Verkäufer brauchte Geld für seine kranke Mutter. Lehmann griff zu und fing Feuer: In 25 Jahren hat sie die vermutlich größte Vodou-Sammlung weltweit mit mehr als 3.000 Stücken angehäuft.


Werbe-Trailer des Übersee-Museums zur Vodou-Ausstellung


 

Erst seit 1991 in Haiti anerkannt

 

Ihr Domizil war zeitweise so überfüllt, dass sie ein zweites Haus anmieten musste, um alle Figuren unterzubringen. Damit sie später nicht in alle Winde zerstreut werden, gründete die 73-Jährige mit befreundeten Haitianern eine Stiftung: Sie soll über das Wesen von Vodou aufklären, die Sammlung bekannt machen und Mittel zur Einrichtung eines Museums einwerben. Die Ausstellung ist also kein Charity-Schnellschuss, sondern tourt bereits seit 2007 durch Europa. Berlin war die erste Station in Deutschland, nun ist sie in Bremen zu sehen.

 

Eine einmalige Gelegenheit, um die einzigartige Formensprache einer Kultur kennen zu lernen, die Jahrhunderte lang nur im Untergrund existierte: Obwohl 90 Prozent der Haitianer daran glauben, wurde Vodou erst 1991 legalisiert. Es ist eine synkretistische Religion mit zentralafrikanischen Wurzeln, vor allem der Fon und Yoruba in Benin und Nigeria sowie der Völker im Kongo-Becken.

 

Geister fahren in Gläubige ein

 

Außerdem spielen Einflüsse der Taino – indianische Ureinwohner Haitis – eine Rolle sowie Anleihen beim Katholizismus, dem 80 Prozent der Haitianer ebenfalls angehören. Das führt zu einer unfassbaren Vielfalt an Riten und Praktiken, die zudem lokal stark variieren.

 

Gemeinsam ist allen Gemeinden die Verehrung der Geister im Tempel, ounfó, der von einem Priester geleitet wird. Dieser houngan ruft die lwa mit Ritualen an, bei denen Trommeln und Fahnen eine wichtige Rolle spielen. Die Geister kommen über einen Pfosten in der Raummitte, den poteau mitan, in den Tempel und fahren in einzelne Anwesende ein; deren Körper dienen nun dem lwa als Medium. Dabei ahmen die «Besessenen» die Eigenschaften des jeweiligen Geistes und seiner Vorlieben nach.

 

Film-Mitschnitt eines Vodou-Ritus

 

Im Vergleich zur ersten Station in Berlin wird die Schau nun wesentlich informativer präsentiert. So läuft am Anfang der Film-Mitschnitt eines Vodou-Ritus samt Erklärungen, was und warum der Priester da tut. Auch die Ausstellungs-Architektur ist übersichtlicher geworden: Anstelle eines verwinkelten Labyrinths verschafft ein klassischer Rundgang dem Besucher einen besseren Überblick.

 


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