Frankfurt am Main

Francesco Clemente: Palimpsest

Francesco Clemente: Self Portrait in an Imperial Age, 2005; Foto: Courtesy Francesco Clemente

Alles so schön bunt hier: Die Schirn zeigt die erste deutsche Retrospektive des Transavanguardia-Stars seit 25 Jahren. Sein esoterisch angehauchter Surrealismus nähert sich UNICEF-Postkarten an.

Als Anfang der 1980er Jahre in Westdeutschland die «Neuen Wilden» figurative Ölbilder wieder salonfähig machten, formierte sich in Italien die «Transavanguardia». Sandro Chia, Enzo Cucchi oder Mimmo Paladino griffen tief in den Kostümfundus der Kunstgeschichte: Sie malten farbenfrohe mythologische Gestalten und klassische Fragmente.

 

Info

Francesco Clemente: Palimpsest

 

08.06.2011 – 04.09.2011

täglich außer montags 10 – 19 Uhr, mittwochs und donnerstags bis 22 Uhr in der Schirn Kunsthalle, Römerberg, Frankfurt am Main

 

Katalog 24,80 €, im Buchhandel 29 €

 

Weitere Informationen

Am buntesten trieb es Francesco Clemente. Er hatte in den 1970er Jahren lange in Indien gelebt; von dort brachte er einen Blütenstrauß östlicher Weisheiten und Motive mit. 1980 ging er nach New York und arbeitete dort mit Szene-Stars wie Allen Ginsberg, Andy Warhol und Jean-Michel Basquiat zusammen.

 

Der Erfolg ließ nicht auf sich warten. Clemente war auf der documenta und drei Mal auf der Biennale vertreten; er hatte große Einzelausstellungen in Berlin, Paris und New York. Nach der Jahrtausendwende wurde es ruhiger um ihn. Nun widmet ihm die Schirn Kunsthalle eine umfangreiche Werkschau – die erste in Deutschland seit einem Vierteljahrhundert.

 

Impressionen der Ausstellung

 



 

Die Ausstellung gliedert sich in drei Abteilungen. Der erste Teil umfasst 24 großformatige Gemälde von 1978 bis 2011. Gemeinsam sind ihnen verrätselte Bildtitel und willkürlich erscheinende Verwendung gegenständlicher Motive. Auch Clementes Malweise ist sehr wechselhaft: mal akkurat illusionistisch, mal flüchtig-skizzenhaft. Eine Art naiver Surrealismus.

 

Bildarchiv für Doktoranden

 

Für den zweiten Teil hat der Künstler eine monumentale Foto-Tapete angefertigt. Die Collage versammelt zahllose Aufnahmen aus seinem persönlichen Umfeld. Dieses Bildarchiv werden Kunsthistoriker, die über Clemente promovieren wollen, zu schätzen wissen.

 

Im dritten Teil wird ein opus magnum von 2009 gezeigt. «A History of the Heart in Three Rainbows» besteht aus drei Aquarellen, von denen jedes fast zwei Meter hoch und 18 Meter breit ist. Wie bei asiatischen Rollbildern geht ein Motiv in das nächste über. Um je ein oder zwei feuerrote Herzen tummeln sich Silhouetten in diversen Posen, dazu allerlei Getier und Symbole en masse: ein monströses Bestiarium in allen Regenbogenfarben.

 

Freier Eintritt für benutzte Tickets

 

Der Kitsch-Vorwurf träfe Clemente nicht – in seinem Denken spielt das keine Rolle. Er will laut Katalog «auf kompetente Art an einer Erneuerung des Bewusstseins teilhaben», denn «jeder von uns ist eine vollständige Parabel, die für das gesamte Universum steht». Wer in kosmischen Zusammenhängen denkt, den kümmert Kunstkritik wenig.

 

Da bleibt dem Betrachter nur der Augenschein. Die stets im Vagen wabernde Harmoniesucht dieser bonbonbunten Wasserfarben-Poster erinnert an die mundgemalten Glückwunschkarten, die UNICEF zur Weihnachtszeit vertreibt. Zumal sie – trotz technischer Raffinesse der Herstellung – ungelenk und unfertig wirken. Dennoch ist ihnen Zulauf sicher: Die Schirn gewährt jedem freien Eintritt, der ein bereits benutztes Ticket mitbringt – vermutlich als Tribut an den großen Menschenfreund Clemente.


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