Berlin

Afrikanische Bronzen

Gedenk-Köpfe der Benin-Kultur, Süd-Nigeria, Bronze, 17. bis 19. Jahrhundert. Solche Köpfe zeigen stets Herrscher oder hohe Würdenträger. Foto: ohe

Nationales Familiensilber aus Nigeria und Mali: Die auf Kunst aus Afrika spezialisierte Galerie Peter Herrmann zeigt höfische Metallguss-Arbeiten aus der Sammlung Paul Garn. Manche Stücke sind weltweit einzigartig.

Die Mär vom dunklen Kontinent: Lange glaubte man in Europa, die Völker Schwarzafrikas hätten weder dauerhafte Staaten noch Kunst hervorgebracht. Doch bereits im Mittelalter entstanden dort mächtige Reiche, die hochwertiges Kunsthandwerk förderten – meist im Auftrag der Königshöfe zum Zweck der Repräsentation. Während Holz-Skulpturen die Zeitläufe oft nicht überdauert haben, sind viele erstklassige Metallguss-Arbeiten erhalten geblieben. Ab etwa 1900 wurden sie von europäischen Völkerkunde-Museen gesammelt.

 

Info

Afrikanische Bronzen -
Sammlung Paul Garn

 

20.11.2011 – 11.02.2012
dienstags bis freitags 14 bis 19 Uhr, samstags 11 – 16 Uhr in der Galerie Peter Herrmann, Potsdamer Straße 98A, Berlin.

 

Katalogheft 3 €

 

Weitere Informationen

Einer der wenigen auf klassische afrikanische Kunst spezialisierten Galeristen in Deutschland ist Peter Herrmann. Zehn Jahre lang lebte der Innenarchitekt in Nordwest- und Zentralafrika, wo er Kulturen der Region erforschte. 1989 eröffnete er in Stuttgart seine Galerie, die er 2001 nach Berlin verlegte. Nach zwei Ortswechseln hat er nun Räume in der Potsdamer Straße bezogen: Das zweigeschossige Hof-Gebäude bietet ein perfektes Ambiente.

 

Kollektion eines Weinhändlers

 

Derzeit präsentiert Herrmann Bronzen der Dogon- und Benin-Kulturen aus der Sammlung Paul Garn. Dieser wohlhabende Weinhändler zog in den 1920er Jahren von Breslau nach Dresden um und baute dort eine Kollektion antiker Bronzen aus Afrika auf. Nach seinem Tod wurde die Sammlung durch zweitrangige Ankäufe verwässert und vor wenigen Jahren aufgelöst.


Interview mit Galerist Peter Herrmann + Impressionen der Ausstellung


 

Briten erbeuten 2000 Bronzen

 

Nun stellt Herrmann die 26 besten Stücke aus. Er kann sie mit dem Thermoluminiszenz-Verfahren recht genau datieren: Gebrannter Ton gibt bei Erhitzung Wärme- und Lichtstrahlung ab. Ihre Analyse erlaubt Rückschlüsse auf Zusammensetzung und Alter der Substanz. Da afrikanische Bronzen im Verfahren der verlorenen Form gegossen werden, enthalten sie oft einen tönernen Gusskern und zuweilen Tonreste an der Oberfläche. Dann ist eine Datierung ohne weitere Quellen möglich.

 

Bei etlichen Bronzen ist die Herkunft bekannt: Etwa den 2000 Objekten im Königspalast, die britische Truppen 1897 bei der Eroberung des Benin-Reiches im heutigen Süd-Nigeria erbeuteten. Sie wurden auf Auktionen in London versteigert: 600 davon erwarb Felix von Luschan für das Berliner Völkerkunde-Museum – sein Bestand an Benin-Kunst zählt bis heute zu den bedeutendsten weltweit.

 

Ausverkauf in Krise der 1990er Jahre

 

Ebenbürtige Stücke, die keine Raubkunst sind, zeigt Herrmann. «Insgesamt sind etwa 10.000 Bronzen aus Benin bekannt. Viele davon wurden aus Nigeria während der Krise in den 1990er Jahren regulär exportiert», betont der Galerist: «Nach der Stabilisierung der heimischen Wirtschaft bemüht sich der Staat, dieses nationale ‚Familiensilber’ zu repatriieren: Afrika kann seine Geschichte nur durch historische Kunstwerke erschließen, weil seine Kulturen schriftlos waren.»

 

Hintergrund

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung “Dogon – Weltkulturerbe aus Afrika” in der Bundeskunsthalle, Bonn

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung “Afrikanische Stelen im Kontext zeitgenössischer Kunst” in der Galerie Hirschmann, Berlin

 

und hier ine Besprechung der Ausstellung “Königsstadt Naga” in Berlin über Relikte der antiken ägyptisch-schwarzafrikanischen Mischkultur des Reiches von Meroë im heutigen Sudan

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung “Momente des Selbst: Porträt-Fotografie und soziale Identität” mit afrikanischer Fotografie in The Walther Collection, Neu-Ulm.

Angesichts ihrer Bedeutung ist das Preisniveau für Benin-Bronzen vergleichsweise niedrig. Massive Gedenk-Köpfe von Herrschern oder hohen Würdenträgern aus dem 19. Jahrhundert mit charakteristischer Halskrause aus stilisierten Korallen-Ketten kosten niedrige fünfstellige Beträge. Wie eine einzigartige Bronze-Maske aus dem Grenzgebiet von Ost-Nigeria und Kamerun aus dem 18. Jahrhundert: Sie kombiniert ein behelmtes Antlitz mit einer Vogel-Figur – Vergleichbares ist nicht bekannt.

 

König gibt Vögel zur Jagd frei

 

Stücke aus dem 17. Jahrhundert sind kaum teurer – etwa zwei hervorragend erhaltene Relief-Platten von 1620 bis 1650 mit lebendigen halbplastischen Szenen. Eine davon zeigt einen Vogel-Jäger und verweist damit auf eine Legende: Ein König hatte die Vogeldeuter befragt, ob er einen Krieg wagen sollte. Diese verneinten; der König zog dennoch in den Krieg und gewann. Danach gab er die betroffene Vogel-Art zur Jagd frei.

 

Noch günstiger sind Kleinbronzen der Dogon in Mali; ihre Kunst wird zurzeit in der Bundeskunsthalle Bonn ausführlich vorgestellt. Um 1800 entstandene Reiter-Figuren werden auf vierstellige Beträge taxiert. Ebenso die Miniatur einer reich verzierten Getreidespeicher-Tür – bei dieser um 1730 entstandenen Bronze handelt es sich ebenfalls um eine singuläre Arbeit, deren rituelle Bedeutung unbekannt ist. Solche Arbeiten können im Wert nur steigen: Wenn mehr Afrikaner zu Geld kommen und ihr historisches Kulturerbe zurückkaufen wollen.


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