Köln

zeigen verhüllen verbergen – Schrein. Eine Ausstellung zur Ästhetik des Unsichtbaren

Gebäude des Kolumba Museums, Entwurf: Peter Zumthor, eröffnet 2007. Foto: Lothar Schnepf, © KOLUMBA, Köln

Deutschlands reichstes Bistum leistet sich ein preisgekröntes Museum: Das Kolumba von Avantgarde-Architekt Zumthor fasst Kunstwerke wie ein Schrein ein. Die gleichnamige Ausstellung zeigt neben Kostbarkeiten auch Design-Trödel – bis zur Beliebigkeit.

Selten sagt ein Ausstellungs-Titel so klar, um was es geht: Schreine und ähnliche Behälter umschließen zwar ihren Inhalt, lenken aber durch Prachtentfaltung die Aufmerksamkeit auf sich und damit auf das Verborgene. Den Blicken entzogen, wird das Verhüllte umso reizvoller. Das ist die Dialektik einer Ästhetik des Unsichtbaren.

 

Info

 

zeigen verhüllen verbergen – Schrein. Eine Ausstellung zur Ästhetik des Unsichtbaren

 

15.09.2013 – 25.08.2014

täglich außer dienstags

12 bis 17 Uhr im Kolumba, Kunstmuseum des Erzbistums Köln, Kolumbastraße 4, Köln

 

Weitere Informationen

 

Selten passt eine Ausstellung auch so ideal zum Ort: Das 2007 eröffnete Kolumba, zum deutschen „Museum des Jahres“ 2013 gekürt, ist selbst eine Art Schrein – vom Avantgarde-Architekten Peter Zumthor mit Bedacht so konstruiert. Der größte Saal überwölbt frei gelegte Gemäuer aus Kölns fast 2000-jähriger Geschichte: Fundamente von Vorgänger-Kirchen und römischen Wohnhäusern aus der Spätantike.

 

Bedeutung liegt im Betrachter-Blick

 

Auf einem Steg kann man quer hindurch laufen und tief in die Vergangenheit hinabschauen – wenn man um das Alter der unscheinbaren Steinreihen weiß. Das verbindet diesen Saal mit Reliquien-Schreinen: Ihre Bedeutung liegt im Blick des Betrachters. Den kümmerlichen materiellen Resten verleiht allein die Übereinkunft der Bewunderer ihren Wert.


Impressionen der Ausstellung


 

Sarazenische Trutzburg ohne Kunstlicht

 

St. Kolumba war eine der bedeutendsten Pfarrgemeinden im mittelalterlichen Köln; die Kirche wurde 1943 durch Bomben völlig zerstört. Nur eine Madonnen-Statue blieb erhalten, um die eine achteckige Kapelle entstand – noch ein Schrein. Das übrige Ruinen-Gelände lag brach, bis auf dem früheren Kirchen-Grundriss der Museumbau errichtet wurde.

 

Das Haus wirkt von außen abweisend wie eine sarazenische Trutzburg, bietet aber innen einen großzügig angelegten Parcours auf drei Etagen. Raumhohe Fenster gewähren spektakuläre Ausblicke und lassen so viel Tageslicht herein, dass künstliche Beleuchtung überflüssig wird: der richtige Rahmen für das Diözesan-Museum des Erzbistums Köln.

 

Heilige Drei Könige liegen im Dom

 

Das mächtigste und reichste katholische Bistum in Deutschland bewahrt seinen wertvollsten Schatz im Kölner Dom auf: der Dreikönigen-Schrein für die Gebeine der Heiligen Drei Könige gilt als größtes und kostbarstes Reliquiar aus dem Mittelalter, das erhalten geblieben ist. Doch das seit 1853 bestehende Diözesan-Museum beschränkt sich nicht darauf, altehrwürdige Sakralkunst zu horten.

 

Es kauft seit den 1990er Jahren systematisch zeitgenössische Werke an – wohl auch, um die Kirche vom Ruch stockkonservativen Banausentums zu befreien. Noch 2007 hatte der Kölner Kardinal Meisner ein abstraktes Farbpixel-Raster, das Starkünstler Gerhard Richter für ein Dom-Fenster gestaltet hatte, harsch kritisiert. Richters Entwurf wurde trotzdem umgesetzt.

 

Vier Reliquien-Schreine als Prunkstücke

 

Meisner dürften auch die Ausstellungen im Kolumba kaum gefallen. Es zeigt je ein Jahr lang eine wechselnde Auswahl seiner Sammlung, ergänzt um Leihgaben. Die Mottos sind meist recht wolkig gehalten, etwa „Hinterlassenschaft“ (2009) oder „denken“ (2011), um den Brückenschlag von religiöser Tradition zur eher profanen Gegenwart hinzubekommen. Da klingt „zeigen verhüllen verbergen – Schrein“ wohltuend konkret.

 

Prunkstück der Schau ist der Kirchenschatz von St. Servatius in Siegburg: vier Reliquien-Schreine aus dem 12. bis 15. Jahrhundert. Die Truhen in Hausform, verschwenderisch mit Metallbeschlägen, Email und Edelsteinen geschmückt, zeigen das außerordentliche Können der Goldschmiede im Kölner Raum. Zudem waren die Gebeine der Heiligen in erlesene Brokat- und Seidenstoffe aus dem Mittelmeerraum eingeschlagen, die ebenfalls ausgebreitet werden.

 

Leichenteile in Büsten-Brusthöhlen

 

Allerlei andere Reliquien-Behälter sind über die Räume verteilt; von unscheinbaren Dosen über schön verzierte Kästchen bis zu stattlichen Porträt-Büsten aus Holz: Sie bergen verehrungswürdige Leichenteile in einer Brust-Höhle. Über Entwicklungs- oder Stilgeschichte dieser Gefäße erfährt man allerdings nichts: Das Begleitheft – Wandtafeln fehlen – schweigt sich darüber aus.

 

Stattdessen kommentiert es wortreich die zeitgenössischen Exponate, die den meisten Platz beanspruchen. Das ist auch nötig: Fast alle haben mit dem Thema der Schau wenig zu tun. Es sei denn, man betrachtet die zentralen Begriffe „zeigen“ und „verbergen“ im allerweitesten Sinne, wie die Kuratoren.

 

Raunende Malerei-Metaphysik der Nachkriegszeit

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Renzension über die Ausstellung „CREDO – Christianisierung Europas im Mittelalter“ an drei Orten in Paderborn

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung „Kraftwerk Religion – Über Gott und die Menschen“  zu (Wechsel-)Wirkungen von Religionen im Deutschen Hygiene-Museum, Dresden

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung Schätze des Glaubens mit Meisterwerken der Sakralkunst im Mittelalter im Bode-Museum, Berlin.

 

Daher bescheinigen sie einer Farbschlacht des Kölner Malers Michael Toenges, darin „stecken etliche Bildentwürfe, die er überdeckt, verbirgt und zeigt“. Oder einem monochromen Farbfeld-Gemälde von Frederic Thursz, der 1992 in Köln starb, seine 22 Malschichten würden „Vorhänge beiseite schieben, um zu einem in der Bildtiefe verborgenen Gegenstand vordringen zu können“.

 

Diese raunende Malerei-Metaphysik war in der Nachkriegszeit beliebt, als das Publikum beim Anblick von Bildern noch Epiphanien erwartete wie zuvor vor Altären. Mittlerweile wirken solche Litaneien so veraltet wie Kofferradios, Schreibmaschinen und Plattenspieler, die sich in Vitrinen stapeln – Geschenke des Kölner Malers Werner Schriefers an das Museum. Was sein Design-Trödel in dieser Ausstellung zu suchen hat, bleibt unerfindlich.

 

Milde Gaben für lokale Kunstszene

 

Außer man beharrt darauf, dass jedes Ding irgendwas im Inneren enthält, dadurch irgendwie verhüllt und hervorbringen kann, so dass es sich „zeigt“: das Kofferradio Rundfunkwellen, die Schreibmaschine Buchstabenkombinationen, der Plattenspieler Musik usw. Dann lässt sich in dieser Schau alles unterbringen – womit sie durch unüberbietbare Beliebigkeit glänzt.

 

So willkürlich agiert das Kolumba aber nicht: Die meisten präsentierten Gegenwarts-Künstler leben in Köln oder Umland. Offenbar begreift es seine Ankaufspolitik als Unterstützung für die örtliche Szene, die seit der Wiedervereinigung unter Bedeutungsverlust leidet. Gegen milde Gaben für seine Schäfchen wäre nichts einzuwenden – würde das Museum diese regionale Leistungsschau nicht als Räsonnement über Menschheitsthemen im Dialog der Epochen deklarieren. Vor den vier Schreinen aus Siegburg verblassen alle Zeitgenossen.


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