Aki Kaurismäki

Das Mädchen aus der Streichholzfabrik

Foto: Filmmuseum Düsseldorf

Tristesse totale: Eine finnische Arbeiterin wird gedemütigt, bis sie sich giftig rächt. Im lakonischen Proletarier-Epos von Aki Kaurismäki brillierte 1990 in der Hauptrolle Kati Outinen. Ihren großen Auftritt zeigt das Filmmuseum Düsseldorf am 9. Mai.

Als letzter Teil seiner „Proletarischen Trilogie“ nach „Schatten im Paradies“ (1986) und „Ariel“ (1988) gedreht, findet Regisseur Aki Kaurismäki mit „Das Mädchen aus der Streichholzfabrik“ einen kargen und stilistisch konsequenten Abschluss für seine sozialkritische Kino-Studie über die Arbeiterklasse in Finnland. In seinem Minimalismus ist der Film über eine Arbeiterin ein exzellentes, von bittersüßer Schönheit durchsetztes Beispiel für Kaurismäkis meisterhafte Frühphase: „Erinnerungen an die finnische Wirklichkeit“ nannte sie der Regisseur.

 

Info

 

Das Mädchen aus der Streichholzfabrik

 

Regie: Aki Kaurismäki,

68 Min., Finnland/ Schweden 1990

mit: Kati Outinen, Elina Salo, Esko Nikkari, Vesa Vierikko

 

Weitere Informationen

 

Vorführung im Filmmuseum Düsseldorf

 

Der Film beginnt mit der Mechanik einer Streichholzfabrik. Die Produktionsstätte braucht im Grunde keine menschliche Hand mehr. Iris (Kati Outinen) steht tagtäglich in dieser Fabrikhalle und achtet darauf, dass die Päckchen mit Streichholzschachteln richtig etikettiert sind. Das macht den Eindruck von Beschäftigungstherapie par excellence.

 

Schwanger + sitzen gelassen

 

Ihren Lohn gibt sie bei Mutter und Stiefvater ab. Zuwiderhandeln zieht Schläge nach sich. Hinzu kommt, dass sie in Gesellschaft kaum wahrgenommen wird. Sie wird nicht zum Tanz aufgefordert, wenn sie ausgeht, und auch ansonsten wenig beachtet. Als sie schwanger wird und der Mann sie gnadenlos sitzen lässt, in dem sie ihre große Liebe zu finden glaubte, und zudem ihre Eltern mit ihr brechen, treibt sie das zur Rache an ihrer Umwelt. Lieblosigkeiten fordern ihren Tribut, ihre Lebenslust ist völlig erloschen. Eine abgründige Frauengeschichte endet mit der Verhaftung von Iris in der Streichholzfabrik.

Offizieller Filmtrailer


 

Lächeln als komplexes Gemüts-Bild

 

Kati Outinen spielt ihre Figur Iris ausdruckslos und wortkarg. Die Monotonie der Arbeit in der Streichholzfabrik steht ihr ins Gesicht geschrieben. Die Schauspielerin, die seit 1986 bei zehn Filmen mit dem Aki Kaurismäki zusammengearbeitet hat, berichtet von einem sehr leisen Dreh mit einer kleinen crew.

 

Ihr intuitiver und sehr zurückhaltender Auftritt bestimmt den Rhythmus des Films, der unermüdlich die Tragik der Handlung lakonisch aufzulösen versucht. In der konzentrierten mise-en-scène und dem nuancierten, kargen Schauspiel liegt gleichzeitig eine Form von Emotionalität, die es so subtil nur in Kaurismäkis Filmen gibt: Ein einziges Lächeln von Kati Outinen liefert ein komplexes Bild ihres Gemütszustands.

 

Trostlose finnische Realität

 

Die Wortlosigkeit und nicht vorhandene Kommunikation zwischen den Protagonisten definieren die Stilistik der Filmsprache. Blickt man auf Kaurismäkis Gesamtwerk in mehr als drei Jahrzehnten zurück, findet es hier bereits einen konsequenten und verdichteten Höhepunkt: eine asketische Erzählweise dokumentiert das Leben von Iris mit besonderer Simplizität.

 

Neben wenigen Dialogen prägen vor allem Schlager und rock songs die Tonspur. Formal entsteht so eine Form von Kälte, die dem Schauspiel und den arrangierten tableaux entspricht, um von der tristen Farbigkeit der Bilder konterkariert zu werden. Es ist ein trostloses Bild von der finnischen Realität, das Kaurismäki zeichnet.

 

Vielfalt in Helsinkis Hässlichkeit

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Die andere Seite der Hoffnung“ –  Immigrations-Tragikomödie von Aki Kaurismäki

 

und hier eine Besprechung des Films „Le Havre“ – Flüchtings-Drama von Aki Kaurismäki.

 

Typisch für ihn ist, solche tristesse mit Lakonie zu verbinden, die als bitterer Humor das abgründig monotone Leben von Iris in einen anderen Rahmen setzt. So werden aus den äußerlich statischen und distanzierten Figuren innerlich dynamische Protagonisten. Das Hässliche an Helsinki klärt sich als reiche Vielfalt auf. Das Schweigen der Figuren spricht für sich selbst; es deutet auf eine Sprache zwischen den Zeilen, in den Nuancen des Ausdrucks, der Gestik und Mimik. Das Schwermütige offenbart eine absurde Komik.

 

In knapp 70 Minuten Film werden Einsamkeit und Repression heraus gearbeitet, die das Verlorensein menschlicher Existenz deutlich machen. Das soziale Drama der Arbeiterklasse nimmt seinen Lauf: Iris ist eine Geschändete, die von den sozialen Umständen psychisch ruiniert wird, bis sie sich dann an ihrer Umgebung rächt. Aus Ausweglosigkeit entsteht also eine Groteske, durchsetzt von schwarzem Humor und Pessimismus, die nachhaltig wirken.

 

Ein Gastbeitrag von Thomas Ochs, Filmmuseum Düsseldorf


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