dOCUMENTA (13)

Rundgang durch Orangerie + Karlsaue

Shinro Ohtake: MON CHERI: A Self-Portrait as a Scrapped Shed. Der japanische Künstler stattet eine Hütte mit zahllosen Fund-Stücken aus; seine Installation soll ein Abbild der conditio humana im 21. Jahrhundert sein. Foto: ohe

Perspektivisch verkürzte Uhr als Wahrzeichen

 

Wenige Meter entfernt beginnt der Hirschgraben; einer der beiden schnurgeraden Kanäle, die die Karlsaue durchziehen. Am anderen Ende zieht ein perspektivisch verkürztes Uhren-Zifferblatt des Albaners Anri Sala die Blicke auf sich: Das markante Objekt ist zu einer Art Wahrzeichen der dOCUMENTA (13) geworden.

 

Westlich des Hirschgrabens wirbt Paul Ryan für «Threeing»: Mit komplexen Prozeduren sollen jeweils drei Personen Kooperation lernen. Unweit davon schlagen die Mexikaner Julieta Aranda und Anton Vidokle in ihrem Pavillon «Time/Bank» vor, eine Alternativ-Währung einzuführen, bei der Zeit-Einheiten miteinander verrechnet werden.

 

Hängematten, Glocken-Klänge + Geist-Skulptur

 

Nebenan hat Apichatpong Weerasethakul eine der wenigen Monumental-Skulpturen dieser documenta errichtet. Der Thai ist als Regisseur von Experimental-Spielfilmen bekannt, die beim Festival von Cannes mehrfach ausgezeichnet wurden. Sein überlebensgroßes und schneeweißes Phantom stellt einen Geist dar – als Teil der Installation «The importance of Telepathy»: Besucher können in Hängematten liegen, während sie Glocken-Klänge hören.

 

Am Ufer des anderen Kanals steht etwa in der Mitte der Pavillon von Attila Csörgö. Der Ungar setzt in «Squaring the circle» die sprichwörtliche Quadratur des Kreises bildlich um: Kreise, die Tropfen in einem Wasser-Becken hervorrufen, verzerren Spiegel zu Vierecken. Was sich dem Betrachter kaum erschließt – anschaulichere Umsetzungen physikalischer Phänomene zeigte Csörgö 2011 in der Hamburger Kunsthalle.

 

Galgen-Nachbau + Tsunami-Hütte

 

Unübersehbar ist dagegen «Scaffold» von Sam Durant auf der Mittel-Achse der Karlsaue. Die monumentale Holz-Konstruktion besteht aus Nachbauten von Galgen; damit will der US-Amerikaner auf das Unrecht der Todesstrafe aufmerksam machen, die in seiner Heimat praktiziert wird.

 

Eher versteckt im südlichen Teil des Parks befindet sich die Installation «MON CHERI» von Shinro Ohtake. Der Japaner hat eine Hütte mit zahllosen Fundstücken gefüllt und überbaut, so dass sie wie die bizarre Behausung eines Messies wirkt. Darüber hängen Boote in den Kronen von Bäumen – sie erinnern an das Chaos, das Erdbeben und Tsunami im März 2011 in Nordjapan anrichteten.

 

Psychoaktiver Kompost-Haufen + Hunde-Spielplatz

 

Hintergrund

Hier finden Sie alle Beiträge zur documenta bei Kunst+Film.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung der Ausstellung "Der archimedische Punkt" mit Werken von Attila Csörgö in der Hamburger Kunsthalle

 

und hier eine kultiversum-Rezension des Films "Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben" von Apichatpong Weerasethakul, Cannes-Gewinner 2010.

Kaum erkennbar ist der Beitrag des Franzosen Pierre Huyghe zur documenta: Er hat auf der Kompostierungs-Anlage der Karlsaue Samen von psychoaktiven Pflanzen ausgesät. Jede von ihnen ist für den Organismus nützlich oder schädlich – was man dem wuchernden Gestrüpp nicht ansieht. Hierher verirren sich nur wenige Besucher.

 

Eifrig frequentiert wird dagegen «Dog Run» von Brian Jungen: Der Kanadier hat am Südost-Ende des Parks einen Spielplatz für Hunde aufgebaut. Auf Geheiß von Hunde-Närrin CCB: Sie will damit Kläffern neue und aufregende Erfahrungen ermöglichen. Was hervorragend ankommt: Zwischen Boxen und Rampen tummeln sich Herrchen und Frauchen mit ihren Lieblingen.

 

Damit bietet die Karlsaue jedem etwas: von volkspädagogischem Agitprop bis zu diskreter Land Art, die in der Park-Landschaft kaum wahrnehmbar ist. Werke, die diesen Sommer überdauern werden, sind kaum darunter. Doch für einen anregenden Sonntags-Spaziergang taugen sie allemal.


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