Frankfurt am Main

Coop Himmelb(l)au – Frankfurt Lyon Dalian

Musée des Confluences in Lyon, 2014; Architekten: Coop Himmelb(l)au, Wien; Foto: © Sergio Pirrone. Fotoquelle: Deutsches Architekturmuseum DAM, Frankfurt am Main

Wie Wiener Anarcho-Hippies zu Baumeistern der EZB wurden: Das Deutsche Architekturmuseum dokumentiert die Entwicklung der Coop Himmelb(l)au. Drei neue Großprojekte machen deutlich: Mehr dekonstruktivistischer Mut täte heutigem öden Städtebau gut.

Nach oben offen: Der Name „Baucooperative Himmelblau“, später zu „Coop Himmelb(l)au“ abgewandelt, deutet bereits an, wie unkonventionell dieses Wiener Architekturbüro von Anfang an war. Im Gründungsjahr 1968 erklärten Wolf D. Prix, Helmut Swiczinsky und Michael Holzer den Namen so: „Coop Himmelblau ist keine Farbe, sondern die Idee, Architektur mit Phantasie leicht und veränderbar wie Wolken zu machen.“

 

Info

 

Coop Himmelb(l)au –
Frankfurt Lyon Dalian

 

06.05.2015 – 23.08.2015

täglich außer montags

11 bis 18 Uhr,

mittwochs bis 20 Uhr

im Deutschen Architekturmuseum, Schaumainkai 43, Frankfurt am Main

 

Weitere Informationen

 

Das war keine wolkige Phrase. Lange konzentrierte sich das Trio auf experimentelle bis utopische Projekte, die besser in den Kunstkontext als zu praxisorientiertem Hochbau passten. Gemäß der Grundidee von „luftiger“, veränderbarer Architektur experimentierte das Studio mit pneumatischen Strukturen. Etwa beim Entwurf zur „Villa Rosa“ (1968): Eine Art Gerüst sollte verschiedene, aufblasbare Ballons tragen, die Wohn- und Nutzflächen boten.

 

Erstes Projekt 1977, erstes Gebäude 1987

 

Im Deutschen Architekturmuseum (DAM) ist die „Villa Rosa“ Teil einer Werkschau aller Projekte des Studios von 1967 bis heute. Es fällt auf, wie wenige davon realisiert worden sind: Der erste Entwurf, der tatsächlich gebaut wurde, war 1977 die Inneneinrichtung der „Reiss Bar“ in Wien. Danach dauerte es weitere zehn Jahre, bis die Wiener mit dem „FunderMax“-Werk im österreichischen Sankt Veit an der Glan ihr erstes komplettes Gebäude errichten konnten.

Rundgang über das EZB-Gelände; © Frankfurt SGE


 

Von Brand-Architektur zum Dekonstruktivismus

 

Zu Beginn der 1980er Jahre war bei Coop Himmelb(l)au die einstige hippieske Attitüde einem deutlich aggressiveren Tonfall gewichen. 1980 formulierten sie in einem Pamphlet: „Wir wollen Architektur, die leuchtet, die sticht, die fetzt und unter Dehnung reißt. Wenn sie kalt ist, dann kalt wie ein Eisblock. Wenn sie heiß ist, dann so heiß wie ein Flammenflügel. Architektur muss brennen.“

 

Mitte des Jahrzehnts begann eine dritte Phase, die bis heute anhält: das Konzept der Zerlegung und anschließender Neuformation. Bald wurde es Dekonstruktivismus genannt; dieser Stil zeichnete sich durch zerklüftete, asymmetrische Formen aus. Ihm wurden beispielsweise auch der US-Amerikaner Frank Gehry oder die britisch-irakische Architektin Zaha Hadid zugerechnet.

Impressionen vom Dalian International Conference Center; © Coop Himmelb(l)au


 

Anarchische Formenvielfalt

 

Bekannte dekonstruktivistische Projekte von Coop Himmelb(l)au sind der Pavillon des Kunstmuseums in Groningen (1994) und der Ufa-Kristallpalast in Dresden (1998); ein Multiplex-Kino, das wie ein zersplitterter Kristall aussieht. Nach der Jahrtausendwende bewahrten sich die Entwürfe des Büros, im Gegensatz zu denen von Gehry oder Hadid, viel von ihrer anarchischen Formenvielfalt – wobei sie zugleich geschmeidiger ausfielen, etwa die 2007 in München eröffnete „BMW-Welt“ in München.

 

Konzepte und Geschichte von Coop Himmelb(l)au finden sich auf großformatigen Plakaten an den DAM-Wänden. Im Fokus der Schau stehen drei aktuelle Großprojekte des Büros: der im März eröffnete Sitz der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt, das Dalian International Conference Center in China (DICC) von 2012 und das Ende 2014 eingeweihte Musée des Confluences (MdC) in Lyon. Die drei Bauten werden ausführlich vorgestellt: Zahllose Pläne und Modelle dokumentieren anschaulich, wie lang der Weg von der ersten Idee bis zum fertigen Gebäude ist.

Feature (auf Französisch) zum Musée des Confluences; © Euronews


 

Mischmasch-Gebäude wie gestrandeter Blauwal

 

Im Fall der EZB zeigt eine fast unüberschaubare Menge von Arbeitsmodellen aus blauem Hartschaum, wie der ursprüngliche Entwurf von 2004 immer weiter verfeinert wurde. Anfangs lehnten zwei Hochhaus-Scheiben aneinander; im Lauf der Jahre verschmolzen sie zum jetzigen polygonen, elegant in sich verdrehten Gebilde. Es integriert die historische Großmarkthalle von Frankfurt in den Gesamtbau; das bezeichnet Coop-Chef Wolf D. Prix als sein Meisterwerk.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung „Zoom! Architektur und Stadt im Bild“ über aktuelle Architektur-Fotografie in der Pinakothek der Moderne, München

 

und hier eine Besprechung der Architektur-Biennale 2014, kuratiert von Rem Koolhaas, in Venedig

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung “Kultur:Stadt” über wegweisende Kulturbauten weltweit in Berlin + Graz

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung Eastern Promises über zeitgenössische Architektur in Ostasien im MAK, Wien

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung 52 Wochen, 52 StädteFotografien von Iwan Baan im AIT Architektur Salon, Köln

 

Weniger meisterlich sieht das DICC aus: ein seltsamer Mischmasch aus Oper und Konferenzgebäude am Hafen der chinesischen Millionenstadt, der auch optisch recht unentschlossen wirkt. Das Konglomerat weckt eher unappetitliche Assoziationen an einen gestrandeten Blauwal, aus dem hier und da ein paar dicke Scheiben heraus geschnitten wurden – obwohl Walfang längst verboten ist.

 

Sprössling von Saurier + Raumschiff

 

Großartig erscheint hingegen das Musée des Confluences in Lyon: Es mutet wie der groteske Sprössling aus der Paarung eines prähistorischen Ungeheuers mit einem Raumschiff an. Dicke, eckige Gebäudenasen ragen wie Saurier-Köpfe aus dem komplexen Korpus heraus. Gewaltige, stützenartige Elemente, die sich nach unten verjüngen, wirken wie Beine. Das gigantische Glasdach stülpt sich nach innen; es läuft in der Mitte des imposanten Atriums als freistehender Trichter aus.

 

Solche kühnen Formen sind späte Triumphe der visionären Coop-Querdenker, die jahrzehntelang Unrealisierbares entwarfen, bis neue Computer- und Fertigungstechniken ab den 1990er Jahren ihre Vorstellungen umsetzbar machten. Diese mutige, unberechenbare Architektur schert sich keinen Deut um rechtwinkligen Bauhaus-Funktionalismus. Eigenwillige Solitäre wie die EZB oder das MdC in Lyon stellen sich selbstbewusst dem Betrachter als anregende Reibungsfläche entgegen.

 

Mitgründer wird verschwiegen

 

Allerdings findet sich in der gesamten Ausstellung kein einziger Hinweis auf Helmut Swiczinsky, 1968 Mitgründer der „Baucooperative Himmelblau“. Er arbeitete bis 2006 mit und war auch an den EZB- und MdC-Projekten beteiligt; dass Coop-Chef Wolf D. Prix dies unterschlägt, ist mehr als schäbig. Was die Qualität der präsentierten Werke nicht mindert: Mehr solcher kreativen Querköpfe wie im Wiener Büro täte heutiger Architektur gut, die durch fade Investoren-Serienbauten verödet.


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