Berlin

Schloss Bau Meister – Andreas Schlüter und das barocke Berlin

Johann Georg Rosenberg: Das Reiterstandbild des Großen Kurfürsten mit dem Schloß, Berlin, 1781. © bpk / SMB / Jörg P. Anderst. Fotoquelle: SMB

Der große Abwesende: Seine Werke sind zerstört oder weit verstreut, Schlüter selbst verschwand in Russland. Zum 300. Todesjahr ruft das Bode-Museum den Barock-Bildhauer in Erinnerung – mit einer Werkschau als Berliner Nabelschau.

Sein Hauptwerk lag 1950 in Schutt und Asche: Die SED sprengte das im Krieg schwer beschädigte Berliner Stadtschloss, dessen Gestalt und Ausstattung Andreas Schlüter (1659-1714) als Baudirektor stärker geprägt hatte als jeder andere. Die gegenüber von ihm errichtete Alte Post wurde 1899 abgerissen.

 

Info

 

Schloss Bau Meister – Andreas Schlüter und das barocke Berlin

 

04.04.2014 – 24.08.2014

täglich außer montags

10 bis 18 Uhr,

donnerstags bis 20 Uhr

im Bode-Museum, Am Kupfergraben, Berlin

 

Katalog 39,90 €

 

Weitere Informationen

 

Schlüters noch erhaltene Werke sind über die ganze Stadt verteilt. Das Reiterdenkmal des Großen Kurfürsten, das 1708 auf der Langen Brücke über die Spree aufgestellt wurde, steht heute vor dem Schloss Charlottenburg. Die extravagante Kanzel der Marienkirche ist ebenso von Schlüter: Dafür durchbrach er einen Pfeiler und fügte seine kühne Konstruktion ein.

 

Masken sterbender Krieger in Stein

 

Im Berliner Dom liegen die goldenen Sarkophage für König Friedrich I. und seine Frau Sophie Charlotte; in der Nikolaikirche gibt es eine prächtige Gruftpforte von Schlüter. Auch sein Meisterstück ist noch am alten Platz: die Arkaden-Schlusssteine im Berliner Zeughaus, als „Masken sterbender Krieger“ geformt – ihr expressiver Ausdrucksreichtum war bis dahin unerreicht.

Impressionen der Ausstellung


 

Einziges Porträt auf zerstörter Decke

 

Wie stellt man einen Künstler aus, der als einer der wichtigsten deutschen Barock-Bildhauer gilt – dessen Werke aber nur wenige kennen, weil sie entweder vernichtet oder weit verstreut sind? Zudem weiß man kaum etwas über seine Person: Weder Geburts- und Todesdatum noch die Grabstätte sind bekannt. Ebenso wenig sein Aussehen: Auf einer Decke im Berliner Schloss soll er porträtiert gewesen sein, doch das Gemälde ist zerstört – es gibt nur eine unscharfe Fotografie davon.

 

Das Bode-Museum macht aus der Not eine Tugend: Es beschränkt sich auf Schlüters Berliner Jahre und behilft sich mit Modellen oder Kopien, wenn Originale nicht greifbar sind. Damit fällt sein Frühwerk völlig unter den Tisch. Der gebürtige Danziger schuf in seiner Heimatstadt die Königskapelle der Marienkirche und arbeitete bis 1693 in Polen. Dort war er in Warschau am Dekor zweier Schlösser beteiligt. Bei Lemberg schuf er Grabmäler für die Königsfamilie, in Stralsund entwarf er den Altar der Nikolaikirche.

 

Entwurf für legendäres Bernsteinzimmer

 

1694 ernannte ihn der preußische Kurfürst Friedrich III. (ab 1701: König Friedrich I.) zum Hofbildhauer. Damals war Berlin ein Nest mit kaum 10.000 Einwohnern; das Stadtgebiet reichte nur vom Alexanderplatz bis etwa zur heutigen Humboldt-Universität. Doch der Landesherr hatte grandiose Pläne: Er gründete eine Akademie der Künste und und eiferte Metropolen wie Wien oder Paris nach, indem er die Allee Unter den Linden anlegen ließ. Schlüter steuerte als Baudirektor ab 1699 federführend diesen Bauboom.

 

Außerdem leitete er den Innenausbau des Potsdamer Stadtschlosses und lieferte Pläne für zahlreiche Gebäude. Sowie den Entwurf für das legendäre Bernsteinzimmer: Die kostbare Wandvertäfelung wurde 1716 an Zar Peter der Große verschenkt. Der ließ sie im Katharinenpalast bei Sankt Petersburg installieren, wo sie 1941 von der Wehrmacht abmontiert wurde. Seit Kriegsende ist das Bernsteinzimmer verschollen.

 

Münzturm als Fehlkonstruktion

 

1706 fiel Schlüter in Ungnade: Er hatte für das Berliner Schloss einen fast 100 Meter hohen Münzturm auf sumpfigem Grund konstruiert. Bei 60 Metern geriet der Bau ins Wanken und musste abgetragen werden. Danach vollendete Schlüter nur noch das Landhaus Villa Kamecke für einen Geheimrat. Erhaltene Dachfiguren der im Krieg zerstörten Villa sind im Bode-Museum zu sehen. Als der König 1713 starb, wurde Schlüter entlassen; er verbrachte sein letztes Lebensjahr in Sankt Petersburg.

 

Es war das glücklose, fast schon tragische Ende eines Ausnahmekünstlers, den die Nachwelt lange missachtet hat. Daran dürfte die erste große Ausstellung zu seinen Ehren nicht viel ändern: Dem Rehabilitations-Versuch gelingt es kaum, Schlüters Genie und seine spezifischen Qualitäten heutigen Betrachtern näher zu bringen.

 

Keine Vergleiche mit deutschem Barock

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung “Die Schönste der Welt“  zum 250. Geburtstag der Bildergalerie Friedrichs des Großen im Park Sanssouci, Potsdam

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung „Die königliche Jagdresidenz Hubertusburg und der Frieden von 1763“ über das größte barocke Jagdschloss in Europa bei Leipzig.

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung „Begas – Monumente für das Kaiserreich“ über Reinhold Begas, führender Bildhauer des Neobarocks in Preußen, im Deutschen Historischen Museum, Berlin.

 

Nicht nur, weil die Schau seine Biographie, die Anfangsjahre in Polen und das russische Ende komplett weglässt. Sondern auch, weil sie sich in hauptstadttypischer Nabelschau viel mehr für Schlüters Anteil an Stadtbebauung und -möblierung als für seine persönlichen Eigenheiten und Beiträge zum Barock in Deutschland interessiert: Im Fokus steht „das barocke Berlin“.

 

Gediegen wird ein Panorama der Stadt um 1700 ausgebreitet, übersichtlich reihen sich Schlüters Werke aneinander – doch nirgends werden sie mit Arbeiten anderer deutscher Barockkünstler in Kunstzentren wie Dresden oder München verglichen. An keiner Stelle wird deutlich, was Schlüters Stil auszeichnete. Stattdessen verfolgt ein Saal die Tradition des Herrschermonuments zu Pferde bis zum römischen Kaiser Marc Aurel zurück.

 

Parcours ist das Schönste

 

Technik- und Sozialgeschichte kommen ebenfalls kaum vor. Da wird erwähnt, dass Bronze-Gießer Johann Jacobi, der das Reiterdenkmal des Großen Kurfürsten anfertigte, dafür größere Anerkennung genoss als Schlüter für seine Vorlage. Auch ein Modell samt Gusskanälen wird gezeigt. Doch wie der höchst schwierige Bronzeguss einer meterhohen Statue vor 300 Jahren praktisch bewältigt wurde, erfährt man nicht.

 

Trotz solcher Lücken lohnt die Ausstellung wegen ihres Schauplatzes. Die Staatlichen Museen Berlin (SMB) haben die Schau aufwändig inszeniert – angefangen mit der Replik des Kurfürsten-Denkmals unter der weiten Kuppel des Bode-Museums. Von dort führt eine Skulpturen-Allee über das große Treppenhaus in die 16 Ausstellungssäle; dieser Parcours ist der majestätischste aller Berliner Museen und das Schönste an der Schau. Danach sollte man durch die Stadt streifen, um Schlüters verstreute Werke zu besichtigen – wie von den SMB empfohlen.


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