Halle (Saale)

BATTLE: RELOADED – Margret Eicher: Medientapisserien

Margret Eicher: Lob der Malkunst 2, 2018, Digitale Montage, Jacquard, 150 x 300 cm, Courtesy Galerie Michael Janssen, Foto: Nikolaus Steglich, Starnberg. © VG Bild-Kunst, Bonn 2022
Gobelins für die Gegenwart: Margret Eicher gestaltet Wandteppiche mit den Bilderfluten aus Massenmedien und Internet. Ihre postmodern anspielungsreichen Collagen sind im Kunstmuseum Moritzburg zu sehen – bis zu 30 Meter lange Tapisserien voller Pop-Ikonen und Pinup-Nymphen.

Lara Croft ballert herum oder räkelt sich lasziv; Julian Assange lässt die Ninja Turtles aufmarschieren; Batman, Spider-Man und Wonder Woman kämpfen mit irgendwelchen Schurken; Madonna fährt als Hermaphrodit gen Himmel: Auf den Werken von Margret Eicher ist mächtig was los.

 

Info

 

BATTLE: RELOADED
Margret Eicher: Medientapisserien

 

01.10.2022 - 08.01.2023

täglich außer mittwochs

10 bis 18 Uhr

im Kunstmuseum Moritzburg, Friedemann-Bach-Platz 5, Halle (Saale)

 

Künstlerbuch 49 €;
ausführliches Begleitheft gratis

 

Weitere Informationen zur Ausstellung

 

Gleichzeitig verströmen sie eine geradezu überzeitliche Aura. Das liegt am verwendeten Medium: metergroße, aufwändig gewirkte Tapisserien. Auch wenn solche Wandbehänge seit langem aus der Mode gekommen sind, stehen sie doch für gediegene bis hochherrschaftliche Wohnkultur, für barocke Selbstdarstellung und Lust an der Verschwendung. Im 17. und 18. Jahrhundert waren Tapisserien – vorzugsweise die aus der „Manufacture des Gobelins“ in Paris – die teuersten Kunstwerke, die sich Fürsten und schwerreiche Kaufleute anschaffen konnten.

 

In Belgien gewirkte Tapisserien

 

Diese altehrwürdigen Artefakte katapultiert Margret Eicher in die Gegenwart. Sie collagiert ihre Kompositionen aus den zeitgenössischen Bilderfluten im Internet, TV, Blockbuster-Kino und in Comics: meist frontalansichtig, symmetrisch und mit breiten Schmuckbordüren versehen wie die klassischen Vorläufer. Dann werden ihre Bilder in Belgien als Tapisserien gewirkt; vornehmlich in Schwarzweiß, manchmal farbig.

Impressionen der Ausstellung


 

Trio in Kippenbergers Paris-Bar-Gemälde

 

Auf Jacquard-Webstühlen: Die 1805 erfundenen Webmaschinen werden mit Lochkarten gesteuert, um Motive und Muster automatisch herzustellen – wohl die früheste Anwendung des digitalen Prinzips im Kunstgewerbe. Das sieht man den Erzeugnissen bei genauer Betrachtung auch an: Das Wechselspiel von Kette und Schuss ähnelt dem Pixel-Raster von Digital-Darstellungen auf Monitoren. Im Kunstmuseum Moritzburg sind nun 21 dieser großformatigen Arbeiten zu sehen, in der bislang größten Werkschau von Eichers Tapisserien. Alle entstanden in den letzten 15 Jahren und wimmeln vor aktuellen Anspielungen.

 

Manche beziehen sich auf berühmte Vorbilder in der Kunstgeschichte: „Lob der Malkunst 2“ etwa auf die gleichnamige Allegorie von Jan Vermeer. In der Mitte steht die Schauspielerin Scarlett Johansson mit Lorbeerkranz und Trompete, um einen Wettstreit-Sieger zu küren. Links von ihr sitzt Gerhard Richter als Repräsentant eines traditionellen Verständnisses von Malerei. Rechts steht Martin Kippenberger in Playboy-Pose. Das Trio befindet sich in der Berliner „Paris Bar“, genauer: im Gemälde, das Kippenberger 1992 von ihr anfertigte, nachdem er die Bildergalerie im Hintergrund ausgewählt hatte – ein Vexierbild als Konzeptkunst.

 

Nackte auf allen Vieren ersetzt Jagdhund

 

Noch eindeutiger ist der kunsthistorische Verweis bei „Nach der Jagd“. Der Bildaufbau gleicht dem Doppelporträt „Mr. and Mrs. Andrews“, das Thomas Gainsborough 1749/50 anfertigte; es gilt als ikonische Darstellung des reichen britischen Landadels. Eicher hat Mrs. Andrews durch den Rapper Snoop Dogg ersetzt, der an einem schicken Schlitten lehnt. Anstelle des Jagdhunds, der zu Mr. Andrews aufblickt, tut dies nun eine nackte Frau auf allen Vieren: Die Eliten und ihre Statussymbole wechseln, ihre Selbstgefälligkeit nicht.

 

Andere Bilder jonglieren mehr oder weniger freihändig mit Referenzen. „Das Urteil des Paris 3“ zitiert kein Gemälde, sondern mischt Rokoko-Grazien unter schräg gestylte Subkultur-Typen, gerahmt von Pop-Karyatiden in martialischen Outfits: Lady Gaga sowie abermals Madonna und Lara Croft. „Stadt der Frauen“ ist zwar nach Federico Fellinis gleichnamiger Tragikomödie von 1980 betitelt, gruppiert aber zwölf Pinup-Girls zu aufreizenden Posen. „La Grande Bouffe“ heißt zwar wie die Filmgroteske von Marco Ferreri (dt.: „Das große Fressen“, 1973), doch daran erinnert nur das Antlitz von Hauptdarsteller Michel Piccoli am unteren Rand. Ansonsten füllen maskierte Nymphen und Wildbret den Bildraum.

 

Schwule Küsse im Vatikan

 

Solches plakative Zupflastern mit Primärreizen wirkt am eindrucksvollsten, wenn sich Eicher auf zentrale Motive konzentriert. In „Assunta“ wird Popstar Madonna von Engeln ins Firmament emporgetragen; zugleich hält sie vielarmig wie eine Hindu-Göttin diverse Attribute und bedeckt ihre Scham, auf der sich ein männliches Glied abzeichnet – eine LGBTQI-Himmelfahrt. Ihre Nachfolgerin Lady Gaga lässt sich hingegen in „It’s a digital World 2“ in einem Teleporter beamen – von einem Gamer vor monströsem Kontroll-Display.

 

Weniger ironisch als vielmehr affirmativ erscheint „Göttliche Liebe“: Vor dem Hintergrund der Kardinäle, die sich ab 1962 im Petersdom zum Zweiten Vatikanischen Konzil versammelten, küsst sich rechts ein Männer-Paar, während links Christus in Leidenspose verharrt. Darunter marschiert eine Phalanx von Matrosen auf, die dem Eisenstein-Film „Panzerkreuzer Potemkin“ (1925) entsprungen sein könnten – ihren schwulen Sex-Appeal hat Rainer Werner Fassbinder in seinem letzten Film „Querelle“ von 1982 ausgeschlachtet. Da bedürfte es gar nicht der Parole „Liebe verdient Respekt“, die um die Figuren herumflattert.

 

Inspiriert durch Teppich von Bayeux

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "El Anatsui - Triumphant Scale" – faszinierend schillernde Wandteppiche aus Recycling-Material in München + Bern

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung "Die Fäden der Moderne: Matisse, Picasso, Miró ... und die französischen Gobelins" in der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung, München

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung "Link in Bio. Kunst nach den sozialen Medien" im Museum der bildenden Künste, Leipzig.

 

Dagegen verliert sich der Blick auf Wimmelbildern wie „Herrscher der Welt“ und „Die große Seeschlacht“ leicht in Details – ähnlich wie bei zwei historischen Tapisserien des 16. und 17. Jahrhunderts aus Flandern, welche die Moritzburg zum Vergleich aufbietet. Dazu tragen kleinteilige Schmuckbordüren voller Losungen, Internet-Icons oder Memento-Mori-Schädeln bei: Zwar rahmen sie die Darstellungen apart kommentierend ein, aber sie lenken auch ab.

 

Am deutlichsten wird das bei Eichers opus magnum, das Anlass und Höhepunkt dieser Ausstellung ist: „BATTLE: RELOADED“ füllt mit 30 Metern Länge und 1,20 Metern Höhe einen ganzen Raum. Das Mammutwerk ist inspiriert vom „Teppich von Bayeux“: Dieser 68 Meter lange Tuchstreifen aus dem 11. Jahrhundert schildert mit unzähligen Stickereien die Eroberung Englands durch die Normannen.

 

Gesamtwerk als Fünf-Meter-Leporello

 

Während dieser erste Comic-Strip der europäischen Kultur durch seine epische Erzählung historischer Ereignisse fasziniert, stellt Eicher ihren Bildteppich aus kaum verbundenen Einzel-Szenen zusammen. Und die wirken recht beliebig, zumal die Künstlerin etliche Gestalten und Motive aus früheren Arbeiten recycelt: Das postmoderne Verfahren von Copy & Paste wendet sie auf sich selbst an. Wer möchte, kann das Ergebnis erwerben: Eine komplette Reproduktion von „BATTLE: RELOADED“ im Maßstab 1:6 ist als Künstlerbuch erhältlich – zum Ausklappen als fünf Meter langes Leporello.