Berlin

Berlin Art Week 2013: abc art berlin contemporary + Preview Berlin Art Fair

Alexej Tretjakow: Männerakt, Öl auf Leinwand, 2012; Courtesy: Galerie Kunstraum Jena. Foto: ohe

Halb so viele Galerien, zehn Mal mehr Werke

 

Sie liefert das Kontrastprogramm zur abc: mehr am Geschmack bürgerlicher Sammler als des Feuilletons ausgerichtet. Werke werden zu meist moderaten Preisen in klassischen Kojen anstelle einer Wandelhalle angeboten − es herrscht eben typische Messe-Atmosphäre. Mit dem üblichen Gedränge: Aus dem weitläufigen Hangar des Flughafens Tempelhof ist die Preview in den 3. Stock der früheren Opernwerkstätten umgezogen; hier geht es eng zu.

 

Zumal nur halb so viele Galerien wie auf der abc vertreten sind, die aber gefühlt zehn Mal mehr Arbeiten mitbringen: Die meisten Wände sind vollständig zugehängt. Wo Fläche knapp ist, können Malerei und Fotografie ihren Platzvorteil voll ausspielen. Oder Mixed-Media-Arbeiten, sofern sie nicht zu weit in den Raum ragen.

 

Zuckerbäcker-Torten aus dem 3D-Drucker

 

Stärkere Kundenorientierung heißt nicht, dass die Machart konventionell wäre. Im Gegenteil: Es wird experimentiert, was moderne Technologien hergeben. Silke Katharina Hahn betropft Glasplatten und Reifenschläuche mit Heißkleber (Mianki). Die chinesische Künstlergruppe "Island6" installiert LED-Displays hinter bemaltem Reispapier − eine Fortsetzung von Videospielen in Bilderrahmen (Pantocrátor).

 

"Frantic Gallery" aus Tokyo stellt Japaner vor, die winzige Silikon-Streifen zu Farbfeldern verweben: äußerst mühselige high tech-Stickerei. Anke Eilergerhard fertigt Kegel-Skulpturen aus gezupftem Silikon, die wie gedrechselte Zuckerbäcker-Torten aussehen (Art Felicia). Vermutlich mit einem 3D-Drucker: Da dürfte noch einiges auf die Kunstwelt zukommen, sobald diese Geräte weiter verbreitet sind.

 

Madonnen-Figuren mit Tierzähnen

 

Exotische Materialien finden sich ebenso in Fauna und Flora. Kálmán Várady, Roma ungarischer Herkunft, spickt seine Kreuzungen aus Madonnen-Figuren und Voodoo-Puppen mit Tierzähnen (Kai Dikhas). Michael Schuster, ebenfalls bei Mianki, fügt aus Laub ausgeschnittene Figuren zu filigranen Assemblagen zusammen.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Kunst-Messe "Berlin Art Week" - 2012 in Berlin

 

und hier eine Besprechung über das “Gallery Weekend2012 in Berlin

 

und hier einen Bericht über die Kunst-Messe “art berlin contemporary2011 in Berlin

 

Man kann aber auch einfach Farben auf Leinwand auftragen. Brillant praktiziert das die so genannte Leipziger Schule, die Versatzstücke des Sozrealismus recyclet und verrätselt. Sebastian Schrader liefert ein monumentales Gruppenporträt in realsozialistischem Grau ab (Maerzgalerie).

 

Formal brillant, inhaltlich schlicht

 

Tilo Baumgärtel bevorzugt giftiges Grün (Kleindienst), Enrico Freitag aus Weimar eher stumpfe Brauntöne (Eigenheim). Markus Fräger stammt zwar aus Hamm und lebt in Köln, hat sich aber die caravaggieske Spielart sowjetischer Malerei der 1960/70er Jahre perfekt angeeignet (Friedmann-Hahn): bewundernswert, doch wenig innovativ.

 

Bei aller Lust an gefälligen Motiven bis hart an die Kitschgrenze vermisst man bei vielen Arbeiten die Relevanz − handwerkliche Virtuosität kontrastiert mit inhaltlicher Schlichtheit. Ihnen eignet etwas Epigonales: Die Kinder von Magritte, Mondrian und Warhol bedienen das Publikum mit Zweit- und Drittaufgüssen für schmalere Geldbeutel. Was der Malerei dauerhaft ihr Fortbestehen garantieren wird: Painting forever!


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