Hildesheim

Voodoo

Pomba Gira - Geistwesen der Quimbanda-Religion (Detail). Fotoquelle: © Soul of Africa, Museum, Essen, Foto: Markus Matzel

Von Göttern im alten Ägypten bis zu Grabschändung auf Haiti: Voodoo ist eine auf drei Kontinenten verbreitete Weltreligion. Deren Varianten stellt das Roemer-Pelizaeus-Museum in einer fabelhaft verschwenderisch bestückten Ausstellung vor – so umfassend wie noch nie.

Willkommen zur Weltreise: Zum Auftakt begrüßt den Besucher eine wandgroße Weltkarte mit vielen bunten Pfeilen – vor allem über den Atlantik, aber auch innerhalb Afrikas und Lateinamerikas. Sie stellen die Wanderungsbewegungen der verschiedenen Voodoo-Religionen und ihre gegenseitige Beeinflussung dar.

 

Info

 

Voodoo

 

19.10.2019 – 27.09.2020

täglich außer montags

10 bis 18 Uhr

im Roemer- und Pelizaeus-Museum, Am Steine 1-2, Hildesheim

 

Weitere Informationen

 

Tatsächlich umspannt Voodoo den halben Erdkreis; seine Verbreitung folgt weitgehend den Routen des früheren Sklavenhandels von Westafrika in die Karibik und zum amerikanischen Festland. Auf beiden Seiten des Ozeans entwickelten sich schwarze Kulturen spiegelbildlich; man nennt dieses Phänomen „Black Atlantic“.

 

1200 Exponate auf zwei Etagen

 

Dessen religiösen Aspekt stellt die Ausstellung im Roemer-Pelizaeus-Museum in seiner ganzen Bandbreite und Vielfalt dar; laut Veranstalter umfassender als je zuvor. Mit enormem Aufwand: Auf zwei Etagen werden rund 1200 Exponate gezeigt, viele davon zum ersten Mal. Ein Großteil sind Leihgaben des „Soul of Africa“-Museums in Essen; dort präsentiert der Ethnologe Henning Christoph seine Kollektion von Artefakten, die er bei langjährigen Aufenthalten in West- und Zentralafrika gesammelt hat.

Feature zur Ausstellung. © ARD 1


 

Rumpelkammer von Kraft + Macht

 

Der Eindruck einer gewissen Überfülle passt zum Thema: Außenstehende erinnert der Anblick von Voodoo-Tempeln und -Altären leicht an Rumpelkammern. Da drängen sich Dutzende von Figuren und anderen Kultgeräten, scheinbar achtlos angehäuft. Doch die vermeintliche Unordnung ist Ausdruck von Kraft und Macht: Jedes Objekt gilt als Behälter oder Träger einer bestimmten Energie – je mehr davon vorhanden sind, umso besser.

 

Diese dicht bevölkerte Sphäre spiritueller Praktiken und ihrer Repräsentanten wird in der Schau mustergültig erläutert und veranschaulicht. Dafür holt sie sehr weit aus – bis zur Religion im alten Ägypten. Dort könnte das Volk der Yoruba entscheidende Anregungen zur Ausbildung seiner eigenen Religion empfangen haben, bevor es quer über den Kontinent ins Gebiet des südwestlichen Nigeria wanderte, wo es bis heute lebt. Jedenfalls legen strukturgleiche Mythen das nahe; materielle Belege für diese These gibt es nicht.

 

Potentiell tödliche Tanz-Kostüme

 

Die traditionelle Yoruba-Religion kennt einen obersten Gott, der für Menschen unerreichbar bleibt, und weitere Götter, Orishas genannt. Sie verkörpern unterschiedliche Aspekte; an sie richten sich die Rituale der Gläubigen ebenso wie an die Geister der Ahnen. Zu ihnen nimmt man mit Zeremonien und Orakeln Kontakt auf, um sie in die hiesige Welt herbeizurufen. Dazu dienen etwa die Tänze der Egungun-Geheimgesellschaft; fünf ihrer überaus prächtigen und reich verzierten Kostüme sind in der Schau zu sehen. Aber Vorsicht: Diese Kostüme zu berühren, gilt als gefährlich und potentiell sogar tödlich.

 

Aus der Yoruba- entstand die Vodun-Religion, die vor allem im heutigen Benin westlich von Nigeria praktiziert wird. Die Vodun-Götter entsprechen den Orishas; besonders populär ist ein Wassergeist namens Mami Wata. Sie wird als wunderschöne Nixe – halb Frau, halb Fisch – aufgefasst; möglicherweise geht diese Vorstellung auf Bildnisse von Hindu-Göttinnen oder Galionsfiguren europäischer Schiffe zurück. Mami Wata ist verführerisch und launisch. Um ihre Gunst zu gewinnen, opfert man ihr Parfüm und Kosmetika, aber auch Champagner und Zigaretten: Ihre Vorlieben ähneln denen ihrer irdischen Geschlechtsgenossinnen.

 

Fußballer-Figuren manipulieren Spiele

 

Ein meterlanger Mami-Wata-Altar aus dem „Soul of Africa“-Museum wurde in der Ausstellung installiert. Er ist aktiviert: In Essen opfert ein Kundiger einmal pro Woche an ihm. Neben kultischen Handlungen nehmen Vodun-Priester auch medizinische und juristische Aufgaben wahr. Sie können gegen Missetäter, die Wiedergutmachung verweigern, einen Schadenszauber einsetzen – allerdings nur streng geregelt, da sich der Zauber sonst gegen den Priester selbst richtet. Dafür werden Amulette (Bo) oder Kraftfiguren (Bocio) verwendet, die Glück oder Unglück bringen; es gibt sogar Fußballer-Figürchen, um Match-Ergebnisse zu manipulieren.

 

Sehr eindrucksvolle Kraftfiguren stammen aus dem Kongo; dortige Religionen weisen viele Analogien zum Yoruba-Glauben und Vodun auf, was auf intensiven Austausch in vorkolonialer Zeit hindeutet. Solche Minkisi-Figuren werden oft als Tiere oder Menschen gestaltet und stets mit Heilsubstanzen versehen. Spektakulär sehen Nagelfiguren oder Minkondi aus, die mit Nägeln geradezu gespickt sind: Sie werden eingeschlagen, damit die der Figur innewohnende Kraft austreten und auf Geister wirken kann.

 

Schwarzmagier plündern Friedhöfe

 

Als Afrikaner massenhaft als Sklaven in die Neue Welt verschleppt wurden, brachten sie ihre Religionen mit. Besonders verbreitet ist Vodou auf Haiti; es wird von rund 90 Prozent der Bevölkerung praktiziert. Beeinflusst von der Religion der indianischen Taíno und dem Christentum wurde Vodou monotheistisch: Neben dem transzendenten Schöpfergott existieren nur Geistwesen; diese Loa verkörpern einst lebende Ahnen. Sie werden im Tempel von Priestern angerufen, während sich Gläubige in Trance tanzen. Besessen von einem Loa, werden sie zu dessen Sprachrohr; so kommuniziert die Gemeinde mit dem Übersinnlichen.

 

Allerdings hat haitianisches Vodou auch negative Aspekte; kein Wunder in einem ruinierten Land, das seit 200 Jahren in einer Dauerkrise steckt. Die Geheimgesellschaft der Bizonga hat sich im Lauf der Zeit von einer Ordnungsmacht zu einer Art Mafia entwickelt, die mit Magie die Bevölkerung einschüchtert. Ihre Wächterfiguren, die lebensgroßen Puppen gleichen, modellierte sie oft mit menschlichen Schädeln und Knochen. Solche Leichenteile verwenden ebenso die Bokore-Schwarzmagier, die dafür Friedhöfe plündern. Grabschändung ist derart verbreitet, dass reiche Haitianer Leichname ausfliegen und im Ausland bestatten lassen, um die Totenruhe zu wahren.

 

Zombies als vergiftete Scheintote

 

Die Bokore sind gefürchtet: Gegen Bezahlung verhexen sie das gewünschte Opfer mit einem Fluch. Ihnen wird auch die geheimnisumwitterte Praxis der Zombifizierung zugeschrieben; darum ranken sich allerlei Spekulationen. Kurator Oliver Gauert vertritt die Auffassung, dass es sich bei Zombies um Menschen handelt, die mit genau dosiertem Gift in den Zustand des Scheintods versetzt, begraben und nach einer Weile wieder exhumiert werden: Vergiftung und Sauerstoffmangel im Grab schädigen ihre geistigen und motorischen Fähigkeiten. Mit solchen Methoden demonstrierten die Bokore ihre Macht, so Gauert: Verstümmelung als Reklame.

 

Andererseits inspiriert Vodou auch die vitale Kunstszene auf Haiti: Maler und Bildhauer bedienen sich seiner Kosmologie als Motivfundus. Die Schau zeigt eine kleine Auswahl von Gemälden, deren farbenprächtig flächige Figuration an Pendants im zeitgenössischen Afrika, aber auch an Street Art und Graffiti-Kunst etwa eines Keith Haring erinnern. Blickfang dieser Abteilung ist zweifellos eine raumfüllende Installation von Edouard Duval-Carrié: Sein „Apotheosis-Altar“ versinnbildlicht die mystische Hochzeit zweier Loas.

 

Geistwesen wie Fantasy-Figuren

 

Ausführlich werden auch andere Voodoo-Religionen in Amerika vorgestellt: von Santería und Palo auf Kuba über Lousiana Voodoo und Hoodoo in den US-Südstaaten bis zu Candomblé, Umbanda und Quibanda in Brasilien. All diesen Varianten gemeinsam ist ihr synkretistischer Charakter: Sie integrieren zahlreiche Einflüsse, vor allem aus dem Katholizismus. Lange Zeit war schwarzen Sklaven verboten, ihre eigenen Religionen zu praktizieren.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung „Vodou – Kunst und Kult aus Haiti“ – große Überblicks-Ausstellung im Übersee-Museum, Bremen

 

und hier eine Besprechung des Films „The United States of Hoodoo“ – Dokumentation über Voodoo-Praktiken in den USA von Oliver Hardt

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung „Minkisi – Skulpturen vom unteren Kongo“ mit faszinierenden traditionellen Nagel-Fetischen im Grassi Museum, Leipzig.

 

Um das zu kaschieren, übernahmen sie die europäische Ikonographie und deuteten sie um: So sehen Quimbanda-Geistwesen wie christliche Teufel aus. Wobei diese junge Spielart, die erst im 20. Jahrhundert entstand, sich bei der Gestaltung ihrer rot-schwarzen, muskulösen Idole offenbar auch von den Klischees handelsüblicher Fantasy-Spielfiguren inspirieren lässt.

 

Religionen zur Trauma-Bewältigung

 

Damit nicht genug: Kabinette mit Exkursen zum früheren Königreich Dahomey im heutigen Benin und seiner Beteiligung am Sklavenhandel, zur Terror-Kolonialherrschaft im Kongo und zur Chronik der Desaster im failed state Haiti liefern aufschlussreiches Kontextwissen. Es macht verständlich, dass Voodoo-Praktiken bis heute auch dazu dienen, mit den Traumata von Versklavung und einer schier endlosen Kette von Katastrophen zurecht zu kommen.

 

Zugleich wird deutlich, dass es sich bei Voodoo nicht um isolierte Stammeskulte handelt, sondern um eine weit verzweigte Familie miteinander verwandter Religionen. Was kaum überrascht, denn bei den christlichen Konfessionen lief es ähnlich: Aus gemeinsamen Wurzeln haben sich etwa Äthiopiens koptische Kirche, skandinavischer Protestantismus und Evangelikale in Brasilien oder Afrika noch viel weiter räumlich und geistig auseinander entwickelt. Immerhin 60 Millionen Anhänger bekennen sich zu Voodoo: eine kleine, aber auf drei Kontinenten verbreitete Weltreligion.