Berlin

Das Romanische Cafe im Berlin der 1920er Jahre

Filmplakat „Die oder keine“, Detail, 1932, Sammlung KulturGut
„Nacht! Tauentzien! Kokain! – Das ist Berlin!“ Und mittendrin das Romanische Café: Es war das wichtigste In-Lokal der Weimarer Republik für alle Kreative, die einen Namen hatten – oder gern gehabt hätten. Wie es zum Mythos wurde, zeigt eine charmante Studio-Ausstellung am Original-Schauplatz.

Es war DER Treffpunkt im Berlin der 1920er Jahre und wurde schon früh zum Mythos: das Romanische Café, das einst gegenüber der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlins Neuem Westen stand. Hier trafen sich Schriftsteller, Künstler und Filmemacher wie Erich Kästner, Kurt Tucholsky, Billy Wilder, George Grosz, Jeanne Mammen oder der „rasende Reporter“ Egon Erwin Kisch.

 

Info

 

Das Romanische Cafe im Berlin der 1920er Jahre

 

06.01.2024 - 31.01.2025

täglich außer dienstags 12 bis 19 Uhr

im Europa Center,
Tauentzienstraße 9–12, Berlin

 

Weitere Informationen zur Ausstellung

 

Man las Zeitung, plauderte, debattierte, kokettierte, flirtete, schrieb, zeichnete, verhandelte – und trank nebenbei Kaffee. Kein Berliner Lokal hat so viel Geschichte geschrieben. Eine Ausstellung macht es jetzt am Original-Schauplatz erlebbar; heute steht dort das Europa-Center. Darin ein Fanartikel-Shop, dort ein Modegeschäft, daneben ein Irish Pub – und mittendrin ein unscheinbares Schaufenster mit einem Wackelbild: Im richtigen Blickwinkel kann man erkennen, wie es hier früher aussah.

 

Cappuccino gibt’s gegenüber

 

Am Breitscheidplatz stand anstelle des jetzigen Einkaufszentrums das Romanische Café, in dem Lebenskünstler ein- und ausgingen. Der Eintritt ist gratis: Schon ist man drin, im liebevoll rekonstruierten Erinnerungsraum. Ein Bistro-Tisch, zwei Stühle, dahinter ein riesiges Schwarzweißfoto von der früheren Café-Terrasse: Da nehmen manche Besucher gleich Platz. Fehlt nur der Kaffee. „Drüben beim ‚Coffee-Bike‘ gibt es Cappuccino und Latte“, schmunzelt Katja Baumeister-Frenzel; sie hat die Ausstellung konzipiert.

Digitale Rekonstruktion des Romanischen Cafés; © Jan Schneider


 

Im neoromanischen Gebäudekomplex

 

Gemeinsam mit einem ganzen Team hat die Kulturwissenschaftlerin versucht, in einem leerstehenden Ladenlokal an das zu erinnern, was im Berlin der Weimarer Republik der wohl wichtigste Ort für kulturelle Begegnungen und Auseinandersetzungen war. Obwohl kein flinker Kellner nach Kaffee- und Zeitungs-Wünschen fragt, taucht man schnell in die damalige Atmosphäre ein.

 

Links von der Terrasse – damals große Bühne für das Sehen und Gesehenwerden – blättern alte Fotos, Skizzen, Zeittafeln sowie ein 3D-Modell die Baugeschichte auf. 1901 in einem Geschäftshaus zwischen Tauentzien und der Budapester Straße eröffnet, war das Café Teil eines neoromanischen Gebäudekomplexes rund um die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche.

 

Max Liebermanns Cousin war Bauherr

 

Mit seinem vom Mittelalter inspirierten Baustil war das laut Eigenwerbung „vornehmste Café Berlins“ keineswegs modern. „Auch die gediegene Innenausstattung mit Deckenmalereien war eher altbacken“, kommentiert Kurator Michael Bienert: „Insofern konnte es in einer Zeit vieler Brüche auch nicht so schnell aus der Mode kommen.“

 

Architekt war Franz Schwechten, Bauherr ein Cousin von Max Liebermann: Paul Joseph Liebermann war damals Richter am Landgericht und offenbar sehr vermögend. Zunächst betrieb die Berliner Luxushotelkette „Kaiserhof“ Konditorei und Café; 1909 übernahm der Gastronom Bruno Fiering senior. Später gab es mehrere Umbauten, bevor das Gebäude 1943 im Zweiten Weltkrieg dem Bombenhagel zum Opfer fiel.

 

Mit Bubikopf, Hängekleid + Zigarette

 

Wie das Umfeld des Romanischen Cafés aussah, beleuchtet ein weiterer Bereich der Ausstellung. Neben Zeitungsverlagen, Galerien und Künstlerateliers bevölkerten vor allem Bars, Tanzlokale, Kabaretts, Kinos und Theater wie die Komödie am Kurfürstendamm das Vergnügungsviertel im Neuen Westen. Was auch Prostitution und Drogenhandel einschloss: „Nacht! Tauentzien! Kokain! – Das ist Berlin!“, brachte es der russische Schriftsteller Andrej Bely 1924 auf den Punkt.

 

Eine Litfasssäule mit alten Film- und Werbeplakaten gibt eine Vorstellung von dem, was Nachtschwärmer hier erwarten durften und was zum damaligen Lifestyle gehörte. Das Erscheinungsbild einer selbstbewussten, modernen Frau prägten nicht nur Kurzhaarfrisuren wie der Bubikopf, sondern auch Hängekleider, die mit tiefangesetzter Taille die weiblichen Konturen überspielten. Auf einem Foto ist sogar eine Dame im Smokingkleid zu sehen. Viele der Damen haben selbstverständlich Zigaretten im Mund.

 

Brecht spielte Schach mit Lasker

 

Im Zentrum der Ausstellung steht das Kaffeehaus selbst, simuliert durch Tische, Stühle, den berühmten großen Wandspiegel und Stellwände mit Foto-Reproduktionen. Unter Glasvitrinen sind außerdem Objekte ausgebreitet, die aus dem Café nicht wegzudenken waren: Kaffeetassen, Zigaretten, Aschenbecher, Postkarten, Federhalter und Tintenfass, die man für die Gäste bereithielt. Und ein Schachspiel: Bertolt Brecht soll gerne Partien mit dem damaligen Weltmeister Emanuel Lasker gespielt haben.

 

Überhaut die Stammgäste: Um die 410 hat Roland Pohl vom Ausstellungsteam beim gründlichen Studium der Literatur gezählt. Sie verteilten sich über zwei Säle: das große, so genannte „Nichtschwimmerbecken“, und die kleinere Konditorei namens „Schwimmerbecken“; es war den Insidern vorbehalten.

 

Albert Einstein gehörte zum Inventar

 

Die großen Zeitungsverlage hatten eigene Stammtische; an einem wurde beispielsweise das Magazin „Die literarische Welt“ gegründet. Daneben gab es einen Maler-Stammtisch, den Stammtisch der „Pinsel-Professoren“, zu denen sich bisweilen Max Liebermann gesellte, oder auch einen Revoluzzer-Stammtisch. Oft frequentierten die Gäste das Lokal zu verschiedenen Tages- und Nachtzeiten.

 

Wie Else Lasker-Schüler, über die der Unterhaltungs-Schriftsteller Walter Anatole Persich schrieb: „Sie kommt dreimal am Tage, trinkt Kaffee und raucht – die weiteren dreimal schaut sie sich nur um und geht gleich wieder, wenn nicht der Herr in der Autojoppe, Bert Brecht, bereits an dem bestimmten Tisch auf sie wartet.“ Zum Inventar gehörten auch Joachim Ringelnatz, die Tänzerin Valeska Gert, Leni Riefenstahl und Albert Einstein. Er sagte dem Regisseur Gésa von Cziffa zufolge über das Café: „Hier darf ich Mensch sein und kein Gehirnakrobat.“

 

Mit Coworking-Spaces vergleichbar

 

Wie die Schau überzeugend veranschaulicht, war dieser Ort alles Mögliche: Kontaktbörse, Inspirationsquelle, ein Ort hitziger Debatten und der gepflegten Lektüre – der Zeitungskellner wusste angeblich genau, wem er welche Blätter zu bringen hatte. Wobei der Kaffee eher mäßig gewesen sein soll. Auch die Speisekarte ließ mit Bouletten, Schnitzel oder Eiern im Glas verwöhnte Gaumen eher unbefriedigt.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "Glanz und Elend in der Weimarer Republik" - facettenreicher Epochen-Überblick in der Schirn Kunsthalle, Frankfurt am Main

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung "Jeanne Mammen: Die Beobachterin - Retrospektive 1910-1975" über die Grande Dame der Neuen Sachlichkeit in der Berlinischen Galerie, Berlin

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung "Kino der Moderne: Film in der Weimarer Republik" - hervorragende Überblicks-Schau in Bonn + Berlin

 

und hier einen Bericht über die Neueröffnung des "Kleinen Grosz Museum" für George Grosz, den giftigsten Chronisten der Weimarer Republik, in einer Ex-Tankstelle, Berlin.

 

Für das Ausstellungsteam ist das Café am ehesten mit heutigen Coworking-Spaces vergleichbar – aber in der Zusammensetzung der Nutzer natürlich einmalig. Bereits in den 1930er Jahren, als Samuel Beckett oder Jean-Paul Sartre hierher kamen, hatte es an Bedeutung und Flair verloren: Viele Kreative hatten Deutschland verlassen, die SA besuchte das Lokal, und Joseph Goebbels hetzte gegen „Fäulnis rund um die Gedächtniskirche“.

 

Das Café als didaktischer Trick

 

Schon damals war es ein Mythos; warum heute eine Ausstellung darüber? „Das Café ist eine schmerzhafte Leerstelle in der Geschichte der Stadt. Und es gab das latente Bedürfnis nach einem Erinnerungsanker“, drückt es Michael Bienert aus, der mehrere Bücher über die 1920er Jahre verfasst hat.

 

„Für mich war das Romanische Café immer ein didaktischer Trick“, verrät wiederum Katja Baumeister-Frenzel, die die Initiative zur Ausstellung ergriff. Als Dozentin an der Universität Potsdam hat sie ihn benutzt, um für ihre Studenten die unterschiedlichen Aspekte wie Mode, Presse, Literatur oder Kunst jener Zeit an einem Ort festzumachen. Dafür biete sich das Romanische Café in idealer Weise an.

 

Neubelebung klappte nicht

 

Allerdings funktioniert eine Wiederbelebung des legendären Cafés nicht: Im Lauf der Jahrzehnte sind mehrere Versuche gescheitert. Doch in dieser Ausstellung kann man sich zumindest kurzzeitig der Illusion hingeben, am Tisch von illustren Persönlichkeiten wie Erich Kästner oder Mascha Kaléko zu sitzen und ihren Gesprächen zu lauschen.