Venedig

Länderpavillons der 55. Biennale Venedig

Lateinamerika (Bolivien): Sonia Falcone, 55. Biennale di Venezia. Foto: © Susanne Röllig, 2013

Sie werden oft belächelt oder als antiquiert abgetan. Doch die Länderpavillons der Biennale zeigen häufig interessantere Werke und Künstler als die zentrale Ausstellung in den Giardini. Ein Rundgang von Rumänien über Deutschland bis Tuvalu.

Die Kunstbiennale von Venedig ist ein Ort für Wiedergänger. Oft als ein aus der Zeit gefallenes Relikt verhöhnt, wird sie doch alle zwei Jahre regelmäßig besucht: Scharen von (semi-)professionellen Kunsttouristen fallen über die temporär von Kunst besetzte Stadt, das Arsenale und die Giardini her. Als sei Reizüberflutung das beste Mittel gegen Übersättigung und langjährige Erfahrung die beste Medizin gegen kurzfristige Begeisterung.

 

Info

Länderpavillons auf der 55. Biennale von Venedig

 

01.06.2013 – 24.11.2013

täglich außer montags

10 bis 18 Uhr

in den Giardini + Arsenale, Venedig

 

Weitere Informationen

Der rumänische Pavillon hat sich dieser Wehwehchen angenommen und präsentiert einen der besten nationalen Beiträge. Länderpavillons werden gern als antiquiert abgetan, doch sie geben – bei allen Unkenrufen – auch bis heute der Mammutschau einen Sinn.

 

Biennale als Re-Enactment

 

Der Raum der Rumänen ist leer, die Kunst performativ. Alexandra Pirici, Choreografin aus Bukarest und Manuel Pelmuş, der als Tänzer zwischen Bukarest und Oslo pendelt, wollen der Institution Biennale ein ephemeres Monument setzen. Ihr Team von Performern appelliert an die Erinnerungen der Besucher an vergangene Biennalen und zeigt auf, wie konstruiert sie sind.

 

Ihr Beitrag „An Immaterial Retrospective of the Venice Biennale“ führt Installationen, nationale Kunstbeiträge und berühmte Ausstellungen als Performance wieder auf. Die Tänzer imitieren etwa Daniel Burens Streifen- und Standbilder aus Douglas Gordons Zinedine-Zidane-Film. Oder sie reinszenieren Hans Haackes Zertrümmerung des Fußbodens im Deutschen Pavillon als deklamatorischen Akt.

 

Goldener Löwe für Angola

 

So macht die Truppe auf vielschichtige Weise deutlich, wie sehr die Biennale als Institution mit sich selbst beschäftigt ist und darüber der Anspruch verloren geht, ein Podium für Neues zu bieten. Den Rumänen gelingt es, den Blick zurück vollkommen aktuell zu interpretieren.

 

Den Goldenen Löwen für den besten Pavillon hat trotzdem Angola gewonnen. Für die meisten überraschend, weil sich der Pavillon in einem Palazzo im südlichen Stadtteil Dorsoduro versteckt. Verdient hat ihn die Installation „Luanda, Encyclopedic City“ von Edson Chuagas leider nicht: Überästhetisierte Fotos von Sperrmüll am Straßenrand zum Mit-nach-Hause-nehmen verbinden sich mit dem Blick auf eine lokale Kunstproduktion, die sich stilistisch stark am Surrealismus der 1930er Jahre zu orientieren scheint.

 

Pavillon-Tausch mit Frankreich

 

Susanne Gaensheimer hatte als Kuratorin des Deutschen Pavillons den Preis schon vor zwei Jahren mit einer posthumen Ehrerbietung an Christoph Schlingensief gewonnen und also in diesem Jahr nichts zu befürchten. In diesem Jahr versucht sie, das nationale Konstrukt der Länderpavillons auszuhebeln. Sie entschied sich zunächst für den PR-Coup, mit Frankreich die Pavillons zu tauschen. Statt dem verhassten – weil von den Nazis symbolisch überformten – Bau konnte sie nun das kaum weniger pompöse, neoklassizistische Gehäuse gegenüber bespielen.

 

Die vier von ihr ausgewählten Beiträge von Ai Weiwei (dekorative Schemel-Installation), Romuald Karmakar (vier Filme zu Gewalt und Massenphänomenen), Dayanita Singh (von indischen Traditionen inspiriertes Video und Buchinstallation) und Santu Mofokeng aus Südafrika (Foto-Essays) geben sich betont übernational. Sie bleiben im Detail aber sehr regional und bauen auch keine Beziehung untereinander auf.

 

Piano-Projektion im deutschen Pavillon

 

Und was macht Frankreich? Dort wird der albanische Künstler Anri Sala gezeigt. Der shooting star der letzten Jahre geht sehr entspannt mit der teutonischen Architektur um: Er schert sich nicht um die massige Größe, sondern pathetisiert das Volumen noch durch den Einbau einer monumentalen, tonschluckenden Innenfassade.

 

Davor hat Sala riesige Video-Projektionen angebracht, in denen zwei Pianisten ein Ravel-Stück für die linke Hand einspielen. Eine ästhetisch durchdachte, aber auch sehr bourgeois verfeinerte Beschäftigung mit klassischer Musik. Zu ihr muss man in Salas Sichtweise auch die DJ-Kultur von Sampeln und Mixen zählen, die das Piano in den Nebenräumen paraphrasieren.

 

Großbritannien zerfällt

 

Great Britain steht noch über dem nächsten Haus; doch Schottland und Wales haben sich inzwischen – wie im Fußball seit langem – in eigene Domizile zurückgezogen. Wales zeigt Bedywr Williams, der sich als Sternengucker betätigt. Schottland füllt den Palazzo Pisani mit drei heimischen Künstlern. Die prominente Stelle in den Giardini ist aber für England reserviert .


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