München

Lina Bo Bardi 100 – Brasiliens alternativer Weg in die Moderne

Casa de Vidro São Paulo mit Lina Bo Bardi, 1949-1951, © Arquivo ILBPMB, Foto: Francisco Albuquerque, 1951. Fotoquelle: Architekturmuseum, München

Maximale Kommunikation mit minimalen Mitteln: Die Italienerin Lina Bo Bardi baute in ihrer Wahlheimat Brasilien wegweisende Häuser, Museen und Kulturzentren. Zum 100. Geburtstag der Architektin stellt die Pinakothek der Moderne ihr Werk ausführlich vor.

Vom Mussolini-Rationalismus zum tropischen International Style: Der Lebensweg der Architektin Lina Bo Bardi schlug einen weiten Bogen. Wobei sie ihren Prinzipien Transparenz und Reduktion auf Wesentliches treu blieb: Italiens faschistisches Regime war ästhetisch aufgeschlossener als die Nazis, und in Brasiliens Aufbruchsstimmung der 1950er Jahre war avantgardistische Baukunst willkommen.

 

Info

 

Lina Bo Bardi 100 – Brasiliens alternativer Weg in die Moderne

 

14.11.2014 – 22.02.2015

täglich außer montags

10 bis 18 Uhr,

donnerstags bis 20 Uhr in der Pinakothek der Moderne, Barer Straße 40, München 

 

Weitere Informationen

 

Zum 100. Geburtstag ehrt nun das Münchner TU-Architekturmuseum die hierzulande wenig bekannte Architektin mit einer Retrospektive in der Pinakothek der Moderne: Das Gesamtwerk von Bo Bardi (1914 – 1992) ist in Europa noch zu entdecken.

 

1946 nach Brasilien ausgewandert

 

Von Rom, wo Lina Bo geboren wurde und studierte, zog sie 1940 nach Mailand, wo sie für Design- und Architektur-Zeitschriften wie „Stile“ und „Domus“ tätig war. Dort lernte sie auch ihren Mann kennen, den Kunsthändler und -kritiker Pietro Maria Bardi; seinen Namen übernahm sie nach der Heirat. Das Paar wanderte 1946 ins aufstrebende Brasilien aus und kehrte nie nach Italien zurück.


Animierte Diaschau der Hauptwerke von Lina Bo Bardi; © Universidade do Estado do Mato Grosso


 

Bauten für Demokratisierung von Bildung

 

Beide fanden in der neuen Heimat schnell Zugang zur kulturellen Elite. Im gleichen Jahr ging das Land zur Demokratie über; mit ehrgeizigen Modernisierungs-Programmen wollte Brasilien zu den Industrienationen aufschließen. Dem setzte der Putsch von 1964 ein jähes Ende; die Militärdiktatur dauerte bis 1985.

 

Doch zu Beginn der Nachkriegs-Ära machte sich Bo Bardi mit kühnen Projekten einen Namen. Sie schuf eine übersichtliche Zahl von Bauten: Privathäuser, Sakralbauten, Museen und mehrere Kulturzentren– die zeigen, wie sehr die Demokratisierung von Bildung ihr ein Anliegen war.

 

Häuser aus Glas oder Rauputz + Stroh

 

1951 baute Bo Bardi ihr Wohnhaus „Casa de Vidro“ hoch über Sao Paulo um einen Baum herum: ähnlich spektakulär wie das „Glass House“ ihres US-Kollegen Philip Johnson in Connecticut von 1949, aber weniger radikal. Bo Bardis Haus in Hanglage ist zweigeteilt: vorne eine Glas- und Stahlkonstruktion auf Stützen, hinten geschlossene Fassaden. Damit verbindet es moderne Offenheit mit Rückzugsmöglichkeiten eines traditionellen Hauses und Respekt vor der Natur.

 

Bo Bardis Wohnbauten wirken stilistisch höchst divergent. Wer die „Casa de Vidro“ sieht, kann sich kaum vorstellen, dass sie auch die „Casa Cirell“ (1958) entworfen hat: samt rauer Putzfassade, Flachdach und mit Stroh gedeckten Veranden. Unaufdringlich originell sind auch ihre Kirchenbauten; beim kleinen Franziskaner-Kloster „Espirito Santo do Cerrado“ von 1976 greifen drei Kreise ineinander.

 

Stalinistin + Anti-Feministin

 

Die ganz große Geste wie bei Lucio Costa oder Oscar Niemeyer, die ab 1956 die neue Hauptstadt Brasilia aus dem Boden stampften, war ihre Sache nicht. Bo Bardis Ideal war orientiert an der sozialen Realität ihrer Wahlheimat: eine architettura povera als „Maximum an Kommunikation und Würde mit einem Minimum an bescheidenen Mitteln“. Dabei trat sie kompromisslos auf und nannte sich scherzhaft eine „Stalinistin und Anti-Feministin“, weil sie sich in der Macho-Welt von Baustellen auch ohne Frauen-Bonus durchsetzte.

 

Ihr erster großer öffentlicher Auftrag war 1957 die Planung eines Neubaus für das „Museo de Arte São Paulo“ (MASP), dessen Direktor seit 1947 ihr Mann war. 1968 wurde das Kunstmuseum eingeweiht; im selben Jahr wie die Neue Nationalgalerie von Mies van der Rohe in Westberlin. Was man dem MASP ansieht: eine ähnlich ausgefallene Lösung.

 

Centre Pompidou von São Paulo

 

Um die Blickachse auf einen Park nicht zu versperren, hängte Bo Bardi den Baukörper im Wortsinne an zwei roten Stahlarmen auf.Eine einzige, schmale und frei schwebende Treppe führt nach oben ins erste Stockwerk. Der riesige Ausstellungssaal kommt ohne Einbauten aus; Kunstwerke werden auf frei stehenden Stelen platziert.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier ein Beitrag über die Ausstellung “Ein Leben für die Architektur” – Werkschau des Fotografen Julius Shulman im Architekturmuseum Schwaben, Augsburg

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung “Das Verlangen nach Form” über Neoconcretismo der 1950/60er Jahre + zeitgenössische Kunst aus Brasilien in der Akademie der Künste, Berlin

 

und hier einen Beitrag über den Film „Die Poetin – Reaching for the Moon“ von Bruno Barreto über die Liebe der US-Dichterin Elizabeth Bishop zu einer Architektin in Brasilien.

 

Bo Bardis opus magnum wurde das Kultur- und Freizeitzentrum „SESC Pompeia“ für Arbeiter in einer früheren Fabrik; quasi das Centre Pompidou von São Paulo und 1977, im selben Jahr wie dieses, eröffnet. Der Komplex besteht aus Fabrikhallen mit Restaurants, Bibliothek und Ausstellungsräumen sowie drei Türmen aus Sichtbeton mit Sport- und Schwimmhallen. Rampen und Brücken verbinden die Etagen dieser vertikalen Sportstätte: ein spektakuläres Projekt, dessen Gestalt funktional begründet ist.

 

Abweisend manierierte Inszenierung

 

Wie einzigartig Bo Bardis architektonische Handschrift ist, sehen Besucher der Ausstellung sofort. Warum sie damit aber „Brasiliens alternativen Weg in die Moderne“ vorgezeichnet haben soll, wie der Titel vollmundig verkündet, lässt sich nur erahnen: Es fehlt ein Vergleich mit der übrigen Architektur sowohl in Brasilien selbst als auch im Rest der Welt.

 

Dagegen fällt die eigenwillige Inszenierung auf, die wohl Bo Bardis architettura povera nachahmen soll, aber eher manieriert wirkt: Durch den Saal windet sich eine Mauer aus rohen Ytong-Blocksteinen, an der Pläne und Fotos befestigt sind. Alle Erläuterungen sind handschriftlich verfasst; schön anzusehen, aber schlecht zu lesen. Dieser low cost look wirkt eher abweisend; damit befördert diese durchaus anschauliche Retrospektive Bo Bardis Bekanntheit in Deutschland weniger, als sie verdienen würde.


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