Venedig

55. Biennale

Friedrich Schröder-Sonnenstern: „Spuckelinchen mit ihrem Wunderochsen“, 55. Biennale di Venezia. Foto: © Susanne Röllig, 2013

Bühne frei für die Sammelwütigen: Im “Enzyklopädischen Palast” frönen Künstler ihrer Leidenschaft für seltsame Systeme, Chroniken ohne Ende und Aufzeichnungen aller Art. Die Outsider bringen frischen Wind in den routinierten Biennale-Betrieb.

An dieser Biennale scheiden sich die Geister. Auf der einen Seite stehen Kritiker, welche die 55. Internationale Kunstausstellung von Venedig konservativ finden, zu sehr der akademischen Rückschau verpflichtet anstelle des nötigen Anspruchs, die neueste Kunst zu präsentieren. Andere Stimmen sehen die Schau positiv, weil sie  Außenseiter ins Zentrum rückt und sich der Allmacht des Kunstmarkts widersetzt.

 

Info

 

55. Biennale – Der enzyklopädische Palast

 

01.06.2013 – 24.11.2013

täglich außer montags

10 bis 18 Uhr

in den Giardini + Arsenale, Venedig

 

Weitere Informationen

Beides stimmt! Und trotzdem ist Massimiliano Gionis erste Biennale gelungen. Der Blick zurück und neben die Hauptschauplätze der zeitgenössischen Kunst ist dringend nötig, um die Aufmerksamkeit auf die aktuelle Produktion wieder zu schärfen und zu lernen, dass Kunst nicht in erster Linie für einen Markt produziert wird, sondern um entscheidendere Angelegenheiten auszudrücken. Dass dabei viel Innerliches, manch Exotistisches, einiges Esoterische und ungeheure Mengen an Material zusammenkommt, ist ein Gewinn. Nicht nur in enzyklopädischer Hinsicht.

 

Der Enzyklopädische Palast

 

Gionis Inspiration für seine Biennale war „Der Enzyklopädische Palast“ seines von Italien in die USA ausgewanderten Landsmanns Marino Auriti. Im Eingang zum Arsenale, wo der erste Teil der Ausstellung gezeigt wird, steht das monumentale Modell eines sich babylonisch nach oben verjüngenden Turms, in dem alles Wissen dieser Welt seinen Platz finden sollte. Der Autodidakt hatte das Architekturmodell in seiner Garage angefertigt und 1955 zum Patent angemeldet. Wirklichkeit wurde die grenzenlose Utopie jedoch nie. Erst in Gionis Ausstellung beginnt die Idee nun Formen anzunehmen.


Impression der Biennale: der Beitrag des Isländers Ragnar Kjartansson


 

Vielerorts surrealistische. Der türkische Künstlerliterat Yüksel Arslan gehörte etwa zum Kreis um André Breton in den 1960er Jahren in Paris. Sein Universalismus kulminiert in sogenannten „Artures“, komplexen Comic-Palimpsesten aus Texten, Bildern und wissenschaftlichen Verweisen. Eine ähnliche, wenn auch viel drastischere Bildsprache bemüht auch Evgenij Kozlov mit seinem „Leningrad Album“ oder die umfangreiche Graphic Novel „The Book of Genesis“ von Robert Crump. Seine schrille Interpretation des 1. Buch Mose verdichtet geschriebenes Wort und gezeichnetes Bild auf einer Ebene, die der vergleichsweise reduzierten Information biblischen Ursprungs die Überfülle kreativer Exegese gegenüberstellt.

 

Visuelle Verlockung

 

Rudolf Steiners Philosophie mag nicht mehr zeitgemäß und vor allem inhaltlich überholt sein. Seine Kreidezeichnungen auf Schiefertafeln von 1923 haben jedoch nichts von ihrer visuellen Verlockung verloren. Sie erscheinen als Bilderrätsel und Erklärungsmodelle gleichermaßen, nehmen eine Ästhetik vorweg, die vor allem Joseph Beuys dann später zu einem Markenzeichen machten. Tino Sehgals Performanden entfalten vor diesen Folien eine verstörende Atmosphäre zwischen eurhythmischer Veranstaltung und Stippvisite in der Nervenklinik.

 

Die Materialflut solcher Grenzbereiche zur Esoterik füllen viele Hallen. Paradigmatisch sind etwa Frieda Harris’ Illustration zu einem Tarotkartenblatt, das der britische Okkultist Aleister Crowley 1938 in Auftrag gegeben hat. Sie entwarf eine scheinbar universell gültige Bildsprache des halbseiden Mysteriösen und dekorativ Absurden, das bis heute in der subkulturellen Ästhetik von Heavy-Metal, Emo oder Gothic nachklingt.

 


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