Berlin

Edward Burtynsky – Oil

Edward Burtynsky, Shipbreaking #14, Chittagong, Bangladesh, 2000. Foto: Altana Kulturstiftung

Ameisen beim Abwracken und Fisch-Schwärme aus Altreifen: Burtynsky dokumentiert den Kreislauf der Erdöl-Industrie. Seine betörend schönen Aufnahmen in der Galerie C/O Berlin verbergen nicht, wie unwirtlich diese Mondlandschaften sind.

Die Welt des Edward Burtynsky ist wunderschön. Es ist eine menschenleere Welt der Ölförder-Anlagen, Bohrtürme, Pipelines, Raffinerien, Autobahnkreuze, Parkplätze, Schrotthalden, Abwrack-Werften für Supertanker und Ölteppiche im Ozean. Diese Knotenpunkte der petrochemischen Zivilisation fotografiert der Kanadier als betörend reizvolle Landschaften.

 

Info

Edward Burtynsky – Oil

 

27.07.2012 – 09.09.2012
täglich 11 bis 20 Uhr in der Galerie C/O Berlin, Oranienburger Str 35/36, Berlin

 

Bildband 98 €

 

Weitere Informationen

Jeder kennt Bilder solcher Orte. Doch kein Fotograf zuvor hat den Kreislauf der Erdöl-Wirtschaft lückenlos mit der Kamera dokumentiert. Aus Scheu, die schmutzige Basis der modernen Weltordnung bloßzulegen? Trotz allen Geredes über immaterielle Dienstleistungen und postmaterielle Kultur: An der Öl-Industrie hängt, zu ihr drängt immer noch alles.

 

Bevölkerung wächst mit Öl-Verbrauch

 

Im gleichnamigen Bildband heißt es, dass die Welt-Bevölkerung zu dem Zeitpunkt exponentiell zu wachsen beginnt, ab dem Erdöl als fossiler Brennstoff genutzt wird. Das bedeutet, auch wenn noch andere Faktoren hineinspielen: Alle Lebenden sind Kinder des Öls. Unter den weltweit 20 größten Unternehmen sind mehr als die Hälfte Öl- und Automobil-Konzerne. Alle wissen das, aber niemand sieht es. Burtynsky zeigt, wie die Petro-Ökonomie der Erde ihren Stempel aufdrückt.


Impressionen der Ausstellung zum 4. Fotofestival im Wilhelm-Hack-Museum Ludwigshafen mit Werken von Burtynsky ab 02:37


 

Von Aserbaidschan zur «motor culture»

 

Windschiefe Fördertürme bei Baku in Aserbaidschan, auf den ältesten Ölfeldern der Welt. Altmodische Schwengelpumpen in Kalifornien und Abraumhalden in Kanada, wo Ölschiefer im Tagebau weggebaggert wird. Chromblitzende Pipelines, die Schneisen durch endlose Wälder schlagen. Rauchende Raffinerien: ein einziges Röhren-Gewirr.

 

Als Ziel aller Bemühungen die von Burtynsky so genannte «motor culture»: Parkplätze mit Neuwagen bis zum Horizont. Vielspurige «highway intersections», die das Land wie Riesenspinnen zu würgen scheinen. Der dazu passende Städtebau: Suburbia-Siedlungen, die Krebsgeschwüren gleich in die Gegend wuchern. Jedem Bürger sein Eigenheim – so uniform wie eine Bienenwabe.

 

Demiurgische Perspektive im Helikopter

 

Schließlich das lakonisch betitelte «The end of oil»: Stahlschrott, so weit das Auge reicht. Berge von gepressten Karosserien, Ölfässern und –filtern. Halden von Altreifen, die in der Nahsicht wie Fisch-Schwärme wirken: Alle glänzen, jeder ist auf seine Weise kaputt. Am eindrucksvollsten sind die Schiffs-Friedhöfe in Bangladesh, auf denen ganze Supertanker von barfuss laufenden Arbeitern mit Schweißgeräten zerlegt werden: Ameisen beim Abwracken.

 

Burtynsky fotografiert solche Szenen meist aus dem Hubschrauber, seinem «verlängerten Stativ». Seine Perspektive ist gleichsam demiurgisch: höher als die jeder Menschenseele, aber niedriger als die eines Piloten oder Satelliten. Er erfasst alles mit einem Blick, wobei jede Einzelheit erkennbar bleibt.

 

Verführerisch glänzende Mond-Landschaften

 

Und er wählt Momente, in denen die Morgen- oder Abendsonne Sanddünen, rostige Stahlträger und Autowracks mit goldenem Schimmer überzieht. So schafft er Mond-Landschaften von verführerischem Glanz. Wie jedes erhabene Panorama lösen sie Schrecken und Faszination aus: Sie sind völlig unwirtlich, aber von makelloser Ästhetik.

 

Hintergrund

Lesen Sie hier einen Beitrag über das 4. FotofestivalThe eye is a lonely hunter: Images of humankind” in Mannheim, Ludwigshafen + Heidelberg mit Werken von Edward Burtynsky

 

und hier eine Rezension der Foto-Ausstellung “The Ruins of Detroit” von Yves Marchand + Romain Meffre im Kühlhaus Berlin

 

und hier eine Besprechung der Foto-Ausstellung “Nadav Kander: Yangtze – The Long River & Robert Polidori: Pripyat and Chernobyl” mit Bildern von Umwelt-Katastrophen in China + der Ukraine in der Galerie Camerawork, Berlin

Am deutlichsten wird das bei seinen neuesten Aufnahmen im Golf von Mexiko nach der Bohrinsel-Explosion von 2011. Die im Wasser treibenden Öl-Lachen schillern in allen Farben wie Gemälde des abstrakten Expressionismus. Ein schöneres Naturschauspiel ist kaum denkbar; und ein umweltschädlicheres auch nicht.

 

Freigelegter Urgrund unserer Lebensform

 

Der Bildband, der sämtliche Fotografien zum Thema enthält, führt alle Aspekte des Zyklus anschaulich vor Augen. Doch erst als Großformate in der Galerie entfalten die Bilder ihre überwältigende Wirkung. Unfassbar, wie eine einzige Luftaufnahme von Los Angeles oder Las Vegas das ganze Korsett von Schnellstraßen darstellen kann, die diese Großstädte strangulieren. Oder wie der Ölschiefer-Tagebau in Kanada ganze Landstriche ruiniert.

 

Obwohl Burtynsky einen deutschen Verlag hat, ist diese Schau nach der Premiere in der «Altana Kulturstiftung» in Bad Homburg v.d.H. erst seine zweite Einzelausstellung hier zu Lande. Das erstaunt umso mehr, da Landsleute wie Andreas Gursky oder Thomas Struth mit Mammut-Panoramen der Gegenwarts-Gesellschaft Triumphe feiern. Doch sie beschränken sich kühl-distanziert auf den glitzernden Schein der Oberflächen. Ihr kanadischer Kollege gräbt tiefer: Er legt den dunklen Urgrund unserer Lebensform erbarmungslos frei.


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