Stuttgart

Die Welt des Schattentheaters – Von Asien bis Europa

Schattentheater in Kerala, Südindien. Copyright: Prem Manasvi/ Heinz Johannes Paul, Fotoquelle: Linden-Museum Stuttgart

Reise durch das Schattenreich: In der halben Welt wird Schattentheater gespielt – rituell in Süd- und Ostasien, burlesk im Orient. Doch stets mit enorm kunstfertig gearbeiteten Figuren; eine prachtvolle Auswahl rückt das Linden-Museum ins Rampenlicht.

Wo Licht ist, ist auch Schatten – wo Menschen leben, gibt es auch Schattentheater. Wahrscheinlich ist es der Urahn aller Bühnenkünste: Schon in der Steinzeit dürften sich Höhlenbewohner mit Schattenspielen vergnügt haben. Jedenfalls kennt man ausgefeiltes Schattentheater in der halben Welt. Seine Figuren werden vom Linden-Museum systematisch gesammelt; es besitzt eine der größten Kollektionen in Deutschland. Nun präsentiert es seine schönsten Stücke aus sieben Kulturen in einer prächtigen Ausstellung.

 

Info

 

Die Welt des Schattentheaters –
Von Asien bis Europa

 

03.10.2015 – 10.04.2016

täglich außer montags

10 bis 17 Uhr, mittwochs bis 20 Uhr, sonntags bis 18 Uhr

im Linden-Museum, Hegelplatz 1, Stuttgart

 

Katalog 22,90 €

 

Weitere Informationen

 

Im Dunkel der Geschichte liegt, wo das Spiel mit beweglichen und beleuchteten Figuren hinter einem Leinwandschirm ursprünglich entstanden ist. Die ersten, rund 1000 Jahre alten Zeugnisse aus China und Indien belegen sehr unterschiedliche Traditionen. Auf dem Subkontinent selbst haben etliche Regionen eigene Spielformen herausgebildet: Figuren aus den südindischen Bundesstaaten Kerala und Karnataka könnten verschiedener kaum sein.

 

Feine Lochmuster in dunklem Leder

 

Aus Kerala kommen mittelgroße Figuren aus dunklem Leder oder Antilopenhaut. Sie sind reich mit feinen Lochmustern verziert und oft in einen ornamentalen Rahmen eingebunden. Dadurch wirken sie würdevoll, aber auch statisch; an ihnen lässt sich allenfalls ein Arm bewegen. In Karnataka sind sie aus transparentem Pergament, bunt bemalt und deutlich komplexer: Häufig werden mehrere Gestalten zu einer Gruppe verbunden, etwa für eine Kampfszene.

Interview mit Kuratorin Annette Krämer + Impressionen der Ausstellung


 

Tagelanges Theater, der Göttin zum Gefallen

 

Alle indischen Varianten nutzen dasselbe Stücke-Repertoire: Sie bedienen sich aus den altehrwürdigen Riesen-Epen Ramayana und Mahabharata – letzteres ist mit 100.000 Doppelversen die längste Dichtung der Weltliteratur. Beide Werke breiten die hinduistische Kosmologie als ewigen Streit zwischen Gut und Böse aus: eine endlose Abfolge von Intrigen und Schlachten zwischen Göttern und Dämonen oder Prinzen und Fürsten. Quasi als Prototypen aller Helden-Mythen der Populärkultur – bis zu heutigen science fiction sagas.

 

Aus diesem unerschöpflichen Fundus wählen die Schattenspieler Episoden aus, die sie gern mit anderen klassischen Erzählungen kombinieren. Jede Aufführung hat –  ähnlich den christlichen Passionsspielen – religiöse Bedeutung, begleitet von zahlreichen Ritualen. In Kerala wird nur in Tempeln gespielt, meist tagelang, manchmal nur zum Gefallen einer Göttin – weil sich menschliches Publikum rar macht. Moderne Versuche, profane Sujets fürs Schattentheater aufzubereiten, waren wenig erfolgreich.

 

Lebensgroße Zehn-Kilo-Bildscheiben

 

Mit dem Hinduismus hat sich einst auch das Schattentheater nach Südostasien ausgebreitet. Die Ramayana-Version in Thailand heißt Ramakian; von diesem Nationalepos leitet das Herrscherhaus seine Legitimation ab. Daher gilt der Schattentheater-Tanz Nang Yai als königliche Kunst: Die Spieler halten lebensgroße Bildscheiben aus Rinderhaut empor, die bis zu zehn Kilo wiegen. Diese Scheiben sind äußerst fein gearbeitet; eine oder mehrere Gestalten werden von überbordendem Dekor umsäumt.

 

Vielfältiger und volkstümlicher ist Puppenspiel in Indonesien. Wayang Kulit bezeichnet Schattentheater mit flachen Pergament-Figuren; manche Partien sind filigran durchbrochen. Obwohl früher nur ihre schwarzen Schatten zu sehen waren, werden sie seit jeher aufwändig bemalt – als Ausdruck der Verehrung für die dargestellten Götter und Helden. Trotz der Islamisierung Indonesiens beruhen die Stücke auf heimischer Mythologie oder indischen Epen; wegen ihres moralischen Mehrwerts gestatten muslimische Gelehrte das.

 

Lange Nasen für Edle, Kulleraugen für Böse

 

Diese Wali bekehrten ab dem 13. Jahrhundert mit Schattentheater die Bevölkerung zum Islam. Dabei sorgten sie auf Java für eine starke Abstraktion der Figuren, um theologische Debatten über Menschen- und Tier-Darstellungen zu vermeiden – und argumentierten: Vorgeführt wird nicht das Lebewesen selbst, sondern nur sein Schatten. Deshalb muten diese Figuren bizarr stilisiert an: mit spindeldürren Gliedern, feiner langer Nase und Schlitzaugen bei „edlen“ oder Kulleraugen und blutroten Mündern bei „bösen“ Charakteren.

 

Mit 50 bis 200 Figuren führt der Dalang ein Stück auf, das zum Anlass passt; fraglos sind Heldengeschichten beliebter als Dramen über Kriege und Katastrophen. Dabei wird der Spieler von einem Gamelan-Orchester begleitet; das Ganze dauert normalerweise die gesamte Nacht. Ähnlich langwierig und kräftezehrend ist Schattentheater in China; hier erfüllt es keine rituellen Zwecke, sondern will nur unterhalten – quasi als tragbare Peking-Oper.

 

Ensembles mit 1000 Wechsel-Köpfen

 

Bereits im 13. Jahrhundert gab es Bühnenkoffer mit „Ensembles“ aus bis zu 1700 Figuren, darunter 1000 austauschbaren Köpfe – damit konnte man alle beliebten Stoffe inszenieren. Chinesische Figuren sind elegant und raffiniert konstruiert: Die Handgelenke sind beweglich, weil mit Handhaltungen Gefühle ausgedrückt werden. Durchscheinende, „offen geschnittene“ Gesichter lassen sich im Nu mit einer Maske in böse Geister verwandeln.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellungen „Roots – Indonesian Contemporary Art + Beyond Transisi – Contemporary Indonesian Photography“ in Frankfurt/ Main

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung „Kalighat – Malerei der frühen indischen Moderne“ mit expressiver Kunst des 19. Jahrhunderts im Völkerkundemuseum vPST, Heidelberg

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung „Glanzlichter“ mit „Meisterwerken zeitgenössischer Glasmalerei“ im Naumburger Dom, Naumburg/ Saale.

 

Ebenso farbig und variantenreich kommt das türkische Schattentheater „Karagöz“ daher, benannt nach seiner Hauptfigur: einem lebenslustigen und listigen Nichtsnutz. Er tritt nie ohne seinen Freund Hacivat auf, den eingebildeten und opportunistischen Kleinbürger. Das Duo erlebt viele Abenteuer, die oft mit bissiger Satire und Kritik einhergehen.

 

Dritte Dimension dank Halogen

 

Vermutlich wurde Karagöz vom ägyptischen Schattentheater inspiriert, das sich fast 900 Jahre zurückverfolgen lässt; ein Satz dunkler Figuren aus dem 17./18. Jahrhundert zählt zu den kostbarsten Exponaten der Schau. Erst im 19. Jahrhundert entwickelte sich daraus die griechische „Karagiozis“-Version.

 

Allen Spielarten ist gemeinsam, dass sie weit verbreitet waren, bis sie ihre Zuschauer an Kino und Fernsehen verloren. Heute zählen sie zum jeweiligen nationalen Kulturerbe, werden aber selten aufgeführt; nur in Indonesien ist Wayang Kulit weiterhin beliebt. Dabei erlebte diese Kunstform vor rund 50 Jahren ihre wichtigste Innovation: Von Halogenlampen beleuchtet, bleiben die Schatten-Konturen auch scharf, wenn sich die Spieler von der Leinwand wegbewegen – was ihnen die dritte Dimension mit ungeahnten Effekten eröffnet.

 

2018 nach Schwäbisch Gmünd

 

Wer erleben will, welche multimedia-Spektakel mit allerlei crossover-Spieltechniken heutzutage geboten werden, muss nur rund 50 Kilometer weit fahren: In Schwäbisch Gmünd findet alle drei Jahre das weltweit bedeutendste Festival für zeitgenössisches Schattentheater statt – das nächste Mal im Oktober 2018.


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