Berlin, Nürnberg, Luzern, Wien

100 beste Plakate 13: Deutschland, Österreich, Schweiz

Plakat: Das Matterhorn ist schön - Alpabzug (Detail); Gestalter: Erich Brechbühl, Schweiz; Auftraggeber: Theater Aeternam, Luzern. Fotoquelle: 100 beste Plakate e.V.

Offener Wettbewerb, kollektive Entscheidung, keine Preise: Das Verfahren, um jährlich „100 beste Plakate“ zu küren, klingt sympathisch. De facto dominieren bestimmte Regionen und Personen. Das zeigt der Auftakt der Wanderausstellung im Kulturforum.

„Das Plakat ist die Botschaft“, verkündet die Wanderausstellung „100 beste Plakate“, die ihre alljährliche Tour durch die deutschsprachigen Länder in Berlin startet: Der Slogan variiert ein Zitat des Medientheoretikers Marshall McLuhan von 1967. Ein Jahr zuvor waren in der DDR erstmals „beste“ Plakate aus der grafischen Jahresproduktion gekürt worden

 

Info

 

100 beste Plakate 13:
Deutschland, Österreich, Schweiz

 

20.06.2014 – 13.07.2014

täglich außer montags 10 bis 18 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr, am Wochenende ab 11 Uhr im Foyer des Kulturforums, Matthäikirchplatz, Berlin

 

Jahrbuch 34,80 €

 

Weitere Informationen

 

24.07.2014 – 07.09.2014
täglich außer montags 10 bis 18 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr im Neuen Museum, Luitpoldstraße 5, Nürnberg

 

Weitere Informationen

 

Weitere Stationen:

27.09.2014 – 05.10.2014
im Rathaus Luzern

 

13.10.2014 – 07.11.2014
in Dornbirn, Österreich

 

22.10.2014  – 25.01.2015
täglich außer montags 10 bis 18 Uhr, dienstags bis 22 Uhr im MAK – Museum für angewandte Kunst, Stubenring 5, Wien

 

1980 wurden es dann „Die 100 besten Plakate“. Damals war die Botschaft noch eindeutig: Das sind die Besten. Inzwischen ist der bestimmte Artikel verloren gegangen, und mit ihm manche Gewissheit. Präsentiert werden nicht 100, sondern 134 Plakate, da im offenen Wettbewerb auch Serien von bis zu fünf Plakaten eingereicht und prämiert werden können.

 

Früher an Ballons in der Luft schwebend

 

Die Exponate wurden laminiert, was Puristen missfällt. Sie sind im Foyer des Kulturforums an leichten Hänge-Gestellen befestigt, die aussehen, als könne man sie in einer halben Stunde abräumen. Das erleichtert den Ortswechsel: Die Schau wird im Herbst in vier weiteren Städten zu sehen sein. Origineller wirkte sicher die Inszenierung eines früheren Jahrgangs: Da schwebten die Plakate an Helium-Ballons in der Luft.

 

Das größte Poster der Ausstellung ist zugleich fast die einzige kommerzielle Reklame: Kronkorken einer Cola-Marke zwinkern mit den Worten „Müde?“ und „Wach!“ den Betrachter an. Die meisten anderen Plakate haben das Standardformat DIN A 0. Ihre Anordnung folgt keinem erkennbaren Prinzip; ebenso wenig wird deutlich, aus welchen Gründen die vorgeführten Plakate die „besten“ sein sollen – besser als was?

 

Von Belanglosem zu Grenzerfahrungen

 

Oft stammen sie aus Kunsthochschulen; viele sind Ankündigungen von Theatervorstellungen, Ausstellungen, Museen und Konzerten. Einige haben politische Inhalte – insgesamt eher wenig Fotografie und Zeichnung, viel Typographisches und viel Leere. Zwischen etlichem Belanglosen und manchen plakativen Grenzerfahrungen begeistern ein paar positive Ausnahmen.


Interview mit Sprecher Hermann Büchner + Impressionen der Ausstellung


 

Als Brüste gezeichnete Handschellen

 

Niklaus Troxlers „Steuerflucht in die Schweiz“ überzeugt mit simpler Weglassung: Beim Wort „Steuerflucht“ in weißer Schrift auf rotem Grund fehlen die Buchstaben „ch“. Ganz traditionell und wunderschön erzählt „The Essence“ aus der Wiener Universität für angewandte Kunst vom Menschen und seiner Vorstellung der Seele – auf einem Plakat!

 

Saori Shiroshita verbindet japanisch sparsame Linienführung mit sinnlichen Gliedern und Mündern, die an Rabelais erinnern. Die Parole „Free Pussy Riot“ zur Unterstützung der russischen Frauen-Gruppe ergänzt Lex Drewinski mit als Brüsten gezeichneten Handschellen – eine sexistische Nullaussage, aber immerhin ein Hingucker.

 

Mini-Müllhalde aus Papier ausgeschnitten

 

Höheres grafisches Niveau bietet Andrea Weber: Sie kündigt eine Lesung von Texten des underground-Dichters Charles Bukowski mit einer Mini-Müllhalde aus leeren Dosen, Kippen und Fischgräten an. Mittig eine Lache, vielleicht von verschüttetem Whisky, umschwirrt von Fliegen – alles ausgeschnitten aus Papier.

 

Zwischen all diesen Grafikdesign-Klassenarbeiten fehlen visuelle Attacken. Sollte ein Plakat nicht auch etwas Irritierendes transportieren: einen kleinen Schreck, eine verblüffende Frage oder Definition, einen schrägen Scherz, eine skurrile Geschichte, einen slap in your face? Irgendetwas, das Aufmerksamkeit erregt? Das sucht man hier meist vergeblich.

 

Keine Show mit Edelmetall-Medaillen

 

Am Wettbewerb, zu dem in diesem Jahr 1700 Entwürfe eingereicht wurden, darf jeder gegen eine geringe Gebühr teilnehmen. Das unterscheidet ihn von ähnlichen Veranstaltungen der Grafiker-Szene. Etwa dem Art Director’s Club, dem die großen Werbeagenturen angehören: Jährlich inszeniert er mit viel Glamour eine Oscar-reife Show und vergibt Gold-, Silber- und Bronze-Medaillen.

 

Die „100 besten Plakate“ wählt dagegen jedes Jahr eine unabhängige Jury von fünf Grafikdesignern, Dozenten und Kuratoren aus. Sie entscheiden nach eigenen Kriterien, müssen sich aber einigen. Man kürt keine Sieger, sondern stellt zusammen, was besonders beeindruckt: ein sympathisches Konzept. Es spricht aber nur bestimmte Gestalter-Zirkel an.

 

Schweiz + inner circle stark vertreten

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung „Der Titel wird im Bild fortgesetzt“ mit Filmplakaten von Hans Hillmann im Folkwang Museum, Essen

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung „Gemalter Film“ über Filmplakate von Renato Casaro im Museum Folkwang, Essen

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung “Deadly And Brutal” mit handgemalten Filmplakaten aus Ghana in der Pinakothek der Moderne, München.

 

Viele Besucher vermissten Großplakate aus der Außenwerbung, berichtet Hermann Büchner, Sprecher des Vereins. Er räumt ein, dass Grafikdesign aus Hochschulen stark vertreten ist und  kommerzielle Arbeiten weitgehend fehlen: „Agenturen reichen Produktwerbung sehr zurückhaltend ein.“

 

Was am Werdegang des Wettbewerbs liegen dürfte: Nach dem Ende der DDR hat er sich aufs gesamte Bundesgebiet ausgedehnt. 2001 wurde ein eingetragener Verein gegründet, der ihn auf den gesamten deutschen Sprachraum ausweitete. Seither sind Beiträge aus der Schweiz überproportional stark vertreten – und nicht nur sie, sondern auch der inner circle.

 

Gegenseitige Selbst-Auszeichnung

 

Die Jury findet offenbar nichts dabei, Entwürfe von Mitgliedern des neuen oder bisherigen Vereinsvorstands zu prämieren: insgesamt acht der „100 besten Plakate“.  Auch fällt auf, dass andere Einreicher häufig mehrfach prämiert werden – als hätten sie ein Abonnement.

 

Der Eindruck drängt sich auf, dass hier gewisse Kreise von Grafikdesignern an deutschsprachigen Hochschulen sich und ihre Studienprojekte gegenseitig auszeichnen. Das beantwortet die Frage nach den Auswahlkritierien des Wettbewerbs: Es sind die „100 besten Plakate“ derjenigen, die dazugehören. Was den ehrgeizigen Anspruch, „Gradmesser internationalen Plakat-Designs im Zentrum Europas“ zu sein, nur sehr eingeschränkt erfüllt.


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