Berlin

Realidad y Utopia – Argentiniens künstlerischer Weg in die Gegenwart

Juan Doffo: Kontinuierliche Bewegung; Fotografie, 2001. Foto: Akademie der Künste

Provokation statt Glasperlenspiele: Argentiniens Kunst begegnet der nationalen Dauerkrise mit dadaistischem Witz zwischen Realitätsnähe und Spiel der Möglichkeiten. Das zeigt ein hervorragender Überblick in der Akademie der Künste.

«Realität und Utopie» ist ein Null-Titel. Allumfassender Nichts sagend kann ein Motto kaum sein; höchstens noch «Oben und unten» oder «Vergangenheit und Zukunft». Doch die lahme Parole schadet der Ausstellung nicht. Im Gegenteil: Unter dem schwammigen Slogan finden allerlei ausgezeichnete Arbeiten Platz, die ein präziserer Name wohl ausgeschlossen hätte.

 

Info

 

Realidad y Utopia – Argentiniens künstlerischer Weg in die Gegenwart

 

02.10.2010 – 14.11.2010
täglich außer montags
11 bis 20 Uhr

in der Akademie der Künste, Pariser Platz 4, Berlin

 

Weitere Informationen

 

Zwar mutet das Vorhaben, die Kunst einer einzelnen Nation vorzustellen, im 21. Jahrhundert anachronistisch an. Doch Argentiniens Kultur ist in Deutschland – abgesehen von Klischees wie Tango, Gauchos und Pampa – wenig präsent. An Literaten werden nur Borges und Cortázar gelesen; der Auftritt auf der Frankfurter Buchmesse dürfte daran wenig ändern. Umso überraschender sind die von der Akademie der Künste präsentierten Entdeckungen.

 

Ihre vage thematische und chronologische Gruppierung folgt einer Logik vom Groß- zum Kleinformat und von der postmodernen Multimedia-Installation zum traditionellen Tafelbild. Man kann die Anordnung jedoch getrost ignorieren. Die meisten Werke sind in sich so überzeugend, dass sie der Unterstützung im Kontext der Hängung nicht bedürfen.


Impressionen der Ausstellung


 

Würfelwelt zeigt Bodenpreise

 

Schon der Auftakt ist ein Paukenschlag: Graciela Saccos «Würfelwelt» dominiert den Raum. Der aufblasbare Gummi-Kubus zeigt die Preise für einen Quadratmeter Boden in diversen Hauptstädten an: Von 1000 Dollar in Hanoi bis 10.000 in London. Nebenan erzeugt Mariano Sardóns Installation «Sandbuch» einen fantastischen Effekt: Bei jeder Bewegung des Betrachters erscheinen und vergehen Texte – wie in Borges´ unendlicher Bibliothek.

 

Realitätsnahe Bodenhaftung und Spiel mit unzähligen Möglichkeiten sind die Pole, zwischen denen sich viele Exponate bewegen. Etwa die «Vergoldeten Rahmen» von Leandro Ehrlich, die sich gegenseitig endlos spiegeln – aber ohne Spiegel. Oder die Polit-Kunst von León Ferrari, die plakativ gegen Staat und Kirche polemisiert – aber stets mit originellen Bildideen.

 

Gekreuzigter auf Kampfjet

 

Für die Skulptur «Hingabe» beklebt Ferrari einen Frauentorso mit Heiligen-Bildchen; bei «Westliche und christliche Zivilisation» montiert er den Gekreuzigten auf einen Kampfjet. Oder Marta Minujin, die 1985 auf einem Foto-Triptychon Auslandsschulden «bezahlte», indem sie Andy Warhol bündelweise Mais-Kolben überreichte. Argentiniens ökonomischer Dauerkrise begegnet sie mit dadaistischem Witz.

 

Protest gegen Missstände und Lust an der Provokation findet sich noch bei jüngsten Arbeiten. Wie auf Leonel Lunas «Die Eroberung der Wüste» von 2002: Seine Reiterarmee persifliert «Die militärische Besetzung des Rio Negro». Juan Manuel Blanes´ Ölschinken von 1898 ist eine Ikone der argentinischen Nation und auf jedem 100-Peso-Schein abgebildet. Bei Luna sitzen nicht weiße Offiziere im Sattel, sondern ihre Opfer: Indios, Mestizen, Proletarier.

 

Werke von erhabener Kargheit

 

Derlei macht deutlich, dass in Argentinien Folgen von Diktatur und Gewalt, Elend und schreiende soziale Ungerechtigkeit nicht der Vergangenheit angehören, sondern sehr präsent sind. Kunst behandelt eher reale Probleme, als selbstreferentielle Glasperlenspiele zu treiben. Wenn sie darüber hinaus einen genuin argentinischen Topos kennt, dann gewiss die Weite.

 

In einem ganz physischen Sinne: Die ungeheure Ausdehnung des Landes und seine Leere spiegeln immer wieder Werke von erhabener Kargheit. Ob die «Reise bis zum Horizont» von Matilde Marin, ein schwarzweißer Foto-Fries im Stil von Hiroshi Sugimoto. Oder das transzendent leuchtende Diorama «Magdalena» von Esteban Pastorino. Oder die Video-Simulation «Landschaft zu definieren: Migranten» von Silva Rivas: Sie lässt Blütenblätter über dem Meer schweben, die sich über den Wellen verlieren wie fremde Einwanderer.

 

Emanzipation von Vorbildern

 

Als Immigranten-Staat laboriert Argentinien seit jeher an der Frage nationaler Identität. Das zeigt der hinterste Raum – ein mit Verweis auf Aby Warburg zusammengestelltes Bilder-Kabinett, das einen Schnelldurchlauf durch die argentinische Kunst im 20. Jahrhundert bietet. Die meisten Arbeiten hätten auch in Paris, London oder Berlin entstehen können – wenn sie es nicht sind: Viele argentinische Künstler hielten sich jahrelang in Europa auf.

 

So wird im Blick auf diese Vorläufer sichtbar, was den zeitgenössischen Künstlern gelungen ist: Sie haben sich von den übermächtigen Vorbildern ihrer Herkunft emanzipiert und ihre eigenen Bildsprachen ausgebildet, ohne den Kontakt zur Kunstbetriebs-Internationale der Gegenwart zu verlieren. Ein ansehnlicher Erfolg im 200. Jahr der nationalen Unabhängigkeit.


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